Bäume gegen die Hitze

München 2030: Experten-Prognosen für Zukunft der Innenstadt - Kommt das Ende der Autos?

München: So könnte das Tal in der Münchner Altstadt aussehen.
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München: So könnte das Tal in der Münchner Altstadt aussehen.

Wie sieht München in der Zukunft aus? Vor allem wie verändert sich die Innenstadt in der Landeshauptstadt? Bäume statt Blech? Experten stellen die wichtigsten Entwicklungen vor.

  • München 2030: Wie sieht München* - die Münchner Innenstadt in zehn Jahren aus?
  • Die Corona-Pandemie beschleunigt Prozesse, die nach Ansicht von Experten schon in der Luft liegen.
  • Eine Chance für die Innenstadt und das Leben der Münchner?

München - Ein Blick in die Zukunft – wer würde ihn nicht gerne wagen. Wie sieht die Münchner Innenstadt in zehn Jahren aus? Entscheidende Veränderungen deuten sich bereits an. „Die Corona-Krise beschleunigt Prozesse, die bereits in der Luft liegen“, sagt Professor Benedikt Boucsein von der Technischen Universität München (TUM). Ähnlich sehen es Professor Stephan Kippes, Leiter des Marktforschungsinstitutes des Immobilienverbandes Deutschland (IVD) Süd, sowie Stadtbaurätin Dr. Elisabeth Merk. Hier erklären die Experten die wichtigsten Entwicklungen:

Die Corona-Krise beschleunigt Prozesse, die bereits in der Luft liegen

Professor Benedikt Boucsein von der TUM

München 2030 - Mehr Grünflächen gegen den Hitzeeffekt in der Innenstadt

Die Innenstadt der Zukunft soll vor allem eins werden: grüner. „Das ist gerade auch für das Stadtklima der Zukunft essenziell“, erklärt Professor Benedikt Boucsein vom Lehrstuhl Urban Design der TUM. Schließlich steigen die Temperaturen durch den Klimawandel. Und in der Innenstadt sind die Hitzeeffekte stärker spürbar als in äußeren Stadtbezirken. „In spätestens 30 Jahren sind wir darauf angewiesen“, so Boucsein. Am Georg-Kronawitter-Platz sind bereits Baumbepflanzungen geplant. In München wird es im Sommer immer heißer. Experten warnen erneut vor extremer Hitze in der Landeshauptstadt. Diese Entwicklung lässt sich kaum stoppen*.

Professor Benedikt Boucsein von der TUM.

Mehr Bäume, weniger Autos – so könnte die Zukunft aussehen. Eine autofreie Innenstadt würde wiederum bedeuten, dass mehr Platz zur Verfügung steht, der beispielsweise Fußgängern und Radfahrern zugutekommen kann. Beim städtischen Planungsreferat arbeitet man daher an einem Freiraum-Quartierskonzept für die Innenstadt. „Es ist Teil einer grünen Vision“, erklärt Stadtbaurätin Merk. Auch ein Offenlegen ehemaliger Seitenarme der Isar oder Bachzuläufen sei denkbar. 

Sinkende Mieten und mehr Leerstand - Konzept für mehr Wohnungen in der Münchner Altstadt

„Es ist fraglich, ob die hohen Mieten in den Geschäftskernlagen noch in dieser Höhe erzielt werden können“, meint IVD-Experte Kippes. Denn: Sinkt die Flächenproduktivität, sprich die Höhe des Umsatzes, der generiert werden kann, müssen auch die Mieten fallen. „Ich könnte mir auch vorstellen, dass Vermieter künftig mehr an ihren Immobilien machen müssen, um sie attraktiv zu halten“, so Kippes. „Leerstand in der Kaufingerstraße kann ich mir aber nicht vorstellen.“ Anders sieht das in sogenannten Nebenkernlagen aus, wie beispielsweise in Pasing. Trotz weit niedriger Mieten ist hier das Leerstandsrisiko höher.

Prof. Dr. Stephan Kippes

Eine Chance wäre die Umnutzung: Statt Einzelhandel könnten hier vermehrt Dienstleistungen ein Zuhause finden. „Beispielsweise Friseure, aber auch Kitas sind denkbar“, so Kippes.

Leere Ladengeschäfte könnten künftig zunehmen – dafür kann es eine Chance für mehr Wohnraum sein.

Das Onlinegeschäft floriert und der stationäre Einzelhandel leidet – dieser Prozess zeichnet sich seit Langem ab. In der Innenstadt der Zukunft werden vermutlich aber gerade hybride Formen vorhanden sein, sprich: eine Kombination aus digital und vor Ort. Online die Lebensmittel bestellen und nach Feierabend im Laden abholen, Bedienautomaten, die einem beim Kleiderkauf die richtige Jeansgröße verraten – das alles gibt es bereits in Amerika. Kippes schätzt: „Das wird auch bei uns erheblich zunehmen.“

Weniger genutzte Ladenfläche könnte mehr Wohnungen bedeuten. Laut Stadtbaurätin Merk gibt es bereits Konzepte, die in der Altstadt 30 Prozent Wohnen vorsehen. Schaut man innerhalb des Mittleren Rings, so ist das Potenzial für neuen Wohnraum noch größer. 

Die Innenstadt als Einkaufsmonopol – das könnte künftig vorbei sein

Die Innenstadt als Einkaufsmonopol – das könnte künftig vorbei sein. „Betrachtet man das Ganze historisch, dann ist es nun mal nicht in Stein gemeißelt, dass die Innenstadt in erster Linie aus Einkaufsmöglichkeiten besteht“, sagt Professor Benedikt Boucsein. Das habe sich erst in der Nachkriegszeit entwickelt. Während vor dem Krieg in den Innenstädten vermehrt auch gewohnt wurde, fand nach Kriegsende in mehreren Großstädten eine Funktionstrennung statt. Benedikt Boucsein hält es für möglich, dass sich diese Entwicklung wieder umdreht. Heißt: Die Innenstadt könnte wieder vermehrt zum pulsierenden Stadtviertel werden.

Stadtbaurätin Dr. Elisabeth Merk.

Eine Entwicklung, die auch Stadträtin Dr. Elisabeth Merk für möglich hält. Insbesondere im Hinblick auf eine Mischnutzung. Handwerk und junge Start-ups könnten in die Innenstadt kommen und diese beleben und „von innen heraus verjüngen“, so Stadtbaurätin Merk. Geht es nach ihr, sollten auch Kultur und Bildung und Schaffende der Kreativ- und Kulturwirtschaft künftig mehr Platz in der Innenstadt haben. „Das würde die Identität der Altstadt weiter prägen.“

Die Innenstadt als Ort der Begegnung, an dem sich die Münchner wohlfühlen. So sieht das übrigens auch Signa, die Firma von Mega-Investor René Benko*. Ihm gehören inzwischen mehrere „Filetstücke“, wie die Alte Akademie. Die Innenstadt solle ein „Lieblingsort“ sein, betont Geschäftsführer Tobias Sauerbier. Für die Zukunft sei eine „konsequente Abkehr von monostruktureller Gebäudenutzung und Stärkung der Vielfältigkeit“ wichtig.

Gert Fritjof Goergens (77), Stadtplaner und Architekt, war 17 Jahre lang der Stadtheimatpfleger Münchens. Er musste zusehen, wie einige Gebäude verschwanden, obwohl sie denkmalwürdig waren. *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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