Neue Corona-Regel sorgt für Unsicherheit

Wirbel um Testpflicht für Münchner Schüler: Rektor befürchtet „Riesen-Chaos“, Lehrerin unschöne Entwicklung

Zweimal pro Woche sollen Münchens Schüler auf Corona getestet werden, wenn ab Montag die Schule wieder beginnt. Doch die Herausforderung ist riesig. Betroffene erklären die Probleme.

München – Am Montag geht die Schule wieder los. Doch statt nach den Osterferien gleich mit dem Unterricht zu starten, heißt es für die Münchner Schüler erst mal: Stäbchen in die Nase. Denn um am Präsenzunterricht teilnehmen zu dürfen, sind mindestens zwei Corona-Tests pro Woche Pflicht – und zwar durchgeführt vor Ort in der Schule. Das hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Mittwoch bekannt gegeben. Die Folgen: Ärger und Unsicherheit. Viele Eltern und Lehrer fragen sich: Kann das überhaupt funktionieren? Und wenn ja: Wie?

1,5 Millionen Selbsttests hat die Stadt für die Schul-Anwendung bisher bekommen. „Weitere Lieferungen durch den Freistaat werden erwartet“, sagt eine Sprecherin des Bildungsreferats. Dieses sortiert die Tests und verteilt sie an die rund 350 öffentlichen sowie 200 privaten Schulen in München. „Die Auslieferung der bisher eingegangenen Tests ist noch nicht abgeschlossen“, teilt die Sprecherin mit.

München: Schulen sollen Schüler zweimal die Woche einem Selbsttest auf Corona unterziehen

Wie lang die Tests reichen, hängt auch von der Art des Schulbetriebs ab. Wie vor den Ferien gilt: Bei Inzidenz unter 100 gibt’s Wechselunterricht, bei Werten über 100 Distanzunterricht. Nur Abschlussklassen, elfte Klassen der Gymnasien und der FOS sowie die vierten Klassen der Grund- und Förderschulen bleiben dann im Wechselunterricht. In München* hat die Inzidenz bis jetzt die 100er-Marke noch nicht geknackt. Doch: Bei der Stadt (knapp über 90) kommt man auf höhere Werte als beim Robert-Koch-Institut (RKI).

Die Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, Anne Hübner, forderte deshalb via Twitter, dass der Krisenstab „alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“ solle, „um Öffnungen (einschließlich der Schulen), die auf falschen Inzidenzwerten basieren, zu verhindern“. So könnte es weiterhin Distanzunterricht geben, auch wenn die Inzidenz laut RKI ­unter 100 liegt.

Testen vor dem Gong: Das soll ab Montag auch in Münchner Schulen verpflichtend werden.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hingegen sieht mit den Corona-Tests eine Möglichkeit, die Maßnahmen an den Schulen etwas zu lockern*. In einigen Wochen soll seiner Ansicht nach gelten: „Negativ getestet heißt runter mit der Maske!“ Das sagte er bei einer Diskussionsveranstaltung mit der Initiative „Lasst uns öffnen“. Er verteidigte außerdem die Planung, Tests direkt in den Schulen abzunehmen – das kritisieren viele Lehrer.

München: Eltern über Corona-Testpflicht für Schüler - Zu viel Verantwortung für Kinder?

Für Schüler und Eltern ist nur eins klar: Keiner weiß so recht, was am Montag passiert. „Wir werden zweimal pro Woche getestet. Wie genau das abläuft, weiß ich nicht - nur dass es unter Aufsicht sein muss“, sagt etwa die Zwölftklässlerin Isabel Dunker. Das stößt nicht nur auf Begeisterung. „Ich fände es besser, wenn wir es zu Hause machen“, sagt Antonia Walden (52), Mutter eines Viertklässlers. „Dass sich die Schüler selber testen, finde ich vor allem bei Grundschülern schwierig.“

In manchen Schulen unterstützt zu Beginn medizinisches Fachpersonal die Tests. „Bei uns sind zur Vorbereitung Mütter gekommen, die Krankenschwestern sind“, erzählt Gymnasiastin Caroline Hermann (17). Und in der Schule der Gymnasiallehrerin Christina Herz, die selbst Mutter zweier Schulkinder ist, gibt’s ein Erklärvideo zu Selbsttests. Sie geht davon aus, dass die Klassen am Montag wieder geteilt vor Ort sind. Falls ein Kind positiv getestet wird, kommt es in einen separaten Raum und muss dann wieder nach Hause.

