Kommt die gläserne Backstube?

Müller-Skandal: Was ein Jahr danach passiert ist

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Ein Laster mit Lebensmittel-Abfällen verließ in Neufahrn den Betriebshof der Großbäckerei Müller-Brot.

München - Ein Jahr nach dem Skandal: Woher kommt jetzt das Müller-Brot? Was wird aus der Skandal-Fabrik? Was wurde aus den Mitarbeitern? Und was macht eigentlich Ostendorf? Wir beantworten alle Fragen.

In der Neufahrner Backfabrik werden wohl nie wieder Waren von MüllerBrot produziert. Heute vor einem Jahr wurde der Betrieb wegen extremer Hygienemängel geschlossen. Und entgegen der Ursprungspläne der neuen Eigentümer Franz Höflinger (45) und Evi Müller (55) spielt der Standort keine Rolle mehr.

Wie die tz exklusiv erfuhr, ist der Pachtvertrag mit den Eigentümern zum 30. Juni gekündigt. Die beiden Firmenchefs suchen bereits nach einem neuen Standort im Münchner Umland – mit dem großen Ziel, dort einen verkleinerten, handwerklichen Betrieb mit einer „gläsernen Backstube“ zu eröffnen. „Damit wollen wir das Vertrauen in unsere Produkte noch mehr zurückgewinnen“, sagte Höflinger zur tz.

Zur Erklärung: Höflinger und Müller, die Tochter des Firmengründers Hans Müller (82), hatten 149 der 243 Filialen des unter dem Brezn-Baron Klaus Ostendorf in die Insolvenz geschlitterten Konzerns am 7. April übernommen. Verwaltung, Auslieferung und Logistik der Höflinger-Müller GmbH (dazu gehören auch Höflingers Stammbetrieb und der bayerisch-französische Backwarenvertrieb Brioche Dorée) sitzen in Neufahrn. Die über 50 000 Quadratmeter große Backhalle steht jedoch still.

So wie es aussieht, werden sich Müller und Höflinger aber bald komplett von dort zurückziehen. „Die Zeichen stehen auf Abschied. Wir sind in sehr guten Verhandlungen für Alternativstandorte im Münchner Umland“, verrät Höflinger. Denkbar sind alle Modelle: Neubau oder Umbau einer bestehenden Immobilie auf Kauf- oder Pachtbasis. Derzeit werden die Backwaren von 20 „befreundeten Bäckern aus der Region“ nach den original Müller-Rezepten produziert, sagt der Firmenchef. Neufahrn sei nur noch eine Option, wenn sich wider allen Vorzeichen doch noch ein konstruktives Ergebnis mit dem Insolvenzverwalter, der Commerzbank als Hautgläubiger der Os-tendorf-Pleite und den vielen Grundstücks-eigentümern ergibt.

„Wir wollen unsere eigenen Produkte in einer Bäckerei herstellen, in der die Besucher zuschauen können.“ Höflinger ist bereit, dafür mehrere Millionen Euro zu investieren, die für einen Neubau fällig würden. Massiv Geld hat er bereits in die Filialen gesteckt – mit Erfolg: „Wir haben dort mittlerweile wieder den Umsatz wie vor dem Skandal und teilweise sogar drüber.“ 450 Mitarbeiter arbeiten heute für Müller, Tendenz steigend. „Wir suchen derzeit Verkäuferinnen und später brauchen wir Bäcker.“ Die Marke Müller, so scheint es, hat das Schlimmste hinter sich.

Stefan Dorner

Woher kommen jetzt die Müller-Produkte?

Tschechien, Polen, Ungarn. Wenn Franz Höflinger die Gerüchte hört, woher die Produkte in den 149 Müller-Filialen kommen sollen, steigt in ihm der Zorn hoch. „Das ist absoluter Blödsinn!“ Bei seiner Ware handle es sich um frische Produkte, die nach den original Müller-Rezepten von „20 befreundeten Bäckern gefertigt werden“. Dabei handle es sich nur um Innungsbetriebe, versichert der 45-Jährige.

Bis Müller wieder selbst produzieren kann, werden die rund 120 verschiedenen Produkte, die es an den Theken der Müller-Filialen zu kaufen gibt, zugeliefert und über das Logistikzentrum in Neufahrn vertrieben. „Dieser Bereich war übrigens nicht einmal während des Skandals und vor unserer Übernahme von der Sperre betroffen“, erklärt er. „Die Mängel bezogen sich ausschließlich auf die Produktionsanlagen“, stellt Höflinger klar.

Seit er mit Evi Müller den Betrieb übernommen habe, stünde der Betrieb unter ständiger Beobachtung der Überwacher. Doch bei 60 Kontrollen in der Zentrale und den Filialen habe es nirgends Beanstandungen gegeben. „Unser Betrieb liegt lebensmittelrechtlich weit über dem Standard“, versichert Höflinger.

DOS

Was passiert mit der Skandal-Fabrik?

