1. tz
  2. München
  3. Stadt

„Es ist bedrückend“ - Impfzentrum in Riem macht nach 1,26 Millionen Dosen zu

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sophia Oberhuber

Kommentare

Das Impfzentrum in Riem packt zusammen: Künftig wird in kleinerem Umfang im Gasteig geimpft.
Das Impfzentrum in Riem packt zusammen: Künftig wird in kleinerem Umfang im Gasteig geimpft. © Marcus Schlaf

Im Dezember 2020 ist das Impfzentrum an der Messe Riem fertiggestellt worden – jetzt hat es ausgedient. Insgesamt 1,26 Millionen Impfdosen wurden hier verabreicht.

München - In der Messehalle C3 erhielten an Spitzentagen bis zu 7000 Menschen ihre Impfung gegen das Coronavirus. Statt geschäftigem Gemurmel der ungeduldig Wartenden ist am Freitag nur noch metallisches Hämmern in der riesigen Halle zu hören. Die Impfkabinen werden abgebaut und in Holzboxen verladen. Es ist der letzte Tag des Impfzentrums in Riem.

Erste Immunisierung im Impfzentrum München im Februar 2021

Fertiggestellt wurde es im Dezember 2020, der erste Pieks wurde dann im Februar 2021 gesetzt. „Am Anfang war das Schwierigste, den Impfwillen der Bevölkerung mit den Berechtigungen und dem vorhandenen Impfstoff in Einklang zu bringen“, erinnert sich Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek.

Beatrix Zurek, Münchner Gesundheitsreferentin, am letzten Tag des Impfzentrums in Riem.
Beatrix Zurek, Münchner Gesundheitsreferentin, am letzten Tag des Impfzentrums in Riem. © Marcus Schlaf

Kaum Impfstoff, wenig Termine – das waren die Probleme zum Start des Impfzentrums. Für Felix Jonas, stellvertretender ärztlicher Leiter des Zentrums, war das eine besondere Herausforderung: „Es ging für die Menschen gefühlt ganz lange um das Überleben und so war teilweise auch das Auftreten hier.“ Eine Mutter habe ihre Berechtigung für einen Impftermin an ihre Tochter abtreten wollen. Andere drohten den Ärzten gar mit Anwälten, falls sie nicht sofort einen Termin bekämen.

Stellvertretender ärztlicher Leiter des Impfzentrums in Riem: „Der Zustrom war riesig.“

Dazu die besondere Dynamik der Situation: Weil AstraZeneca plötzlich auf gewisse Altersgruppen beschränkt wurde, habe man das gesamte Impfkonzept umwerfen müssen. „Die Möglichkeit hier mal eine Pause zu machen, um das System anzupassen, die gab es nicht. Der Zustrom war riesig. Wir haben alles im laufenden Betrieb umgestellt.“

Felix Jonas ist stellvertretender ärztlicher Leiter im Impfzentrum.
Felix Jonas ist stellvertretender ärztlicher Leiter im Impfzentrum. © Marcus Schlaf

In den letzten Stunden des Impfzentrums geht es weniger aufgeregt zu. Noch 150 Menschen hätten sich zuletzt pro Tag in Riem impfen lassen, so Maximilian Hinkofer von der Aicher Ambulanz. Einen Termin brauchte man dafür längst nicht mehr.

Gisela Weiß hat trotzdem einen vereinbart. Zusammen mit ihrem Mann lässt sich die 65-Jährige am letzten Öffnungstag des Zentrums die vierte Impfung verabreichen. „Wir wohnen in der Nähe und wollten die Gelegenheit einfach noch einmal nutzen“, sagt sie. Statt in langen Schlangen zu warten, kann das Ehepaar Weiß durch die Messehalle spazieren.

Vierte Impfung am letzten Tag des Impfzentrums: Gisela Weiß wohnt in Trudering und wollte „die Gelegenheit einfach noch einmal nutzen“. 
Vierte Impfung am letzten Tag des Impfzentrums: Gisela Weiß wohnt in Trudering und wollte „die Gelegenheit einfach noch einmal nutzen“.  © Marcus Schlaf

Corona in München: Die Materialschlacht im Riemer Impfzentrum in Zahlen

Dort, wo das Ehepaar Weiß nach der Impfung noch ein paar Minuten sitzen bleiben soll, sind nur noch wenige Stühle übrig. Direkt daneben: Kistenweise Impfdokumentation. Etwa 20 000 Aktenordner sind es laut Aicher Ambulanz insgesamt – oder anders gesagt: ein Regal-Kilometer Papier. Die Dokumente muss das Gesundheitsreferat für zehn Jahre aufbewahren.

Insgesamt ein Regal-Kilometer an Impfdokumenten – sie müssen für zehn Jahre aufbewahrt werden. 
Insgesamt ein Regal-Kilometer an Impfdokumenten – sie müssen für zehn Jahre aufbewahrt werden.  © Marcus Schlaf

Das Impfen gegen das Coronavirus war in Riem auch eine gigantische Materialschlacht. Rund 1800 Kilogramm Papier habe man an Spitzentagen gebraucht, so die Aicher Ambulanz. Pro Woche waren etwa 400 Packungen Einweghandschuhe notwendig. In Summe hat die Aicher Ambulanz bis zu 700 Mitarbeitende neu für das Impfzentrum eingestellt.

Insgesamt 1,26 Millionen Impfdosen wurden im Impfzentrum in Riem verabreicht

Insgesamt 1,26 Millionen Impfdosen wurden seit Februar 2021 in Riem verabreicht. „An diesem gemeinsamen Werk beteiligt gewesen zu sein, macht mich sehr stolz“, sagt Felix Jonas, stellvertretender ärztlicher Leiter. Gesundheitsreferentin Zurek ergänzt: „Es wurden hier Leben gerettet. Man hat Geschichte geschrieben.“

Impfzentrum ist ab jetzt in kleinerer Form im Gasteig zu finden

Und dennoch blickt Zurek sorgenvoll in die Zukunft. In München sind bislang 72,7 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens erstgeimpft – dieser Wert steigt kaum noch an. „Es ist bedrückend, wie wenig Menschen sich zur Zeit impfen lassen. Das kann dazu führen, dass wir mit einer neuen Welle im Herbst werden umgehen müssen“, meint Zurek. Das Impfen könne man inzwischen dezentral organisieren. So wird ein Teil der Impfkabinen direkt wieder aufgebaut: im neuen, und kleineren Impfzentrum der Stadt im Gasteig. - *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare