Experte zeigt kein Verständnis

Corona-Panik in Münchner Kitas - Arzt völlig baff: „In einem Fall wurde ein Kind sogar heimgeschickt, weil ...“

Wenn mal die Nase läuft, kann der Tag in der Kita schnell vorbei sein.
+
Wenn mal die Nase läuft, kann der Tag in der Kita schnell vorbei sein (Symbolbild).

Hatschi! Und wieder eine Woche keine Kita. Die strengen Corona-Hygienevorgaben des Freistaats stellen Eltern vor immense Herausforderungen: Bei kleinsten Symptomen müssen die Kinder zu Hause bleiben. Elternvertreter und Kinderärzte schlagen Alarm.

  • Aufgrund der Corona-Bestimmungen sind viele Kinder zum Daheimbleiben verdonnert.
  • Denn schon bei einem leichten Schnupfen darf die Kita nicht besucht werden.
  • Schuld sind die Hygienebestimmungen des Familienministeriums. 
  • Eltern sind benachteiligt, Ärzte schlagen Alarm: „Es muss sich was ändern“.

München - Nach mehr als drei Monaten dürfen seit 1. Juli eigentlich alle Kinder wieder die Kita besuchen. Sie müssen dafür laut Vorgabe des Bayerischen Familienministeriums aber komplett symptomfrei sein. Ausnahmen sind nur chronische Erkrankungen. Für Eltern die nächste Nervenprobe: Monatelang mussten sie während des Corona-Lockdowns Kinderbetreuung und Job gleichzeitig meistern. Und jetzt müssen die Kleinen bereits mit harmlosem Sommerschnupfen daheim bleiben.

„Das ist nicht umsetzbar – weder für Eltern, noch für Praxen“, sagt Philipp Schoof, Kinderarzt aus München und Mitglied im bayerischen Landesvorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. „Wann ein Kind Kita-fähig ist, muss besser definiert werden.“

München: Keine Kita wegen Schnupfen - „Bis zu zwölf Infekte im Jahr gelten als normal“

Dass ein krankes Kind nicht in die Kita gehört, sollte selbstverständlich sein, findet er. Aber wer mit Kindern zu tun hat, weiß: Die Nase der Kleinen läuft fast durchgehend von Oktober bis März. Bis zu zwölf leichte Infektionen pro Jahr bis zum Schuleintritt gelten laut der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin als normal – macht im Schnitt bis zu eine Infektion pro Monat. „Das ist sogar wichtig, um die Immunabwehr aufzubauen“, sagt Schoof. Eine leichte Schniefnase bei einem Kind, das sich ansonsten wohlfühlt, sei in der Regel harmlos. 

Trotzdem müssen deshalb gerade etliche Kinder zu Hause bleiben. „In einem Fall wurde ein Kind sogar heimgeschickt, weil es sich beim Essen verschluckt hat und husten musste“, sagt Schoof. Der Arzt übt harsche Kritik: „Hier muss sich etwas ändern! Die Wirtschaft würde das niemals akzeptieren, die Familien aber lässt die Politik im Regen stehen.“

In diesem Sommer spielt sich das Nachtleben in München im Freien ab. Am Gärtnerplatz zeigen sich die damit einhergehenden Probleme wie unterm Brennglas.

Kita-Regelung für Kinder: Kinderarzt findet Ministeriumsschreiben „absurd“

Zudem sei mittlerweile erwiesen, dass Kinder selten Überträger von Covid-19 sind. „Natürlich bleibt ein Restrisiko für die Erzieherinnen oder die anderen Kinder“, sagt Schoof. „Aber das ließe sich nur bei vollständiger Schließung aller Bildungseinrichtungen vermeiden – und jeder weiß, dass das kein gangbarer Weg sein kann.“

Dazu kommt, dass Einrichtungen die Regelung unterschiedlich auslegen: Einige Kitas verlangen sofort einen Corona-Test, andere immerhin eine Abklärung beim Arzt oder eine Gesundschreibung, die aus medizinischer Sicht gar keinen Sinn ergibt. Die Folge: Ein riesiger Andrang in den Kinderarztpraxen. „Dieser Zustand sprengt uns“, berichtet Schoof. In großen Praxen gingen gerade bis zu 200 Anfragen von Eltern ein – pro Tag. „Das bindet sehr viel Zeit, die der eigentlichen Behandlung von wirklich kranken Kindern oder zum Nachholen all der im Lockdown ausgefallenen Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen nicht zur Verfügung steht.“

In dem Schreiben des Familienministeriums heißt es zudem: „Selbst ein ärztliches Attest, das ein Kind als gesund ausweist, muss nicht akzeptiert werden, wenn das Kind noch Symptome hat und diese nicht in Verbindung mit einer chronischen Erkrankung stehen.“ Philipp Schoof: „Dieser Satz zeigt deutlich, wie absurd alles ist.“

Schnupfen statt Corona: „In Bayern ist die Regelung viel zu streng“

Dass es im Hinblick auf Corona anders geht, zeigt ein Blick über Bayerns Grenzen. „In Sachsen und der Schweiz etwa ist eine laufende Nase kein Grund, dass das Kind daheim bleiben muss. Die Regelung in Bayern ist viel zu streng“, sagt Helen Zeidler, Vorsitzende der Initiative „Familien in der Krise“. „Und die Kinder verstehen nicht, wieso sie schon wieder nicht in die Kita gehen dürfen, obwohl sie sich gut fühlen.“ Nun sei die Politik gefordert, sagt Schoof. „Wir brauchen eine kinder- und familienfreundliche Strategie.“ Auch im Bereich der Schulen: „Vielen Kindern wird mit der strengen Vorgabe das Recht auf Bildung genommen.“

Die Mediziner fordern eine Teststrategie für betreuende Berufe, also Erzieher, Lehrer und Kinder. Sentinel-Testungen oder Pooltestungen in den Einrichtungen wären eine Alternative: „Damit hätte man auf einen Schlag sowohl Risikogruppe als auch potenzielle Spreader identifiziert“, sagt Schoof. Es muss etwas geschehen: „Die jetzige Regelung katapultiert vor allem die Mütter zurück in die Fünfzigerjahre und belastet einseitig Familien.“ Das bestätigt Daniel Gromotka vom gemeinsamen Elternbeirat der städtischen Kitas: „Viele Eltern haben ihre Gleitzeitkonten abgebaut und ihren Urlaub genommen – für sie wird es jetzt schwierig.“ *tz.de und merkur.de sind ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Eine mit Corona infizierte Erzieherin in der Kita Oberfischbach hatte Kontakt zu drei Gruppen*. Laut Gesundheitsamt hat die Einrichtung nichts falsch gemacht.

Ab September gelten in Bayern in den Kitas neue Corona-Regeln. Für Eltern bringt das Erleichterung - doch Einschränkungen bleiben.

Auch interessant

Kommentare