Künstliches Koma und Beatmung

Surreales Corona-Drama um Münchnerin: Miriam E. sah Fratzen und „versuchte mit aller Kraft zu atmen“

Mittlerweile geht es Corona-Patientin Miriam E. wieder gut
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Mittlerweile geht es Corona-Patientin Miriam E. wieder gut.

Miriam E. hatte keine Vorerkrankungen und war fit – mit einer Corona-Infektion landete die 27-Jährige aus München plötzlich auf der Intensivstation. Die Erinnerung daran ist surreal.

  • Miriam E. erkrankt im Frühjahr 2020 an Covid-19 und fällt auf der Intensivstation ins Koma.
  • Dabei litt die junge 27-jährige Münchnerin zuvor unter keiner Vorerkrankung.
  • Sie ist dem Tod von der Schippe gesprungen - und berichtet über ihre Erfahrung mit dem Coronavirus.

Update vom 6. August 2020: Diagnose Corona: Miriam E. brachte diese Nachricht sehr schnell auf die Intensivstation des Klinikum rechts der Isar. Dort folgte der nächste Schock. „Ein Großteil meiner Lunge war von den Viren befallen, die Blutgaswerte katastrophal“, erinnert sich die 27-Jährige. Künstliches Koma und künstliche Beatmung waren die letzte Überlebenschance für die junge Frau. Sie wurde sofort intubiert, schwebte in akuter Lebensgefahr. Eine schlimme Zeit für ihre Familie und Freund Léon. Der schrieb für sie, wenn man so will, eine andere Art von Tagebuch: Jeden Tag schickte er ihr eine WhatsApp-Nachricht, in der er ihren Zustand beschrieb.

Aufatmen konnten alle erst nach zehn Tagen. Beim Versuch, Narkose und Beatmung leicht zu reduzieren, reagierte ihre Lunge und fing an mitzuarbeiten. Von da an ging es für die Studentin langsam zurück ins Leben. Bis eines Abends das passierte, worauf alle so sehnsüchtig gewartet hatten: Miriam E. öffnete ihre Augen. Zwei Tage später wagten es die Ärzte, den Beatmungs-Schlauch zu ziehen. „Erinnern kann ich mich daran nicht.“

Aber die junge Frau aus München hat die Emotionen der Menschen im Zimmer wahrgenommen, etwa als eine Krankenschwester ihr Briefe vorlas. Die Erinnerung an diese Zeit ist aber surreal – wohl auch wegen der Narkosemittel. Miriam sah Fratzen und träumte davon, durch ein oranges Becken tauchen zu müssen: „Damals habe ich mit aller Kraft versucht zu atmen.“ Ihr Kampf wurde belohnt.

Miriam E. hat den Horror einer Corona-Infektion erlebt: Das Bild zeigt sie in der Klinik, zwischenzeitlich musste sie ins künstliche Koma versetzt werden.

Corona-Patientin Miriam aus München: Erst quietschfidel - dann kam der Skiurlaub

München - Das Gesicht der jungen Frau ist blass, ihre Schultern hängen – aber die großen grünen Augen strahlen. Dann holt Miriam E. (27) tief Luft, bevor sie ihre Geschichte erzählt. Und dieser Atemzug ist alles andere als selbstverständlich. Denn die Münchner Studentin und Rettungsassistentin ist dem Tod von der Schippe gesprungen.

Sie war an Corona bzw. der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt. Als bisher wohl jüngste Münchner Patientin, die an die Beatmungs-Maschine musste. Tagelang pumpte das Gerät Luft in ihre Lunge, tagelang lag sie im Koma, tagelang sah es gar nicht gut für sie aus. Miriam E. sagt: „Ich war dem Tode nah. Ich will junge Leute wachrütteln, weil es eben nicht nur ältere Menschen mit Vorerkrankungen trifft.“

Vor wenigen Wochen war die junge Frau aus der Fasanerie noch quietschfidel – sie ist nicht vorerkrankt. Wie immer in den Semesterferien eilte sie mit dem Rettungswagen Menschen zu Hilfe und freute sich dann auf ihren Skiurlaub in Westendorf (Österreich) in der zweiten März-Woche. Der Pistenspaß währte nicht lang – wegen einer Corona-Infektion

E. sagt: „Als wir von der Pandemie-Ausbreitung* in anderen Gebieten erfahren hatten, sind wir sofort nach Hause gefahren.“ Offenbar zu spät – denn die junge Münchnerin hatte sich wohl schon infiziert. „Mir war ständig kalt, ich hatte Glieder- und Kopfschmerzen, dann Fieber. Typisch Erkältung“, dachte sie.

