Zahl der stationären Patienten wächst

Während der Corona-Krise: Münchens Gesundheitsreferatsleiter wechselt - „Die Lage ist sehr instabil“

Die Zahl der Corona-Infizierten wächst in München weiter an. An vorderster Front kämpft Gesundheitsreferatsleiter Rudolf Fuchs und sein Team.

München ‒ Der Stadtrat hat am Mittwoch (21. Oktober) Beatrix Zurek (SPD) als Leiterin des Referats für Gesundheit und Umwelt (RGU) gewählt, im November wird sie ihr Amt antreten. Bis es so weit ist, leitet Rudolf Fuchs die Behörde kommissarisch. Mitten in der Corona-Krise musste er Anfang September die Amtsgeschäfte übernehmen, weil Vorgängerin Stephanie Jacobs ins Gesundheitsministerium wechselte. Das RGU wird zum 1. Januar in zwei eigenständige Fachgebiete geteilt. Die tz sprach mit Fuchs über die Corona-Lage in München.

Herr Fuchs, wie bewerten Sie das aktuelle Infektionsgeschehen, auch in Relation zur ersten Welle im Frühjahr sowie zur Situation im Sommer?
Fuchs: Wir sehen die infektiologische Lage in München als sehr instabil an. Das Infektionsgeschehen nimmt zu und ist flächig über die Stadt verteilt. Ein bedeutsamer Anteil der Neuinfektionen ist auf Fälle im Zusammenhang mit Treffen von größeren Personengruppen zurückzuführen, auch im öffentlichen Raum. Momentan haben wir zwar noch nicht die Höchstzahlen aus dem Frühjahr erreicht, der Anstieg der letzten Tage ist dennoch sehr besorgniserregend. Ich appelliere daher eindringlich, die allgemeingültigen Hygienemaßnahmen weiter ernst zu nehmen. Die verschärften Maßnahmen des Freistaats sehe ich als absolut notwendig an.
Was hören Sie aus den Krankenhäusern der Stadt? Die Zahl der Covid-Patienten war in den vergangenen Wochen ja sehr niedrig.
Fuchs: Seit Mitte August sind in München täglich im Durchschnitt zwischen 20 und 55 Personen wegen Corona stationär in Behandlung, mit leicht steigender Tendenz in den letzten Tagen.

1500 Corona-Tests täglich auf der Theresienwiese

Wie viele Tests werden derzeit im Durchschnitt täglich in München durchgeführt?
Fuchs: Als Reaktion auf die steigenden Fallzahlen hat das RGU die Kapazitäten der Teststation auf der Theresienwiese erneut ausgeweitet, von zuvor 1000 auf 1300 Tests. Seit 19. Oktober sind sogar 1500 Tests pro Werktag möglich. Diese Kapazitäten werden von der Bevölkerung in der Regel voll ausgenutzt. Darüber hinaus können sich die Münchner natürlich auch bei niedergelassenen Ärzten testen lassen.
Er muss inmitten der Corona-Krise das Ruder übernehmen: kommissarischer Gesundheitsreferatsleiter Rudolf Fuchs.
Wo stecken sich die Menschen am meisten an? Gibt es dazu statistische Zahlen anhand der Nachverfolgung?
Fuchs: Eine gesicherte, eindeutige Aussage dazu, wo sich einzelne Personen, die nicht einem bestimmten Infektionscluster zugeordnet werden können, angesteckt haben, ist in der Regel nicht möglich.

Appell an Gastronomen, Registrierungen tischweise zu führen

Wie sieht es mit dem Infektionsgeschehen in der Gastronomie aus? Wie läuft die Rückverfolgung in der Praxis ab und zu welchem Prozentsatz tragen Corona-Fälle in der Gastronomie zum Infektionsgeschehen bei?
Fuchs: Eine seriöse Aussage, zu welchem Prozentsatz sich Menschen insgesamt in der Gastronomie anstecken, lässt sich nicht treffen. Prinzipiell ist die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Virusverbreitung besonders hoch, wo Menschen länger – vor allem in größeren Gruppen – zusammenkommen. Vermehrter Alkoholkonsum konterkariert jegliche Vorsicht. Darauf hat auch OB Dieter Reiter in einem Schreiben an den Hotel- und Gaststättenverband verwiesen. Die Rückverfolgung funktioniert in der Praxis gut, wir ermitteln alle relevanten Kontaktpersonen, die wir anhand der Listen identifizieren, die uns der Wirt liefert. Um die Arbeit für das Gesundheitsamt möglichst zu vereinfachen, appellieren wir an die Gaststättenbetreiber, die Listen tischweise zu führen. Damit erleichtern sie die Arbeit enorm und helfen mit, Infektionsketten schnellstmöglich zu unterbrechen und die Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren.
Welche Rolle spielen die Hilfskräfte der Bundeswehr beziehungsweise welche Aufgaben übernehmen diese in Kooperation mit dem RGU?
Fuchs: Die Soldaten sind für einen Einsatz im Contact Tracing geschult und werden auch dort eingesetzt. Für uns ist das bei der Ermittlung von Kontaktpersonen eine große Hilfe.

Das Interview führten Klaus Vick und Sasha Karowski.

Was passiert mit einem positiven Corona-Test

Nach Erhalt der Mitteilung des Labors oder Hausarztes über einen positiven Test nimmt das Gesundheitsamt so rasch wie möglich mit der infizierten Person Kontakt auf. Diese wird nach ihrem Gesundheitszustand und dem häuslichen und persönlichen Umfeld einschließlich relevanter Kontaktpersonen befragt, erhält alle notwendigen Informationen und wird unter Quarantäne gestellt.

Dabei ermittelt das Gesundheitsamt auch die Kontaktpersonen erster Kategorie. Als solche gelten, wer länger als 15 Minuten näher als 1,5 Meter ohne Mundschutz Kontakt mit einem Infizierten hatte. Dafür wird jeweils der Einzelfall geprüft. Personen, die vom Gesundheitsamt als Kontakte erster Kategorie identifiziert werden, werden vom RGU immer kontaktiert, in Quarantäne gestellt und getestet. Auch sie werden über sonstige Verhaltensregeln informiert und nach dem Gesundheitszustand befragt. Die infizierte Person wird überdies gefragt, wo ihrer Meinung nach die Ansteckung stattgefunden haben könnte. Weil die Inkubationszeit im Mittel sechs Tage, längstens aber bis zu 14 Tage beträgt, handelt es sich jedoch meistens nur um Vermutungen.

Laut eigener Aussage ist es oberstes Ziel des RGU, die Infektionsketten zu durchbrechen, also weitere Infektionen zu vermeiden, indem die infizierten Personen ermittelt und unter Quarantäne gestellt werden.

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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