Als München auf die Barrikaden ging

+
Am Karlstor spielten sich tumutlartige Szenen ab.

München - Vor knapp 60 Jahren spielten sich in München tumultartige Szenen ab. Der Grund dafür ist heute unvorstellbar. Ein Blick zurück.

Es war der 20. Juni 1953, und es war kein gewöhnlicher Samstagnachmittag in der Münchner Kaufingerstraße: 10 000 aufgebrachte Bürger prallen auf mehrere Hundertschaften Polizisten. Die Beamten schlagen mit den Kolben ihrer Karabiner in die Menge, doch in der Fürstenfelder Straße scheint sich das Blatt zu wenden: Ein Steinhagel geht auf die Ordnungshüter nieder!

Damit nicht genug: Die Steine fliegen auch in die Höhe, und lösen Dachrinnenteile und Ziegel, die auf die Beamten herabprasseln. Die aufgeladene Stimmung nähert sich dem Siedepunkt. Der Einsatz eines Wasserwerfers bringt die Atmosphäre zum Eskalieren. Der wurde gerade neu angeschafft, wird aufgefahren und drängt mit all seiner nassen Macht die Menge in Richtung Stachus zurück. Dort aber errichten die Protestierenden eilends Barrikaden aus Brettern und Leitern und wehren sich mit Wurfgeschossen, bis dann berittene Polizei in die Masse sprengt. Das Bild gleicht einem Bürgerkriegsszenario!

Ein Tourist fragt verstört: „Ist das hier in München jeden Samstag so?“ Der Grund für die eskalierende Empörung vieler Tausend Münchner ist heute längst unvorstellbar, mutet nach beinahe sechs Dekaden absurd an: Die neu eröffneten Filialen von C&A und Salamander in der Münchner Innenstadt wollen am Samstagnachmittag ihre Läden bis 17 Uhr geöffnet halten und nicht, wie eine Vereinbarung von 1947 festlegt, bereits um 14 Uhr schließen. Die wütenden Gewerkschaften mobilisieren mit Flugblättern zu Protesten. Die Menschen skandierten: „Solang der Alte Peter — bis zwei Uhr und nicht später.“

Damals empfanden viele Münchner das Haus von C&A als Fremdkörper aus dem fernen Holland. Es habe sich unerwünschter Weise ins Münchner Geschäftsleben gedrängt. „Brenninkmeyer C und A brauch ma net, war z’erscht net da!“, schallt es an diesem Samstag, wie auch den folgenden, durch die Straßen der Innenstadt. Damit aber nicht genug: Viele dringen in den Laden ein, blockieren die Rolltreppe, verbarrikadieren den Eingang, zerstören die Einrichtung. Vor allem die Gewerkschaftsjugend ist frustriert, zeichnet sich doch immer deutlicher ab, dass der Einfluss der Arbeitnehmer schwächer ist als nach 1945 erhofft.

Die Münchner Ereignisse trugen letztendlich wesentlich dazu bei, dass sich 1956 im Bundestag eine Mehrheit für ein restriktives Ladenschlussgesetz fand. Heute sind diese hitzigen Auseinandersetzungen um das Thema Ladenschluss vergessen — und eine solch aufgeheizte Stimmung aus diesem Anlass auch nicht mehr vorstellbar. Zwei Mal, in den Jahren 1996 und 2003, wurden die Ladenöffnungszeiten bis 20 Uhr verlängert — ganz ohne Krawalle.

Das Buch zum Thema:

30 Autoren aus Wissenschaft und Politik haben im Auftrag des Kulturreferats in dem neuen Buch Auf den Barrikaden die Proteste in München seit 1945 untersucht. Auf 300 Seiten geht es um die verschiedenen Motive, 100 Seiten davon bebildern dieses Stück heimatliche Zeitgeschichte. Das Buch ist erschienen im Volk Verlag und kostet 19,90 Euro, ISBN 978-3-86222-014-4.

Auch interessant

Meistgelesen

Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
FCB-Meisterfeier: Sperrungen, Kontrollen und keine U-Bahn 
FCB-Meisterfeier: Sperrungen, Kontrollen und keine U-Bahn 

Kommentare