Kissen ins Gesicht gedrückt

Mordversuch im Altenheim

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Im AWO-Haus in der Gravelottestraße geschah die unfassbare Tat unter Nachbarinnen

München - Eine 78 Jahre alte Rollstuhlfahrerin hat in einem Altenheim in Haidhausen versucht, ihre Zimmernachbarin mit einem Kissen zu ersticken. Nun ermittelt die Mordkommission.

Es war wohl ein Akt der Verzweiflung, ein Hilferuf einer dementen und depressiven Seniorin im Heim – der möglicherweise fast einen anderen Menschen das Leben gekostet hätte: Eine 78-jährige Bewohnerin des AWO-Altenheims in der Gravelottestraße (Haidhausen) hat laut Polizei versucht, ihre 79-jährige Zimmernachbarin zu töten. Im Rollstuhl sitzend habe sie der bettlägerigen Mitbewohnerin das Kissen aufs Gesicht gedrückt, sagt Wohnbereichsleiter Levent Erimoglu (36) – bis er eingreifen und Schlimmeres verhindern konnte! Die Mordkommission ermittelt.

Donnerstag, kurz nach 17 Uhr, Wohnbereich 3: Altenpfleger Erimoglu bringt vor dem Abendessen die Tabletten der Bewohner von Zimmer zu Zimmer – ein Routine-Gang. Hinter einer Tür eröffnet sich das schreckliche Bild. „Ich habe sofort das Kissen weggenommen“, sagt Erimoglu der tz. „Ich weiß nicht, wie lange das schon gedauert hat. Das Opfer war aber noch nicht angelaufen und hatte die Augen geöffnet.“ Er bringt die Tatverdächtige zurück ins Bett – sie kann ja nicht allein aufstehen. „Ich habe sie gefragt, was das soll“, sagt der Wohnbereichsleiter. „Da hat sie geantwortet: Alle schauen nur auf die!“

Erimoglu kann das mit Blick auf das Leben der mutmaßlichen Täterin nachvollziehen: „Das war ein Hilfeschrei.“ Die Frau wurde in der Türkei geboren, lebt aber seit Jahrzehnten in Deutschland. Bis ins hohe Alter sei sie lebenslustig gewesen, ging noch in die Disco zum Tanzen, bestätigt der Pflege-Chef der Arbeiterwohlfahrt, Hans Kopp (50). Dann das Leben in Heim, Demenz und Depression.

„Für eine türkische Frau bekommt sie wenig Besuch“, sagt Erimoglu. Ihr Sohn sei gelegentlich da. „Andere türkische Frauen bekommen täglich Besuch.“ Die Dame fühle sich wohl allein und abgeschoben. Vor zwei Jahren war die Frau laut AWO aus einem anderen Heim in die Gravelottestraße gewechselt – auch um ihr türkisches TV-Programm anzubieten. In der Pflege gebe es keine Unterschiede, sagt Erimoglu. Natürlich hätte er aber auch gerne mehr Zeit für seine Bewohnerinnen. Nach dem Vorfall versuchte die Verdächtige laut Polizei, sich im Bett mit dem Notruf-Kabel zu strangulieren – bis Erimoglu eingriff. Sie wurde in Haar in der Psychiatrie untergebracht.

Es habe für die Tat keine Anzeichen gegeben, keinen Streit, keine Schreie – auch nicht am Tag des Vorfalls. Und die beiden Damen leben seit zwei Jahren zusammen. Die bettlägerige Zimmernachbarin wurde völlig unschuldig zum Opfer. „Sie ist ganz ruhig“, sagt der Wohnbereichsleiter. „Sie sagt immer nur ganz leise Ja und Nein.“

Einzelzimmer keine Lösung

Hans Kopp

Die Tat geschah im Doppelzimmer – könnten Einzelzimmer die Bewohner vor ihren Nachbarn schützen? „Ich bin kein Verfechter nur von Einzelzimmern“, sagt der Pflege-Referatsleiter der AWO, Hans Kopp (50). „Manche Bewohner fürchten sich vor Einsamkeit. Andere entwickeln eine Fürsorglichkeit für ihren Nachbarn“, sagt Kopp. Viele Bewohner bekämen zunächst einen Platz im Doppelzimmer, um später ins Einzelzimmer zu wechseln. Schnarcher und Schreipatienten seien kaum zuzumuten. Manche Bewohner wollen aber bei den Nachbarn bleiben. „Im diesem Fall gibt es aber keine Hinweise, dass die eine Bewohnerin unter der anderen gelitten hätte – irgendwo tragisch.“

David Costanzo

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