Tonnenweise Kartonagen und kein Ende

Münchens Papier-Container quillen über - „signifikanter“ Corona-Effekt spürbar

Papiermülltonnen in München sind wegen der steigenden Zahl versandter Pakete am Überquellen.
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Papiermülltonnen in München sind wegen der steigenden Zahl versandter Pakete am Überquellen.

Münchens Papierbehälter quellen über. Das bestätigt der städtische Abfallwirtschaftsbetrieb (AWM). Ursächlich ist die stark gewachsene Menge von Kartonagen.

München - Die Einzelhandelsgeschäfte haben geschlossen, der Online-Handel boomt. Erst recht seit der Corona*-Krise. In der ganzen Stadt werden immer mehr Pakete ausgeliefert. Das sieht man im Alltag nicht nur an der Vielzahl der Lieferfahrzeuge, sondern auch an den übervollen Papierbehältern von Wohnanlagen und Wertstoffinseln. Dort stapeln sich Kartons, die meist neben die Tonnen gelegt werden, weil diese bereits übervoll sind.

AWM-Sprecherin Evi Thiermann bestätigt auf Nachfrage unserer Zeitung, dass sich dieses Problem im Vorjahr verschärft habe. Wenn man die Zahlen der Paketsendungen der Deutschen Post zugrunde legt, ist das kein Wunder. Allein 2020 stieg die Zahl der bundesweit verschickten Pakete gegenüber 2019 um 13,4 Prozent. Die absoluten Zahlen sind noch aussagekräftiger – von 1,588 auf gut 1,8 Milliarden. Also ein Anstieg um mehr als 200 Millionen Pakete! Zahlen für das Stadtgebiet München gibt es nicht, weil die DHL nicht nach kommunalen Grenzen organisiert ist. Im Paketzentrum Aschheim werden aber zum Beispiel ein- und abgehende Pakete für München* und teilweise Oberbayern bearbeitet. Hier beträgt die Maximalkapazität laut Post-Sprecher Dieter Nawrath 593.000 Pakete am Tag.

DHL geht davon aus, dass der Trend zum Online-Handel nachhaltig ist

Die DHL geht davon aus, dass der Trend zum Online-Handel nachhaltig ist. Nach dem ersten Lockdown sei der Internet-Einkauf gefragter als vor der Pandemie gewesen, sagt Nawrath. „Einige ältere Menschen haben Online neu für sich entdeckt. Und bestehende Online-Shopper wenden sich neuen Produktsegmenten zu, etwa Waren des täglichen Bedarfs, Hundefutter, Wein.“ Nach Angaben des Unternehmenssprechers hat die DHL großes Interesse, „dass Paketverpackungen nicht größer sind als sie müssen“. Schließlich habe das Volumen maßgeblichen und kostspieligen Einfluss auf den Raumbedarf, die Ladekapazitäten in den Fahrzeugen und das Handling für die Beschäftigten im Paketzentrum und bei der Zustellung.

Kartonagenberge - „Zum Teil sind einige Standplätze gar nicht mehr zugänglich“

Laut AWM-Sprecherin Thiermann ist insgesamt ein zweigeteilter Trend zu beobachten. Rein gewichtsmäßig hat der Papier- und Kartonmüll abgenommen. Dies liege an der fortschreitenden Digitalisierung, „weil es immer weniger Print-Produkte wie zum Beispiel Tageszeitungen gibt“. Doch das Gesamtvolumen dieser Müllfraktion steige angesichts des höheren Anteils an Kartonagen.

Die AWM-Mitarbeiter können davon ein Lied singen: „Immer häufiger sind Papiertonnen überfüllt, oder unzerkleinerte Kartons stehen daneben. Zum Teil sind einige Standplätze dadurch gar nicht mehr zugänglich“, sagt Thiermann. Die AWM-Beschäftigten müssten erheblich mehr Zeit aufwenden, um überhaupt an die Müllbehälter heranzukommen. Immer häufiger gebe es auch Anträge von Hauseigentümern, die Papiertonnen wöchentlich statt wie bisher nur alle 14 Tage zu leeren oder eben mehr Behälter aufzustellen.

Wöchentliche Leerung ist für die GWG eine Option

Für die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG, die mehr als 30.000 Wohnungen in etwa 500 Anlagen verwaltet, ist die wöchentliche Leerung durchaus eine Option. „Hausintern wird das derzeit diskutiert“, erklärt Unternehmenssprecher Michael Schmitt. Für zusätzliche Tonnen fehle hingegen der Platz. Laut Schmitt hat das Papier- und Kartonagenaufkommen in den GWG-Wohnanlagen während der Corona-Pandemie und vor allem während des Lockdowns „signifikant“ zugenommen. Die Hausmeister seien regelmäßig damit beschäftigt, Kartons zu zerkleinern.

Auch bei der städtischen Gesellschaft Gewofag – sie betreut sogar 37.000 Wohnungen – ist „die Müllentsorgung in all ihren Facetten ein Dauerthema“, wie es Sprecher Frank De Gasperi ausdrückt. Während der Corona-Pandemie habe das Abfallaufkommen insgesamt zugenommen.

„Eine direkte Folge des veränderten Konsumverhaltens und der deutlich gestiegenen Aufenthaltszeiten in der eigenen Wohnung“, wie De Gasperi mutmaßt. Weil eine Erhöhung der Leerungsfrequenz – soweit dies der AWM überhaupt leisten könnte – die Betriebskosten steigern würde, setze die Gewofag stärker auf Information der Mieter. Hausaushänge und Artikel in der Mieterzeitung sollen für das Thema sensibilisieren. Eine Methode, auf die übrigens auch die GWG zählt. - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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