„Werde die nächsten zehn Jahre Schulden abzahlen“

München: Taxifahrer orientieren sich aus Corona-Not um - „Die Lage ist lebensbedrohlich“

Taxifahrer machen mit einer Kolonne auf der Münchner Ludwigstraße auf ihre Notlage in der Corona-Krise aufmerksam.
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Taxifahrer machen mit einer Kolonne auf der Münchner Ludwigstraße auf ihre Notlage in der Corona-Krise aufmerksam.

Die Taxler in München kämpfen in der Pandemie ums Überleben. Eine Gruppe unter ihnen trifft es besonders schwer.

  • Wegen Corona* stehen auch in München viele in der Taxi-Branche vor der Insolvenz.
  • Fahrer wenden sich nun von dem Gewerbe ab - aber wer fährt dann nach der Pandemie?
  • Einer von ihnen sieht die Stadt in der Pflicht: „Warum bezahlt sie nicht für Senioren die Taxifahrt zum Impfen?“

München - Die Sorgenfalten auf der Stirn von Zekai Karavas werden von Tag zu Tag tiefer. Die vergangenen Monate, sie waren ein Kampf für den 41-jährigen Taxi-Unternehmer. Und die Situation werde immer drastischer, sagt er. „Wir wissen nicht mehr, wie wir unsere Rechnungen bezahlen sollen.“ Wie ihm geht es einer ganzen Branche. Die Münchner* Taxifahrer kämpfen ums Überleben. Um auf die Notlage aufmerksam zu machen, organisierte Karavas bereits eine Groß-Demonstration, rund 130 Autos nahmen hupend teil. Ihre Forderung: mehr Hilfe aus der Politik.

Denn der steigende Kostendruck reiße viele in den Abgrund, sagt Karavas. Viele hätten sich das vergangene Jahr mit Krediten über Wasser gehalten. Immer in der Hoffnung, dass die Ausnahmesituation bald ein Ende hat. Auch Zekai Karavas hat alles, was er hatte, in seine Firma gesteckt. „Ich habe 300.000 Euro aus meinem Privatvermögen investiert und Kredite über 200.000 Euro aufgenommen“, sagt er. „Aber jetzt bin ich am Ende.“ Im März muss er die ersten Mitarbeiter entlassen. „Es geht einfach nicht mehr“, sagt der Familienvater.

Münchner Taxi-Branche in Corona-Krise: „Die Lage ist lebensbedrohlich“

„Die Lage ist lebensbedrohlich“, bestätigt auch Thomas Kroker, Vorstand der Taxi-München eG. Die Ersten mussten bereits aufgeben, viele könnten folgen. „Über 50 Prozent der Taxiunternehmer müssen ihren Betrieb für immer schließen, wenn die nächsten zwei Monate kein Aufschwung kommt.“ Taxiunternehmer Karavas sieht die Lage sogar noch dramatischer: „Rund 70 Prozent der Kollegen stehen mittelfristig vor der Privatinsolvenz.“ Besonders schlimm treffe es die selbstständigen alleinfahrenden Taxi-Unternehmer, erklärt Vorstand Kroker. Denn bei ihnen greife bislang keine staatliche Hilfe – weder Kurzarbeiter- noch Überbrückungsgeld. „Die Betriebe arbeiten weiter und bekommen deswegen nichts.“

Dabei verdienen sie kaum Geld. „Unsere Branche hat einen Umsatzeinbruch von 85 bis 90 Prozent“, sagt Kroker. Während ein Taxler in einer Zwölf-Stunden-Schicht früher bis zu 20 Fahrten machte, seien es derzeit um die drei. Das mache einen durchschnittlichen Umsatz von 50 Euro am Tag – und decke nur die Fahrzeug-Fixkosten. Leben könne man davon nicht. „Das ist nur noch ein halber Schritt vor Hartz IV.“ Auch die Wartezeiten seien inzwischen immens. Bis zu vier Stunden warteten die Fahrer auf einen neuen Gast. „Dass man am Harras oder am Goetheplatz so lange steht, war früher undenkbar“, so Kroker. „Nach zehn bis zwanzig Minuten war man weg.“

Stadt München in der Kritik: „Warum bezahlt sie nicht für Senioren die Taxifahrt zum Impfen?“

Doch jetzt fehlen eben die Kunden. „90 Prozent der Hauptkunden sind weggebrochen: Hotellerie, Gastronomie, Tourismus, Veranstaltungen, kaum Bahnhofs*- oder Flughafen*verkehr.“ Übrig blieben ältere Menschen, Kranke, Schüler. Nach Zekai Karavas’ Dafürhalten könnte die Stadt mehr tun: „Warum bezahlt sie nicht für Senioren die Taxifahrt zum Impfen?“, fragt der Unternehmer. „Das würde unser Geschäft ankurbeln und anderen helfen.“

Viele Taxifahrer haben sich in der Krise auch umorientiert. „Über 200 Fahrer sind vom Taxigewerbe zu Paketdiensten gewechselt“, berichtet Thomas Kroker. Auch das habe Folgen: Werde die Nachfrage an Taxifahrten wieder steigen, werde gerade dieses Personal extrem fehlen. „Das müssen wir dann zusätzlich verkraften.“

Für den Vorstand kommt der erste Lichtblick, wenn die Gastronomie wieder öffnen darf. Der zweite, sobald erste Veranstaltungen wieder stattfinden können. Doch auch wenn das Geschäft wieder in Schwung komme: Leicht werde es nicht, meint Zekai Karavas. „Wir müssen dann 150 Prozent erwirtschaften, um überhaupt die Kosten zu decken.“ Denn zu den üblichen Fixkosten kommen dann die fälligen Kreditraten. „Ich werde die nächsten zehn Jahre Schulden abzahlen.“ *tz.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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