„Es ist ein Desaster“

Corona-Aus für Christkindlmärkte: Schausteller fürchten um ihre Existenz - Plan für „Winter in der Stadt“

Holzbildhauer Michael Jaumann aus Gröbenzell verkauft Krippenfiguren normalerweise auf dem Kripperlmarkt in München
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Seine Figuren sind mit viel Liebe hergestellt: Holzbildhauer Michael Jaumann aus Gröbenzell verkauft sie normalerweise auf dem Kripperlmarkt in München – doch wie die meisten Weihnachtsmärkte fällt der aus.

Durch die Absage aller Christkindlmärkte in München entgeht vielen Unternehmern ein Großteil ihres Jahresumsatzes. Die Hoffnung auf eine Alternative lebt weiter.

  • In München* wird es dieses Jahr keine Christkindlmärkte geben.
  • Wegen Corona* wurden sie alle abgesagt.
  • Für Schausteller und Handwerker eine harte Belastung.

München - Es duftet nach Glühwein, Bratwurst, Lebkuchen und auch wer Weihnachtsdeko sucht, wird fündig: Christkindlmärkte gehören in Bayern eigentlich fest zum Advent – doch heuer müssen sie ausfallen. Die Aussteller befürchten große finanzielle Verluste.

Corona-Aus für Christkindlmärkte: Holzbildhauer Jaumann hat große finazielle Einbußen

Manchmal, da ist Michael Jaumann überzeugt, muss man Maria, Josef und das Jesuskind, die Hirten und die drei Könige einfach fühlen können. „Ich verkaufe Emotionen“, sagt er. „Da ist es sehr wichtig, die Figuren in die Hand nehmen zu dürfen.“ Jaumann ist Holzbildhauer und führt in dritter Generation die Holzbildhauerei Kreutz in Gröbenzell (Landkreis Fürstenfeldbruck). Das ganze Jahr über stellt er Krippenfiguren her, rund drei Viertel seines Jahresumsatzes macht er in der Adventszeit.

Normalerweise würde er seine Figuren bald auf dem Kripperlmarkt in München verkaufen, wo die Familie seit über 70 Jahren einen Stand hat. Doch wegen der Corona-Krise findet der Kripperlmarkt heuer nicht statt, wie auch der Christkindlmarkt. „Uns fehlt dadurch natürlich viel Umsatz“, sagt er. Trotzdem hat er Verständnis für die Absage: „Auch wenn es ein Desaster ist, war es die einzige richtige Entscheidung“, findet er. „Man muss vorsichtig sein und unter diesen Umständen hätte es sowieso keinen Sinn gemacht.“

Corona-Aus für Christkindlmärkte: „Unsere Kosten wären wahrscheinlich gar nicht gedeckt“

Zum einen, weil die meisten ausländischen Gäste dieses Jahr ausgeblieben wären. Außerdem wäre es schwierig, die Kunden wie gewohnt zu bedienen. „Normalerweise bedient man zu Stoßzeiten zwei bis drei Personen gleichzeitig“, berichtet er. Durch die Abstandsregeln wäre das nicht möglich – genauso wenig könnten die Kunden die Figuren in die Hand nehmen, um sie zu betrachten. „Unsere Kosten wären wahrscheinlich gar nicht gedeckt“, sagt Jaumann. Seine Krippen und Figuren verkauft er jetzt nur in seinem Laden. Immerhin: „Meine Ware ist nicht verderblich.“

Mit sehr viel Akribie schnitzt Michael Jaumann seine Krippenfiguren.

Anders sehen es viele Schausteller, die nach den abgesagten Volksfesten große Hoffnungen auf die Weihnachtsmärkte gesetzt hatten. „Viele Schausteller, die zum Beispiel Christbaumkugelen oder Spielwaren verkaufen, haben das schon Anfang des Jahres eingekauft“, berichtet Wenzel Bradac vom Bayerischen Landesverband der Marktkaufleute und der Schausteller. „Sie sind mit zigtausenden Euros in Vorleistung gegangen.“ Die Waren nächstes Jahr zu verkaufen, sei schwierig, befürchtet er: „Der Trend ändert sich jedes Jahr.“

Corona-Aus für Christkindlmärkte: Schausteller hoffen auf „Winter in der Stadt“

Bradac bietet normalerweise auf dem Christkindlmarkt am Münchner Rotkreuzplatz Schokofrüchte an. Wie gewohnt kann auch der heuer sicher nicht stattfinden. „Wir hoffen, zumindest ein paar Stände aufstellen zu können, damit ein bisschen weihnachtliche Stimmung aufkommt“, sagt er. Seine Idee: Wie den „Sommer in der Stadt“ mit Attraktionen über das Stadtgebiet verteilt, soll es jetzt einen „Winter in der Stadt“ geben. Bradac hofft, dass in möglichst vielen Orten Attraktionen ermöglicht werden. „Wenn Nürnberg und München es machen würden, ziehen wahrscheinlich kleinere Städte nach“, sagt er.

Außerdem wünscht er sich mehr Unterstützung für die Schausteller. 200 Briefe habe er schon an Politiker geschrieben, erzählt er. „Aber es passiert einfach nichts. Dabei sind in unserem Berufsstand 95 Prozent Familienunternehmen.“ Viele Kosten wie Versicherungen oder Mieten würden weiterlaufen – auch wenn die Einnahmen ausbleiben. Die Soforthilfe habe längst nicht gereicht. Auch bei der angekündigten Corona-Hilfe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes im November sieht er ein Problem: „Im November haben wir fast keine Einnahmen“, erklärt er. „Wenn es auf Dezember ausgedehnt würde, wäre es eine große Hilfe.“ Anderenfalls sei die Situation ernst: „Wir wissen nicht mehr, wie es weitergeht. Das Weihnachtsgeschäft war unsere letzte Hoffnung.“ Holzbildhauer Michael Jaumann hofft derweil auf nächstes Jahr. „Dann möchten wir wieder bei dem Kripperlmarkt dabei sein.“ *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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