Ende des Stillstands nicht absehbar

Wanderzirkus sitzt seit einem Jahr in München fest: Direktor berichtet von bewegenden Aktionen

Ramona Richter und Zirkus-Chef Anton Kaiser trainieren mit den Kamelen Achmed und Zeus auch in der Corona-­Zeit.
+
Ramona Richter und Zirkus-Chef Anton Kaiser trainieren mit den Kamelen Achmed und Zeus auch in der Corona-­Zeit.

So viel Zeit hat Zirkusdirektor Anton Kaiser noch nie an ein und demselbem selben Fleck verbracht. Schließlich ist sein Circus Baldoni ein stolzer Wanderzirkus. Ein Ende des Stillstands ist nicht absehbar.

München - Hier ein Winken, da ein Nicken. „Servus!“, „Hallo!“. Während Anton Kaiser und sein Sohn Antonio (28) das Pferd Spirit waschen, vergehen keine drei Minuten, in denen sie nicht irgendwen begrüßen. Mit 49 Jahren ist der Chef des Wanderzirkus Baldoni notgedrungen zum ersten Mal in seinem Leben sesshaft geworden. Seit einem Jahr sitzt er jetzt schon Corona*-bedingt mit 13 Leuten und über 50 Tieren in Bogenhausen fest.

Lange Corona-Pause in München: Die Stadt erlässt dem Zirkus die Standmiete

Seit dem 2. März 2020 leben er und die Zirkusfamilie auf der Wiese zwischen Cosimabad und Krankenhaus. Kaiser hat zum ersten Mal in seinem Leben Existenzsorgen: „Als kleiner Familienzirkus hat man oft schwere Zeiten. Aber plötzlich ein totaler Stillstand?!“ Er leitet den Betrieb in siebter Generation. Dass der Zirkus überlebt hat und die Pferde, Ponys, Esel, Lamas, Kamele, Ziegen, Enten und Gänse bis heute topfit sind, das hätte sich Kaiser vor einem Jahr nicht träumen lassen.

„Aber die Hilfe ist überwältigend.“ Die Stadt erlässt ihm die Standmiete von mehreren tausend Euro im Monat. Er und seine Familie beziehen Hartz IV. Und die Tiere bekommen Futter- und Geldspenden – von Großspendern wie der Münchner Tafel, aber auch von Nachbarn. Angelika Groß (57) bringt zum Beispiel zwei Mal die Woche Obst, Gemüse und Salat vorbei: „Ich liebe Tiere über alles. Außerdem sind die Leute hier so etwas wie Freunde geworden.“

Zirkusfamilie schnell im Viertel integriert

Mit ihrer Herzlichkeit hat sich die Zirkusfamilie aus Nordrhein-Westfalen schnell im Viertel integriert. Sie hat ein offenes Ohr für die Anwohner, stellt das luftige Zelt für Bezirksausschuss-Sitzungen zur Verfügung, wirft auch mal den Grill an – und lässt die Nachbarn in die Gehege schauen. Die Münchner* danken es ihnen. „Vielleicht ist die große Solidarität ein positiver Nebeneffekt der Krise“, sagt Kaiser. Einmal habe er einem Mann erzählt, dass Geld für die Reparatur der Lkw fehle – kurz darauf spendete der 8000 Euro.

Noch ist keine Lockerung in Sicht. Aber: „Solange die Spenden weiter kommen, halten wir auch durch“, sagt Kaiser. Wer helfen will, kann den Zirkusdirektor persönlich kontaktieren unter 01522/650 15 41. -*tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare