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Münchens Armutszeugnis während der Pandemie: Lange Schlangen bei Tafel - „Pandemie ein Brennglas“

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Von: Klaus Vick

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Trauriges Bild in München: Lange Schlangen bei der Ausgabe von Lebensmitteln im Hasenbergl.
jahreszeiten.jpg © Oliver Bodmer

Die Pandemie verschärft die Armut, die in München lange übersehen wurde. Die Arbeitslosigkeit wächst, der Ansturm auf die Ausgabestellen und die städtische Schuldnerberatung ebenso.

München - Buntes Obst, dankbare Gäste und engagierte Helfer – das findet man mittwochs bei der Münchner* Tafel im Hasenbergl, die seit Kurzem einen zweiten Ausgabetag am Donnerstag organisiert. Bisher versorgte die Ausgabestelle im Münchner Norden 367 Erwachsene und 155 Kinder – Tendenz steigend. Seit dem Beginn der Pandemie hat die Tafel einen Zuwachs von etwa 10 Prozent an Bedürftigen registriert. Mit dem zweiten Ausgabetag hofft die Vorständin Hannelore Kiethe, langfristig mehr Bedürftige versorgen zu können. Außerdem wird mit der Eröffnung einer weiteren Ausgabestelle in Pasing Mitte Juni gerechnet.

Bedürftige gibt es viele, und die Wartelisten sind lang. Wovon die Tafel aber nie genug hat, das sind die Lieferanten. Pro Verteilungstag und Ausgabestelle werden circa 25 Supermärkte und Lebensmittelhersteller benötigt, um genug Lebensmittel für die Wartenden bereitstellen zu können – da hört die Suche nach Sponsoren nie auf. Insbesondere für die neue Ausgabestelle in Pasing muss die Versorgung noch gesichert werden.

Helfer der Münchner Tafel: „Auf Augenhöhe mit den Bedürftigen unterhalten“

Rund 125 Tonnen Lebensmittel verteilen die Helferinnen und Helfer bisher Woche für Woche an den 27 Ausgabestellen. Angela Zacher, Pressesprecherin der Tafel, erklärt: „Wir verteilen nur Essen, das wir auch selbst essen würden“ – das heißt qualitativ einwandfreie und nicht abgelaufene Lebensmittel.

Einige der rund 650 ehrenamtlichen Mitarbeiter sind schon seit über zwei Jahrzehnten mit dabei. Hannelore Kiethe, Vorsitzende der Münchner Tafel, erzählt: „Es kann heiß sein, es kann stürmen und es kann schneien. Unsere Helfer lassen sich nicht unterkriegen und stehen hier den ganzen Tag.“ Dabei geht es nicht nur um das leibliche Wohl der Bedürftigen, sondern auch darum, sich mit ihnen auf Augenhöhe zu unterhalten und ihnen bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, erzählt Heinz Paepke, einer der Leiter der Ausgabestation im Hasenbergl*. Der Regen kann auch die Bedürftigen nicht aufhalten, sich in die etwa 50 Meter lange Schlange einzureihen. Unter ihnen ist Verena H. Sie erzählt: „Die Münchner Tafel ist nicht nur ein Ort für Lebensmittel, sondern auch, um Gemeinschaft zu erleben und mit anderen zu quatschen.“ - Peter Schlingensief

Sozialreferentin Dorothee Schiwy im Interview: „Pandemie macht Ungleichhheiten noch deutlicher“

Dorothee Schiwy (48, SPD) war über viele Jahre Stabschefin des damaligen Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD). Ab 2014 leitete die Juristin die Verwaltung im Referat für Bildung und Sport. Im Juni 2016 wurde sie Sozialreferentin.

Frau Schiwy, woran bemisst sich der Begriff arm?

Armut ist ein Zustand, der als Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen verstanden wird. Nach der EU-weiten Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Bei einem Ein-Personen-Haushalt in München wären das weniger als 1350 Euro. Laut dem letzten Armutsbericht von 2017 gelten rund 17 Prozent der Münchner als armutsgefährdet oder arm. Besonders betroffen sind Alleinerziehende, Ältere und Ausländer.

Hat München ein Armutsproblem?

Bei wirtschaftlichen Kennzahlen erreicht München im Großstadtvergleich hervorragende Werte: eine niedrige Arbeitslosen- und eine hohe Beschäftigungsquote und eine hohe Kaufkraft. Diese Prosperität hat ihre Schattenseiten und bedingt hohe Lebenshaltungskosten und vor allem hohe Wohnkosten. Bei nahezu der Hälfte der Haushalte mit niedrigem Einkommen liegt die Mietbelastung über 50 Prozent des Einkommens. Kleine bis mittlere Einkommen schützen in München oft nicht vor einem Abrutschen in die Armut.

Corona in München: „Zahl überschuldeter Privathaushalte nimmt zu“

Welchen Einfluss hat die Pandemie?

Sie wirkt wie ein Brennglas, das vorhandene Ungleichheiten noch deutlicher macht. Unsere Erfahrungen zeigen, dass besonders diejenigen Bevölkerungsgruppen starke Einkommenseinbußen hinnehmen mussten und müssen, die ohnehin schon benachteiligt waren, beispielsweise Menschen mit niedrigen Einkommen, nicht sozialversicherungspflichtig oder nur temporär Beschäftigte. Auch die Zahl überschuldeter Privathaushalte nimmt zu.

Sozialleistungsempfänger sollen nach einem Beschluss der Bundesregierung einen einmaligen Corona-Zuschuss von 150 Euro für Januar bis Juni 2021 bekommen. Sie fordern eine Verlängerung bis Jahresende, also eine Verdoppelung. Warum?

Sozialleistungsempfänger haben wegen der Pandemie*, wie andere Menschen auch, höhere Ausgaben für Hygieneartikel. Wir halten 150 Euro nicht für ausreichend, um den allmonatlich und voraussichtlich bis mindestens zum Jahresende 2021 anfallenden Mehrbedarf abzudecken.

Was unternimmt die Stadt gegen Armut?

Wir haben als Kommune einen beschränkten Handlungsspielraum. Dennoch unternimmt die Stadt sehr vieles, um zumindest die Folgen von Armut abzumildern. Einige Beispiele: Die Stadt erhöht den Regelsatz der monatlichen Grundsicherung von 446 auf 468 Euro. Wir haben kostenlose Mittagstische in den Alten- und Servicezentren. Familien mit niedrigem Einkommen erhalten Vergünstigungen über den Münchenpass. Wir zahlen Zuschüsse von jeweils 250 Euro zum Kauf eines Laptops/Tablets für Kinder, Jugendliche und für Senioren, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Die Stadt investiert rund 22 Millionen Euro jährlich in freiwillige Leistungen und unterstützende Angebote. - Interview: Klaus Vick -*tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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