Leiden an Covid-19: Geruchssinn verloren, Fieber - erster Corona-Test negativ

Als sie dann aber auch noch den Geruchssinn verlor, hohes Fieber bekam und beim ärztlichen Bereitschaftsdienst sowie Gesundheitsamt telefonisch nicht durchkam, war ihr klar: Das ist doch keine Erkältung.

Jetzt erholt sich die 27-Jährige daheim von den Folgen der Erkrankung.

Sie suchte Hilfe in einer Münchner Klinik. „Dort wurde ich auf Covid-19 getestet“, berichtet sie. Das Ergebnis: negativ, also keine Corona-Infektion. Weil es ihr aber weiterhin schlecht ging und die Ursache dafür unbekannt war, blieb E. in der Klinik. Ihr Hausarzt Gabriel Fink, der ständig in Kontakt zu seiner Patientin stand, war in Sorge – auch weil es in der Zwischenzeit schon aus anderen Ländern beunruhigende Berichte gab. Die Ärzte beschlossen schließlich eine Verlegung zu einem Maximalversorger – ins Klinikum rechts der Isar. Prof. Dr. Gerhard Schneider, dortiger Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, erkannte den Ernst der Lage sofort und organisierte einen Intensiv-Platz.

Die Patientin selbst schätzte derweil – trotz eigener medizinischer Ausbildung – ihre Lage gar nicht als so schlimm ein: „Ich kann mich erinnern, wie wütend ich darüber war, dass alle so übertreiben.“ Dabei hatten die Ärzte Recht. „Der zweite Corona-Test* war positiv, im CT sah man, dass das Virus einen Großteil meiner Lunge befallen hatte, die Blutgaswerte waren katastrophal.“

Corona-Patientin aus München: „Kam mir vor, als wäre ich 90 Jahre alt“

Künstliches Koma und künstliche Beatmung waren jetzt Miriams einzige Überlebenschance. Sie sagt: „An die letzten Momente vor der Intubation kann ich mich noch genau erinnern – wahrscheinlich, weil es die schlimmsten meines Lebens waren. Ich musste bestimmen, wer über medizinische Maßnahmen entscheiden soll, falls ich es nicht mehr kann.“

Die Wahl fiel auf ihren Freund Léon Bogner, der selbst Nofallsanitäter ist und eine Schule für Notfalltrainings leitet. Die Betroffene erinnert sich: „Dann haben die Ärzte mir noch Zeit gegeben, zu telefonieren.“ Sie rief ihren Freund und ihre Familie an, um sich zu verabschieden: „Es war grauenvoll, meinen Eltern sagen zu müssen, dass ich nicht weiß, ob wir uns wiedersehen.“

München: Alle fiebern mit „bis dato jüngster beamteter Corona-Patientin“ mit

Die ersten zwei Tage der Beatmung waren dann mehr als kritisch. Das berichtet (mit Einverständnis seiner Patientin) auch Prof. Dr. Schneider. Er sagt: „Alle haben mitgefiebert. Sie ist bis dato unsere jüngste beatmete Patientin.“

Nach zehn Tagen zeigten sich Erfolge: Ganz langsam kehrte Miriam ins Leben zurück. Wobei sie selber über jenen Moment abends um 23 Uhr sagt: „Ich bin gefühlt kränker aufgewacht als eingeschlafen. Ich kam mir vor, als wäre ich 90 Jahre alt. Ich konnte kaum sitzen, nicht gehen, sogar einen Joghurt zu essen war extrem anstrengend.“ Aber sie kämpfte sich zurück, ist mittlerweile wieder raus aus der Klinik, zwei Mal nacheinander negativ auf Corona getestet worden.

Nun arbeitet sich Miriam E. mithilfe ihrer Familie und ihres Freundes Stück für Stück in Richtung Normalität: „Ich gehe spazieren, inhaliere und mache Atemübungen.“ Dafür ist sie so dankbar: Dass sie wieder atmen kann, ohne Maschine, bei klarem Bewusstsein. Miriams Augen strahlen, als sie über die Ärzte und Pfleger sagt: „Sie haben mein Leben gerettet.“

Das Coronavirus sorgt für Ängste und Probleme bei Münchnern. Doch was kann man im Ausnahmezustand tun?*

Riesen-Hoffnung für Corona-Patienten: In einer Münchner Klinik ist ein bedeutender Schritt im Kampf gegen das Coronavirus geplant - er kann Leben retten.

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