Jetzt mahlen die Mühlen der Justiz

Hygiene-Skandal: Prozess gegen Müller-Brot startet

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Blick in eine Müller-Filiale 2012.

München - Ab Montag müssen sich drei Ex-Manager von Müller Brot vor dem Landgericht Landshut wegen Wirtschaftsdelikten und Hygieneverstößen verantworten. Die tz erklärt die Lage:

Vor mehr als dreieinhalb Jahren blieben vielen die Brezen und Semmeln von Müller-Brot im Hals stecken. Als die Behörden die Backfabrik in Neufahrn Ende Januar 2012 stilllegen ließen, hieß es zunächst, ein Brand sei die Ursache. Doch schnell stellte sich heraus, dass jahrelange Probleme mit Mäusedreck, Schaben und Schimmel der echte Grund war, warum plötzlich alle Backstraßen in Eching stillstanden. Auf ihnen waren täglich eine Million Brezen und eine Million Semmeln, 220 Tonnen Gebäck und mehr als 70 000 Brotlaibe gebacken worden. Unter zum Schluss ekelerregenden, wenn auch nicht gesundheitsgefährdenden Bedingungen.

Geschäftsführer Klaus-Dieter Ostendorf (69) äußerte sich im tz-Interview nach der Zwangsschließung „überrascht“ und „sehr getroffen“ – allerdings hatte es zuvor bereits ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden gegeben – immer wieder wurden Hygienemängel beanstandet. Bis das Freisinger Landratsamt ernst machte. Rund 1300 Mitarbeiter standen auf der Straße, die Maschinen standen still. Sie wurden vom Insolvenz­verwalter verkauft. Das Filialnetz und die Markenrechte gingen an die Müller-Höflinger GmbH, die im ehemaligen Betriebsgelände bis heute ihre Logistik und Verwaltung hat. Chefin Evi Müller ist die Tochter des Firmengründer Hans Müller (85), der das Unternehmen 2004 verkauft hatte.

Das ehemalige Produktionsgebäude wurde Ende 2013 samt Erbbaurecht verkauft, Eigentümerin ist inzwischen die JMG Immobilien Projekt GmbH. Es gibt auch neue Mietinteressenten: Die Kirche möchte dort einen Teil ihres Archivs unterbringen, die Bayerische Staatsoper plant ein Lager. Rechtlich ist die Geschichte aber noch nicht aufgearbeitet – aber das kommt jetzt. Ab heute müssen sich drei Ex-Manager vor dem Landgericht Landshut wegen Wirtschaftsdelikten und Hygieneverstößen verantworten. Die tz erklärt die Lage:

Die Anklage: Drei Ex-Manager von Müller-Brot – Hauptgeschäftsführer Klaus-Dieter Ostendorf (69), Stefan H. (49) und Jürgen K. (63) – stehen ab Montag vor dem Landgericht Landshut. „Es ist sehr, sehr umfangreiches Beweismaterial. Das ist der Hauptgrund dafür, dass es so lange dauerte, bis es zum Prozess kommt“, sagt Rainer Wiedemann, Vizepräsident des Landgerichts Landshut.

Erster Anklagepunkt ist Betrug. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, sie hätten die wahre Finanzlage des Unternehmens bewusst verschleiert, um so an weitere Kredite zu kommen. Indem sie zum Nachteil des Unternehmens Gelder abschöpften, sollen sie sich zudem mutmaßlich der Untreue schuldig gemacht haben.

Blick ins Werk nach einer Säuberungs-Aktion.

Ostendorf wird vorgeworfen, 518 000 Euro an sein edles Zuchtgestüt in Norddeutschland überwiesen zu haben. Laut Staatsanwaltschaft war Müller-Brot 2010 teils und ab November 2011 voll zahlungsunfähig – bereits damals hätte Insolvenz angemeldet werden müssen. Dennoch bestellten die drei Geschäftsführer Waren und Dienste im Wert von 1,65 Millionen Euro. Die Ermittler werfen den Managern auch vor, dass sie an der Sauberkeit sparten, obwohl sie die Zustände kannten.

Stefan H.s Anwalt zeigte sich gegenüber der SZ zuversichtlich, Teile der Vorwürfe gegen seinen Mandanten entkräften zu können.

