Viele Quereinsteiger während der Pandemie

Aus der Luft auf die Schiene: Wegen Corona und Firmenpleite schulte eine Münchnerin zur S-Bahn-Führerin um

Noch darf sie keinen Zug alleine führen: Isabel Castucci an ihrem künftigen Arbeitsplatz, dem Triebfahrzeug 423.
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Noch darf sie keinen Zug alleine führen: Isabel Castucci an ihrem künftigen Arbeitsplatz, dem Triebfahrzeug 423. Vorher muss sie aber noch die Fahrprüfung bestehen.

Isabell Castucci war schwanger, als ihre Fluglinie Insolvenz anmeldete. Jetzt wird sie bei der Münchner S-Bahn-Triebfahrzeugführerin.

München - Die Nachricht kam schnell und unerwartet: Im Dezember 2018 hörte Isabell Castucci erstmals davon, dass ihre Fluggesellschaft ins Trudeln geraten könnte. Acht Jahre war die junge Münchnerin da schon für die „Germania“ in der Luft. Sie hatte einen Job, der für manche die Welt bedeutet. Stewardess, da erlebt man was. Ferne Welten, andere Kulturen. Nun, weltweit ist Isabell Castucci nicht rumgekommen. Aber immerhin standen viele europäische Städte auf ihrem Flugplan: Stockholm, Faro in Portugal, Berlin. „Ich war aber auch sehr oft im Kosovo“, lacht sie. Germania war auf Balkanreisen spezialisiert. Die Pleite der Airline folgte dann zwei Monate später, im Februar. Und damit der berufliche Rückschlag.

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Corona machte Castucci die Rückkehr in die Flugbranche unmöglich

Isabell Castucci war gerade mit ihrer Tochter schwanger, als sie die Nachricht vom Konkurs ihres Arbeitgebers ereilte. Da war ihr klar: „Ich muste mich in der Elternzeit umorientieren.“ Erst dachte sie, sie könne ja zu einer anderen Luftfahrtgesellschaft wechseln. Doch dann kam Corona* – und die gesamte Luftfahrtbranche wurde von einer tiefen Krise erfasst. Einstellungsstopp, Kurzarbeit, Entlassungen. An einen neuen Job als Stewardess war nicht zu denken.

Isabell Castucci sitzt auf einer Bank am Ostbahnhof und erzählt über ihren neuen Job. Eine S-Bahn* nach der anderen rauscht vorbei, es nieselt. Aber Isabell Castucci ist guter Dinge. Sie freut sich auf die neue Stelle. „Ich habe schon vorher mit der Bahn geliebäugelt“, sagt die 33-Jährige. „Aber ich wollte meine Komfortzone nicht verlassen.“ Erst die Krise zwang sie dazu. „Ich mag es einfach, unterwegs zu sein“, sagt sie. Notfalls wäre ihr auch ein Schiff recht. Es ist jetzt aber ein 70 Meter langer roter Zug geworden – das Triebfahrzeug der Baureihe 423.

Anfangs, erzählt sie, habe sie schon Bedenken gehabt. Bei der Luftfahrt hat man zwar auch unbequeme Arbeitszeiten, ist häufig über Nacht weg. Aber bei der Bahn lauert der Schichtdienst, Wochenendarbeit, Nachtfahrten. Ihr Lebensgefährte, ein Pilot bei der Lufthansa, sprach ihr jedoch Mut zu. „Isa, wir schaffen das.“

Wegen Corona gab es zahlreiche Quereinsteiger aus der Flugbranche

Seit Oktober vergangenen Jahres ist sie nun in der Ausbildung – nicht die einzige Quereinsteigerin bei der Bahn. Allein in Bayern hat die Deutsche Bahn bisher 50 Bewerber aus der Flugbranche gewonnen. Auch die Konkurrenz sucht: der britische Zugbetreiber Go-Ahead, die Münchner MVG*, Busunternehmen – alle wildern im Gebiet des Flughafens. Der wiederum ist froh, sein Personal nicht einfach entlassen zu müssen.

Isabell Castucci ist eine von 14 Azubis im aktuellen Lehrgang, die schon eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und nun umschulen. Frauen sind in der Minderheit. „Wir sind nur zu zweit und das ist schon mehr als in anderen Ausbildungsklassen“, sagt Isabell Castucci. Aber das ist kein Problem.

Lokführer wird man bei der Bahn in knapp einem Jahr. Erst steht Theorie auf dem Stundenplan im Schulungszentrum München-Steinhausen: Signalkunde, Bahntechnik, Störungsfälle. Später darf unter Anleitung gefahren werden, insgesamt 40 Schichten sind es, ehe die praktische Fahrprüfung ansteht. Die findet traditionell in einer S7 Richtung Wolfratshausen statt – die Strecke ist wegen mehrerer Steigungen und Langsamfahrstellen die anspruchsvollste im S-Bahn-Netz. Wie es genau abläuft, weiß die Münchnerin noch nicht. Nur so viel: Vor der Fahrt muss sie den Zug mit einer Checkliste für die Fahrt vorbereiten, und die Bahnprüfer werden Störfälle einbauen. Wenn es gut geht, wird Isabell Castucci ab Herbst Fahrgäste quer durch den Großraum München* kutschieren. Eine persönliche Stammstrecke gibt es dabei aber nicht. S-Bahn-Triebfahrzeugführer sind Allrounder, müssen alle S-Bahn-Äste beherrschen. Doch eine Lieblingsstrecke hat die angehende Lokführerin schon: Das ist die Strecke der S3 nach Mammendorf im Kreis Fürstenfeldbruck, „weil man dort auch mal schnell fahren kann“. *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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