Blasmusik und Bierduft

Gastro-Comeback führt zu emotionalen Momenten im Hofbräuhaus: „Ich fange wieder an zu leben“

Ozapft is! Die Innengastronomie in München darf wieder Gäste empfangen. Und die strömten gleich zum Auftakt der neuen Normalität ins Hofbräuhaus und andere Wirtshäuser.

München - Klirrende Krüge, Bier-Duft, Blasmusik im Hintergrund: Pünktlich zur Öffnung der Innengastronomie sitzen Tina Mattolat, Alice Adolf und Sebastian Töllner in der Schwemme des Münchner Hofbräuhauses. Sie sind um 13 Uhr mit die ersten Gäste, die sich unterm Kreuzgewölbe des Wirtshauses ohne Test und Anmeldung zuprosten dürfen. „Endlich wieder wie früher“, sagt Alice, 36.

Sie und ihre beiden Münchner* Freunde hatten sich lange auf die Öffnung der Innengastronomie gefreut. „Wir haben uns seit zwei Jahren nicht gesehen.“ Für das Erlebnis bayerischer Lebenskultur ist sie extra aus Köln angereist und will jetzt auskosten, was in den vergangenen sieben Monaten nicht möglich war und einst zum Standardprogramm bei ihren Besuchen in der Landeshauptstadt gehörte: „Ich fange wieder an zu leben.“

Innengastronomie in München öffnet wieder: „Erinnerungen an Zeit vor Corona kommen hoch“

Auch Sebastian, 35, hat die Stimmung im Wirtshaus vermisst. „Die Blasmusik im Ohr, das Bier in der Schwemme, da kommen Erinnerungen an die Zeit vor Corona* hoch“, sagt der Münchner. „Ich hab’s wirklich vermisst.“ Tina, 34, freut sich vor allem über die Bewirtung: „Das ist ein tolles Gefühl und für mich ein Stück Lebensqualität.“ Angst vor Ansteckung hat sie nicht. „Viele sind geimpft.“ Jetzt gelte es, die alte neue Freiheit zu genießen: „Ich bin glücklich, dass das Leben weitergeht.“

Bewaffnet mit Gamsbart und Schnupftabak zieht es auch Helmut Zankel ins Hofbräuhaus. „Ich bin Münchner seit über 70 Jahren“, sagt er. Die Schwemme gehört für Zankel dazu - seine Euphorie ist groß. „Im Biergarten fehlt einfach die Atmosphäre - Wetter* hin oder her.“

Ein Prosit der Gemütlichkeit: Alice Adolf (l.), Sebastian Töllner und Tina Mattolat suchten gleich am Tag der Wiedereröffnung das Hofbräuhaus auf.

Innengastronomie öffnet wieder: Obermüller Musikanten spielen nur leise im Hintergrund

Hofbräuhaus-Wirt Wolfgang Sperger ist mit den Besucherzahlen zufrieden. „Dass sich viele trotz Biergartenwetter lieber reinsetzen, liegt eben auch an dieser Atmosphäre.“ Die Schwemme sei für viele das zweite Wohnzimmer. „Wenn man die zusperrt, fallen 125 Stammtische weg - und 3500 Stammgästen regnet es im Biergarten in den Schweinsbraten.“ Für den Wirt ist es ein gutes Gefühl, niemanden mehr abweisen zu müssen.

Auch musikalisch profitieren die Gäste: Noch wird der Schankraum wegen der Auflagen mit leiserer Hintergrundmusik der Obermüller Musikanten bespielt. Drei von ihnen haben deshalb Zeit, um den ersten Tag ebenfalls mit einer Mass in der Schwemme zu genießen. Sperger hofft, dass die Musikkapelle bald wieder in Vollbesetzung richtig spielen darf.

Der Krise trotzend hat das Hofbräuhaus ein Lied mit dem Titel „Wir sind stärker als Corona“ komponieren lassen. Live hören kann man es noch nicht, dafür auf Youtube. „Das Wirtshaus hatte das letzte Mal von 1896 bis 1897 geschlossen“, sagt Hofbräuhaus-Sprecher Tobias Ranzinger. Damals wurde die Brauerei aus der Schwemme ausgelagert. „Selbst im Zweiten Weltkrieg ist Dünnbier unter dem kaputten Dach an fast allen Tagen geflossen“, sagt Ranzinger. Die in 124 Jahren längste Schließzeit wird in die Geschichte des Hauses eingehen. Aber jetzt wird die Öffnung gefeiert. (J. Napiletzki) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Astrid Schmidhuber

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