Zu wenig Impfstoff verfügbar

Neues Corona-Wirrwarr: Keine Impfpriorisierung mehr - aber Ärzte sollen Reihenfolge dennoch weiter einhalten

Es klingt in der Corona-Pandemie erlösend: In Bayern fällt die strenge Priorisierung bei Impfungen weg. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn allzu viel scheint sich nicht zu tun.

München - Der Blick in den Impfstoff-Kühlschrank verheißt nichts Gutes… Hier lagern zu wenig Ampullen von Biontech & Co., um auch in den nächsten Wochen mit Vollgas weiter Erstimpfungen anbieten zu können. Tatsache ist: An den bayerischen Impfzentren sollen bis zum 7. Juni hauptsächlich Zweitimpfungen vorgenommen werden. Das gab der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) am Mittwoch bekannt.

Hintergrund: Den vorhandenen Impfstoff brauchen die Zentren jetzt vor allem für den zweiten Pieks. Hier ist der Bedarf jetzt besonders groß: Sowohl bei Biontech als auch bei Moderna stehen jetzt besonders viele Zweitimpfungen an. Laut Holetschek kommt außerdem dazu, dass unter 60-Jährige, die mit der ersten Spritze Astrazeneca bekamen, zur Auffrischung ebenfalls mRNA-Impfstoffe erhalten müssen.

Corona-Impfstau in Bayern: Münchens OB Reiter geht auf Konfrontation zu Spahn

Holetschek sagt zwar: „Dass wir uns jetzt eine Zeit lang auf die Zweitimpfungen konzentrieren, ist eigentlich nichts Überraschendes…“ Schließlich impften die Hausärzte weiter. Allerdings: Bei der Stadt sieht man das Thema weniger entspannt. Nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Aufhebung der Priorisierung angekündigt hatte, schimpfte OB Dieter Reiter* (SPD), das sei „wieder einmal der dritte Schritt vor dem ersten“. Es gebe zu wenig Impfstoff für Riem: „Seit Monaten operiert das Impfzentrum gezwungenermaßen auf Sparflamme.“

Immerhin: Eine gute Nachricht gibt es aus dem städtischen Gesundheitsreferat. „Alle bereits ausgemachten Termine für Erstimpfungen finden statt, es wird nichts abgesagt“, teilte eine Sprecherin mit. In welchem Umfang die Erstimpfungen zukünftig im Impfzentrum stattfinden können, hänge von der Lieferung der Impfstoffe ab. Die Vergabe erfolgt zentral über den Freistaat.

Klar ist aber: Der Impf-Stau ist schon jetzt groß. Momentan sind laut dem städtischen Gesundheitsreferat im Impf­portal 68.696 Münchner registriert, die eine Einladung erhalten, sich aber noch für keinen Termin angemeldet haben. Vor allem aber: 347.863 sind registriert, warten aber noch auf ihre Einladung! Ähnlich hoch ist die Zahl der bisher erfolgten Erstimpfungen (341.318).

Wie Sie sehen, sehen Sie wenig: Der Impfstoff-Kühlschrank vor Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (l.) ist beinahe leer.

Corona-Impfung in München: So kommen Sie zum einem Impftermin

„Ich würde nicht nur auf eine Karte setzen“, rät der Münchner* Arzt Dr. Ahmad Sirfy. Die Chancen auf eine Impfung seien im Impfzentrum und beim Hausarzt gleich. Nach seiner Erfahrung haben die Prio-Gruppen 1 und 2 innerhalb einer Woche nach Anmeldung die Impfung bekommen, in Gruppe 3 waren es erst zwei Wochen, nun vier.

Einerseits sollte man seinem Hausarzt vertrauen, bei dem man auf der Warteliste steht. Andererseits sollte man regelmäßig - vor allem gegen Ende der Woche - bei Praxen auf den Websites schauen, die online Termine vergeben. In der Regel wissen die am Donnerstag, wie viele Dosen sie am Montag bekommen. Impfaktionen wie zuletzt in Ebersberg wird es wohl erst einmal nicht geben, vermutet Sirfy. Dafür werden die Astrazeneca-Impfdosen zu drastisch reduziert. Dr. Georg-Eike Böhme sagt: „Die Patienten sollten beim Impfstoff nicht wählerisch sein!“

Corona in München: Impfpriorisierung weg - Ansturm auf die Hausärzte beginnt

Jetzt ist es so weit: In den bayerischen Hausarztpraxen wird die Impfpriorisierung aufgehoben (bundesweit erst am 7. Juni). Das heißt: Jeder, der will, kann sich impfen lassen - egal, wie alt er ist. Theoretisch jedenfalls… Die meisten Arztpraxen werden die Reihenfolge nämlich beibehalten. Darum bittet auch die Kassenärztliche Vereinigung. Denn begrenzender Faktor ist nach wie vor der Impfstoff, von dem es immer noch vergleichsweise wenig gibt. Daher warnen Kassenärzte davor, dass Praxen sich wegen Impfstoffmangels aus der Impfkampagne ausklinken. Denn wer weniger Dosen als versprochen bekommt, muss Termine telefonisch absagen - ein Mordsaufwand.

Da ist die Aufhebung der Priorisierung eine kleine Erleichterung für die Hausärzte - weil die aufwendige Verwaltung wegfällt. „Es war viel Stress und nicht mehr machbar, genau abzuklären, wer alles zur Gruppe 3 gehört“, sagt Dr. Georg-Eike Böhme, Inhaber der Praxis „Hausärzte im Lehel“. Für die Öffentlichkeit hält er es aber für ein falsche Signal: „Das ist nicht wirklich geplant und kommt just in der Woche, in der wir keinen Biontech-Impfstoff für die Erstimpfung bekommen…“

Corona-Impfstau in Bayern: Ärzte stellen Personal ein und richten neue Telefonnummern ein

Die Telefone stehen in den Praxen kaum noch still, die Ärzte erleben einen Ansturm von Impfwilligen. Manche haben neues Personal eingestellt oder Extra-Telefonnummern für die herkömmlichen Patienten eingerichtet. „Dass die ihren Arzt nicht mehr erreichen, ist eine Gefahr der Aufhebung“, sagt Böhme.

Ohne das Online-Buchungsportal würde in den Hausarztpraxen am Baldeplatz und am Glockenbach nicht mehr viel gehen. „Händisch können wir das als Hausarztpraxis nicht machen“, sagt Praxisinhaber Dr. Philipp Gross. Die Nachfrage ist groß - auch nach Astrazeneca. „Wenn wir 50 Termine online stellen, sind die nach einer Stunde weg.“ Übrig bleibt nichts. Große Planungen - schwierig. „Wir schauen von Woche zu Woche“, sagt Gross. Knapp 100 Dosen werden in der Praxis am Glockenbach täglich verimpft.

Ohne Priorisierung impft ab diesem Mittwoch Hausarzt Dr. Ahmad Sirfy. Wer zuerst bucht, bekommt den Termin. Das läuft online: „Ich finde es gut, dass die Priorisierung fällt, hätte mir aber mehr Vorlaufzeit gewünscht.“ (P. Plesch. K. Vick) Noch mehr Nachrichten aus München lesen Sie hier. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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