Ist das ehemalige Herzstück von Müller- Brot, die Backfabrik in Neufahrn, bald tatsächlich ein Scherbenhaufen? Die Öfen in der 54 000 Quadratmeter sind seit einem Jahr kalt. Die neuen Eigentümer suchen bereits einen neuen Standort.

Insolvenzverwalter Hubert Ampferl hat jetzt eine Heizung einbauen lassen, damit der Frost nicht die Wasserrohre bersten lässt. Ampferl ist seit einem Jahr der Chef auf dem sieben Fußballfelder großen Gelände und als Insolvenzverwalter dafür zuständig, dass die Gläubiger von Müller-Brot wenigstens einen Teil ihrer Forderungen, die sich auf mehr als 80 Millionen Euro belaufen, zurückbekommen. Nicht einfach, denn der geplante Verkauf an Evi Müller und Franz Höflinger ist wohl gescheitert, und außerdem sind die Eigentumsverhältnisse in Neufahrn sehr schwierig. Von den 44 000 Quadratmetern gehören nur 18 000 dem Unternehmen, die restlichen 26 000 Quadratmeter sind Eigentum einer vierköpfigen Erbengemeinschaft.

Die ehemaligen Mitarbeiter sprechen über einen eventuellen Wiedereinstieg der Firma Backwelt, in der bis vor Kurzem Klaus Ostendorf die Geschäfte antrieb, und der Müller-Brot in den Ruin führte.

Ampferl sagte der SZ, er stehe in Verhandlung en mit Interessenten, deren Namen er aber nicht nennen dürfe – es seien Firmen, deren Namen im Zusammenhang mit Müller-Brot bislang nicht genannt wurden.

Susanne Sasse

Was wurde aus den Mitarbeitern?

Auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass die Behörden die Müller-Brot-Fabrik in Neufahrn geschlossen haben. Von den 1100 Mitarbeitern konnten nach der Insolvenz 450 weiterbeschäftigt werden. Doch auch die meisten anderen haben mittlerweile wieder einen Job gefunden, 103 sind noch arbeitslos gemeldet.

Recep Bilgi (46) war 31 Jahre bei Müller-Brot, die letzten Jahre als Anlagenführer der größten Backstraße Linie 25. „Die Insolvenz war ein Schock, wir haben bis zur letzten Minute geputzt, und dann lässt man uns einfach hängen ohne einen Cent Abfindung.“ Seit Oktober arbeitet Bilgi nun bei der Hof-pfisterei. „Das ist das Beste, was mir nach MüllerBrot passieren konnte“, sagt er. Schließlich hat der Familienvater den Kredit für ein Haus abzubezahlen. „Arbeitslos zu sein, war für mich eine schlimme Erfahrung, die ich nie mehr machen möchte!“ Jetzt hofft er, dass er nach der Probezeit übernommen wird.

Marina Eichhammer (43), ehemals Verkäuferin, traf die Insolvenz völlig unerwartet: „Ich bekam eine SMS von der Betriebsleitung, ich solle Inventur machen und mich dann melden. Dann wurde ich freigestellt.“ Nie habe sie mitgekriegt, dass da etwas im Busch sei. „Wir Mitarbeiter waren die Letzten, die es erfahren haben – und die Ersten, die es gespürt haben.“ Obwohl sie heute eine andere Stelle gefunden hat, vermisst die alleinerziehende Mutter die Zeit bei Müller-Brot – vor allem „das Backen und die nette Kundschaft“.

„Müller-Brot ist ein dunkles Kapitel in meinem Leben, und es ist leider immer noch nicht ausgestanden“, sagt der ehemalige Pächter Oliver Deringer (43). Er betrieb mit seiner Frau Dulmi (30), die vor elf Monaten den gemeinsamen Sohn Janie Oliver bekam, eine Filiale in Solln. Diese wurde von Müller und Höflinger geschlossen. „Ich bekam von ihnen meine Kaution von 10 000 Euro nicht zurück, obwohl sie das Inventar wie Tassen und Möbel übernahmen, dafür wurde mir auch nichts gutgeschrieben“, ärgert sich Deringer. Stattdessen bekam er eine Rechnung über 6000 Euro für gelieferte Waren. Deringer ist jetzt Bezirksagent bei Generali in Bad Tölz.

Und was macht Ostendorf?

Noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft Landshut gegen den ehemaligen Back-Baron Klaus Ostendorf (67), seinen Geschäftsführer Stefan Huhn und die anderen Ex-Verantwortlichen. „Ich kann in Sachen Müller-Brot wegen der laufenden Verfahren nichts sagen“, sagte Ostendorf zur tz. „Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, da wir noch auf ein Gutachten warten“, bestätigte Oberstaatsanwalt Markus Kring. Gelinge in Bezug auf die strafrechtlich relevanten Verstöße gegen das Lebensmittelgesetz der Tatnachweis, könnten durchaus noch mehr Beschuldigte hinzukommen. Ob Insolvenzverschleppung vorliegt, also Müller- Brot schon vor dem 16. Februar 2012 zahlungsunfähig war, werde die Staatsanwaltschaft „in ein paar Wochen“ wissen, so Kring.

tz

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