tz-Leserin: So lief mein Vorstellungsgespräch bei der Stadt

Der Brandbrief einer Erzieherin

Im Referat für Bildung und Sport fand das Vorstellungsgespräch statt.

München - Wie schaffen wir es, unsere Kinder angemessen zu betreuen? Und wie schaffen wir es, dass die Betreuer und Betreuerinnen die Wertschätzung bekommen, die sie verdient haben? Jetzt hat uns der Leserbrief einer Erzieherin erreicht. Ein Brandbrief!

Es ist eines der heißesten Themen der Stadt: Wie schaffen wir es, unsere Kinder angemessen zu betreuen? Und wie schaffen wir es, dass die Betreuer und Betreuerinnen die Wertschätzung bekommen, die sie verdient haben? Dass Erzieherin ein Mangelberuf ist, ist eh klar – und durch die jüngsten Streiks wegen der Gehälter ist die Sache verstärkt in die Diskussion geraten. Jetzt hat uns der Leserbrief einer Erzieherin erreicht. Die Frau will anonym bleiben – ihre Identität ist der tz aber bekannt. Sie ist sehr erstaunt darüber, wie die Stadt München mit Bewerberinnen umgeht.

Ihr Brandbrief:

Angesichts der Tatsache, dass die Landeshauptstadt München scheinbar händeringend versucht, den Erzieher(innen)mangel zu bekämpfen, angesichts der Tatsache, dass Fachkräfte auch mit finanziellen Anreizen angeworben werden sollen, angesichts der Tatsache dass aufgrund der Vielzahl (ca. 400?) nicht besetzter Stellen Kinderpfleger(innen) an den Rand der Belastbarkeitsgrenze gebracht werden und diese Zustände fast täglich in der Tagespresse geschildert werden, sind die Erlebnisse einer Bewerberin bei einem Vorstellungstermin gelinde gesagt sehr verwunderlich. Undiplomatisch ausgedrückt grenzen sie unserer Meinung nach fast an eine Unverschämtheit.

Die Rahmenbedingungen: Eine Erzieherin mit jahrzehntelanger Berufserfahrung (in verschiedenen Kitas) und mit Arbeitsvertrag bei einem anderen Träger bewirbt sich bei der Stadt München – aufgrund der familiären Situation mit reduzierter Stundenzahl.

Aufgrund der etwas aufwändigen familiären Situation (ich bin selber Mama) hatte ich gehofft, in der Nähe meines Wohnorts arbeiten zu können – und dadurch weniger pendeln zu müssen. Ich habe mich ganz konkret deshalb beworben, weil ein Kindergarten in der Nähe unserer Wohnung Bedarf hat. Das kam in einem unverbindlichen, eigentlich privaten Plausch zwischen der Leitung und mir zur Sprache (meine Tochter besucht diesen Kindergarten). Die Kita-Leitung hat signalisiert, dass man sich eine Zusammenarbeit speziell mit mir gut vorstellen könne

Im Bewerbungsschreiben an die Stadt München habe ich – unter Erläuterung der familiären Situation – den Wunsch geäußert, in eben dieser Einrichtung eingesetzt zu werden.

Der Warnstreik am Stachus in der vergangenen Woche.

Ich kam pünktlich zum vereinbarten Vorstellungsgespräch, wurde allerdings auch nach zehn Minuten Wartezeit nicht in den Raum hineingebeten. Auf einem Schild stand ein Vermerk, dass die Kandidaten geholt würden. Ich klopfte unsicher an die Tür (Sichtfenster aus Glas), wurde aber mit einer Handbewegung abgewiesen. Es befand sich keine Bewerberin beim Gespräch. Unmittelbar danach wurde ich dann ins Zimmer gebeten. Nach kurzer Vorstellungsrunde (eine Dame, die das Gespräch leitete, zwei Herren im Hintergrund) gab man mir in relativ schroffem, zurechtweisenden Ton zu verstehen, dass eine Bewerbung für eine bestimmte Einrichtung der Stadt absolut nicht erwünscht sei. Weder der Bewerber noch die Leitung einer Einrichtung hätten das zu entscheiden. Die Entscheidungsbefugnis liege einzig und allein bei der Stadt, alles andere „interessiert nicht“. Meine Vorgehensweise wurde ziemlich offen verurteilt. Zudem fand die Dame es nicht förderlich, dass Mütter in der Einrichtung tätig sind, die auch ihre eigenen Kinder besuchen.

Die Dame erklärte sich zuständig für „Fachfragen“, meinte zunächst aber auch einen Kommentar über meine familiäre Situation abgeben zu müssen. Sie wisse ohnehin nicht, wie das mit meinen Kindern machbar sei, wieder zu arbeiten, „aber naja …“

Bei der Diskussion über fachliche Fragen und Probleme aus dem Kita-Alltag herrschte seitens der Gesprächsleitung ein lächelnd-harscher Ton („War’s das? … Soll ich zur nächsten Frage kommen?  …Sind Sie schon fertig? … Soll ich die Frage noch einmal wiederholen?“). Erneut wurde angemerkt, dass meine eigenen Kinder und der Beruf sich ohnehin nicht vereinbaren ließen. In diesem Zusammenhang interessierte die Interviewerin aber, wie meine eigenen Kinder denn betreut seien. Sie wolle die genauen Betreuungszeiten durch die Tagesmutter wissen. Auf meine Antwort hin, dass sich die Tagesmutter nach den Arbeitszeiten richte, wurde mir entgegnet, dass die Stadt München schon die genauen Zeiten benötige: „Das reicht uns so nicht! Wir wollen das schon genauer wissen, man soll ja flexibel sein.“ Und: Sie verstehe „sowieso nicht, warum Sie überhaupt wieder arbeiten wollen …“

Während dieses Termins habe ich mehrfach darüber nachgedacht, das Gespräch vorzeitig abzubrechen – schließlich sucht die Stadt München doch dringend Fachkräfte und nicht umgekehrt. Es gäbe zwar unter Umständen Standortvorteile, aber angewiesen auf die Stadt München als Arbeitgeber ist man als Erzieherin definitiv nicht.

Nun geht es mir in keinster Weise darum, dass die Kandidaten bei einem Bewerbungsgespräch nicht auf Herz und Nieren geprüft werden dürfen, dass möglicherweise auch Druck ausgeübt werden darf. Es gibt sicherlich verschiedene legitime Taktiken der Gesprächsführung bei einem Vorstellungsgespräch. Was man allerdings unter erwachsenen Menschen erwarten kann, ist ein respektvoller Umgang. Es geht auch nicht darum, dass man Bewerberinnen oder Bewerbern mangels Eignung gegebenenfalls eine Absage erteilt. Allerdings: Ich wurde in diesem Falle übrigens NICHT abgelehnt, man hat mir ein Angebot unterbreitet. Es stellt sich allerdings schon die Frage, ob es sich die Landeshauptstadt München ob des eklatanten Erziehermangels leisten kann, Fachkräfte durch derartige Aktionen von vornherein zu vergraulen – auch, wenn man sich später nach einer Beschwerde meinerseits noch entschuldigt hat.

Nach eigenen Recherchen (andere Bewerberinnen berichteten über ähnliche Erfahrungen) handelt es sich hier nicht um einen Einzelfall …

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