Tobias Oelbaum engagiert sich für die Initiative Familien in der Krise und ist Vater von vier Kindern. „Natürlich befürworten wir, dass Schüler getestet werden“, betont er. Aber: „Es muss mehr Unterricht in Präsenz stattfinden!“ Dass die Tests an den Schulen reibungslos funktionieren werden, bezweifelt er: „Die Kinder übernehmen damit eine Verantwortung, die oft nicht einmal Erwachsenen zugemutet wird!“

Ruth Zeifert, Mutter zweier Schulkinder, spricht noch ein anderes Problem an. Sie sagt: „Die Krönung finde ich, dass die vierten Klassen als Abschlussklassen eingestuft wurden.“ Sie unterstellt, dass es nur um Noten für den Übertritt gehe. Daher hat Zeifert mit anderen eine Petition gestartet, in der sie fordern, dass der Übertritt jetzt nicht an Noten geknüpft wird, sondern dass der Kindes- und Elternwille gilt. Das befürwortet auch der Kinderschutzbund Bayern.

München: Lehrer über Corona-Testpflicht für Schüler - „Viele können sich nicht mal die Schuhe binden“

Wenn er an den ersten Schultag nach den Osterferien denkt, dann befürchtet Martin Schmid ein „Riesen-Chaos“. Er ist Rektor an einer Grundschule und Vorsitzender des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbands (MLLV). „Viele Erstklässler können sich noch nicht einmal die Schuhe binden“, sagt er. „Wie sollen sie einen Corona-Test schaffen?“ Vom Kultusministerium habe es bisher kaum Informationen gegeben, wie die Tests an den Schulen überhaupt ablaufen sollen. „Es wird eine Überraschungskiste.“ Der MLLV hatte die Lehrer aufgerufen, mit einer sogenannten Remonstration Einspruch dagegen einzulegen, dass sie für die Tests der Schüler verantwortlich sind. „Sehr viele Lehrer und ein Großteil der Münchner Schulleiter haben unterschrieben“, berichtet Schmid.

Auch Lehrerin Simone Schönen hat sich der Initiative angeschlossen. „Es gibt unglaublich viele rechtliche Unsicherheiten“, sagt sie. „Was ist, wenn ein Kind beim Testen einen Fehler macht und sich verletzt?“ Sie hätte sich deshalb statt Stäbchentests für die Nase zumindest Spucktestes gewünscht. „Sinnvoller wäre aber, zu Hause zu testen.“ Denn Tests in der Schule brächten eine hohe Fehlerquote mit sich. Außerdem sieht sie ihren pädagogischen Freiraum beschnitten. „Wenn alle sehen, dass ein Kind positiv getestet wird, dann kann es zu Stigmatisierungen kommen.“ Ein Problem, vor dem auch Isabel Franz, zweite MLLV-Vorsitzende und Lehrerin an einer Mittelschule, warnt: „Viele Kinder sind nach einem positiven Test erst einmal geschockt.“ Doch eine Betreuung des Kindes sei an den Schulen kaum durchführbar. Sie befürchtet zudem, dass durch gemeinsame Tests die Infektionsgefahr steigen könnte: „Alle nehmen gleichzeitig die Masken ab.“

Der MLLV kritisiert auch, dass Schutzausrüstung und medizinische Unterstützung für die Lehrer fehle. „In meinen Augen sind die Tests so nicht umsetzbar“, sagt Franz. Zumal dadurch viel Unterrichtszeit verloren gehe - und daran mangle es sowieso.

Kinder müssen in der Corona-Pandemie viel einstecken. Das Durcheinander an den Schulen bringt eine Münchnerin in Rage. Sie klagt bei Söder und Piazolo. (C. Schuri, M. Wandinger, P. Plesch, P. Schlingensief )*tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Matthias Balk/dpa

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