Neuer Schockbericht

Arm in einer reichen Stadt: Jeder Fünfte betroffen

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Sonja Aldinger ist eine der vielen armen Senioren in München.  Ihr bleiben nur 100 Euro im Monat. Die 77-Jährige hadert aber nicht mit ihrem Schicksal: „Ich weiß, dass es vielen noch schlechter geht. Ich bin zufrieden mit dem was ich hab'."

München - Die Schere zwischen Reich und Arm klafft immer weiter auseinander - das gilt auch für das reiche München!

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Wie aus dem am Montag veröffentlichten Armutsbericht der Landeshauptstadt hervorgeht, ist inzwischen jeder fünfte Münchner arm oder von Armut bedroht! Das sind 203 800 Mitbürger (Zum Vergleich: 2005 waren’s noch 158 460). Und die Tendenz ist weiter steigend: Denn rund 50 000 Mitbürger leben am Rande der Armutsgrenze! Dagegen werden die Reichen immer reicher. Inzwischen erwirtschaftet das einkommensstärkste Fünftel der Bevölkerung  über 46 Prozent des Gesamteinkommens. Vor fünf Jahren waren es noch 36 Prozent.

Und auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit: Denn es gibt viele, vor allem ältere Mitbürger, die einen Anspruch auf Unterstützung hätten, aus Scham aber darauf verzichten und damit auch in keiner Statistik auftauchen. „Verdeckte Armut“ nennen das Experten - und (vorsichtige) Schätzungen gehen davon aus, dass dieser Begriff auf mindestens 10 000 weitere Münchner Senioren zutrifft! Zum Vergleich: Schon jetzt beziehen 12 000 Senioren  Grundsicherung im Alter.

Der dramatische Anstieg der Armutszahlen in den vergangenen fünf Jahren ist allerdings auch einem Stück mehr Ehrlichkeit geschuldet: Denn erstmals wurden für die Statistik wirklich die Münchner Einkommensverhältnisse herangezogen. Das heißt: Die Armutsrisikoschwelle liegt mit 1000 Euro Nettoeinkommen im Monat für einen Einpersonenhaushalt deutlich über dem bundesweit herangezogenen Wert von 810 Euro.

Und das sind weitere schockierende Fakten aus dem Armutsbericht:

- Rund 120 000 Münchner bezogen zum 31.12.2011 Sozialleistungen - statistische gesehen fallen sie damit in die Rubrik „Bekämpfte Armut“.

- Trotz einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote und vielen freien Stellen: Fast 14 000 Münchner haben seit über fünf Jahren keinen Job.

- 14 500 Mitbürger haben zwar Arbeit. Weil ihr Verdienst aber zu gering ist, benötigen sie trotzdem Sozialhilfe.

- Acht Prozent der Münchner, das heißt 97 000 Menschen, sind überschuldet. In der Summe mit 3,7 Milliarden Euro! Die Hauptursachen dafür sind: Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne, Scheidung, unwirtschaftliche Haushaltsführung, schlechte Kreditberatung, Krankheit/Sucht, Unfall, gescheiterte Existenzgründung, gescheiterte Immobilienfinanzierung, Haushaltsgründung.

"Unser München": Münchner Stadtteile im Porträt

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- Bereits 40 Prozent der armen Haushalte können ihre Schulden nicht mehr regelmäßig oder gar nicht zurückzahlen. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass München unter den deutschen Großstädten  noch die geringste Schuldnerquote aufweist.

- Wohnraum ist fast nicht mehr bezahlbar. In armen Haushalten geht inzwischen die Hälfte des monatlichen Nettoeinkommens für die Kaltmiete drauf! Zwei Drittel der armen Familien leben deshalb jetzt schon in überbelegten Wohnungen. 3228 Menschen, darunter über 700 Kinder, sind akut wohnungslos.

Umso bitterer ist es, dass sich in München seit 2008 derkommunale Bestand an Sozialwohnungen um 4000 verringert hat.

Die Armut trifft immer mehr Kinder: 2006 erhielten 19 000 unter 15-Jährige Sozialhilfe, 2010 waren’s schon fast 21 000. Familien mit zwei und mehr Kindern, und Alleinerziehende sind einem deutlich höheren Armutsrisiko ausgesetzt. Übrigens: 467 Münchner Familien haben fünf und mehr Kinder, davon sind fast die Hälfte Hartz IV-Empfänger. WdP

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