Hubert Ampferl, Insolvenzverwalter der Firma Müller-Brot.

Insolvenzverwalter Hubert Ampferl vertritt die Interessen von 1240 Gläubigern. Er hat in ­deren Namen Klaus-Dieter Ostendorf zivilrechtlich auf 20 Millionen Euro Schadenersatz verklagt. Die tatsächliche Schadenssumme sei übrigens „weit höher“, sagt Ampferl, die Forderungen der Gläubiger erreichten eine Gesamthöhe von rund 85 Millionen ­Euro.

Klaus-Dieter Ostendorf: In den tz-Interviews vom Frühjahr 2012 war der ehemalige Mehrheitseigner und Mitgeschäftsführer Klaus-Dieter Ostendorf (69) gesprächiger als vier Tage vor Prozessbeginn, als ihn die tz wieder telefonisch erreichte. Zur Anklage wollte er sich nicht äußern, „das müssen Sie entschuldigen“.

Klaus-Dieter Ostendorf bei einem ­Golfturnier.

Vormals hatte Ostendorf gegenüber der tz gegen die Behörden gewettert: „Jetzt ist der Betrieb seit acht Wochen geschlossen. Das ist absolut einzigartig in der Geschichte Deutschlands.“ Sein damaliger Versuch, das Unternehmen in abgespeckter Version aus der Insolvenzmasse herauszukaufen, scheiterte. Ostendorf zog sich danach auch aus seinen Beteiligungen an weiteren Backfabriken zurück. Bis Ende 2014 firmierte er noch als der Geschäftsführer des noblen Gestüts Famos in Syke bei Bremen, das einige der erfolgreichsten deutschen Sportpferde hervorbrachte. An dieses Gestüt sollen von Müller-Brot über die Jahre insgesamt 518 000 Euro überwiesen worden sein – deklariert als Werbe-Ausgaben. Ostendorf ist angeklagt wegen gemeinschaftlichen Betrugs und 18-facher Untreue wegen der Überweisungen an das Gestüt.

Hans Müller.

Hans Müller: „Das sind alles Verbrecher. Ich hoffe, sie kommen für lange Jahre ins Gefängnis“, sagt Hans Müller (85). Den Prozess will er aber nur aus der Ferne verfolgen, „sonst regt mich das alles zu sehr auf“. Er hat das Unternehmen gegründet und es 2004 an Ostendorf verkauft, mit damals 387 Filialen. Seiner Meinung nach haben die neuen Eigentümer das Unternehmen nach der Übernahme „mit System und geplant heruntergewirtschaftet“. „Als erstes haben sie mein Hygienemanagement abgeschafft, weil das kein Geld bringt“, sagt er.

In den 2000er Jahren war Müller-Brot der viertgrößte Backwarenhersteller Europas. Dass er den Betrieb verkauft hat, bezeichnet Hans Müller heute als „unverzeihlichen Fehler“. Der Grund sei die unheilbare Krankheit seines Sohnes Hans Müller gewesen. Hans Müller junior starb am 5. Februar 2012, mitten im Hygieneskandal.

Evi Müller und Franz Höflinger:Ostendorf und die anderen Manager hätten „unendlich viel Unheil verursacht. Ich hoffe auf schnelle Urteile“, sagt Gründertochter Evi Müller. Sie und der Münchner Bäckermeister Franz Höflinger haben am 7. April 2012 das Filialnetz von Müller-Brot übernommen und führen es unter dem Namen Höflinger-Müller. „Es war eine harte Zeit, aber inzwischen wissen die Kunden, dass wir mit den Schweinereien bei Müller-Brot nichts zu tun hatten“, sagt Evi Müller. Inzwischen haben die beiden wieder rund 600 Mitarbeiter, davon arbeiten 170 in Neufahrn/Eching in der Verwaltung und Logistik. In Niederbayern haben die beiden Anfang 2015 die insolvente Bäckereikette Weinzierl aus Wallersdorf übernommen. Die restlichen Backwaren werden bei anderen Bäckereien im Auftrag produziert. Die Brezen, nach Originalrezept des Vaters gebacken, gibt es inzwischen wieder in vielen Wirtschaften, etwa auf dem Nockherberg.

Susanne Sasse

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