Traditionsgeschäft bis Tattoo-Studio

Die Vergessenen der Corona-Krise: Viele Geschäfte bleiben trotz Lockerungen auf der Strecke - „total frustriert“

Sandra Kaiser steht vor dem Eingang ihres Traditionsgeschäfts
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Sabrina Kaiser in ihrem Laden: Trotz Öffnung fehlen hier die Kunden.

München darf sich in der Corona-Pandemie nach Monaten über erste Lockerungen freuen. Doch einige Geschäftsleute profitieren davon nicht.

München - Seit Anfang März gibt es Stück für Stück leichte Lockdown-Lockerungen - doch manche Betriebe bleiben dabei auf der Strecke. Während in Friseursalons wieder losgelegt werden darf, müssen sich Masseure und Tätowierer weiterhin gedulden. Und: Manche Läden bleiben trotz Öffnung leer - weil sie auf Touristen angewiesen sind. Das Warten auf Umsatz hat Folgen: Schon vor dem Lockdown, im Oktober, haben in München* 1880 Selbstständige Hartz IV beantragt - doppelt so viele wie im Oktober 2019. Wir haben Geschäftsleute besucht, die ums Überleben kämpfen.

Corona-Krise in München: Laden-Inhaberin von Traditionsgeschäft ist auf Touristen angewiesen

Die Türen stehen offen, doch die Kundschaft in den Traditionsgeschäften bleibt weiterhin aus - schuld ist unter anderem fehlender Tourismus. Sabrina Kaiser, Inhaberin von Geschenke Kaiser, zeigt sich enttäuscht: „Gerade vor Ostern lief das Geschäft sonst immer besonders gut.“ Heute steht die Osterware aus dem letzten Jahr immer noch im Schaufenster - unberührt und unverkauft. Viele der Händler fühlen sich von der Politik vergessen.

Denn auch das neue Click-&-Meet-Konzept kann das Überleben der Traditionsläden nicht sichern. „Bisher kamen nur zwei bis fünf Kunden täglich. Für mich wäre es billiger, den Laden geschlossen zu lassen“, so Kaiser. „Wir brauchen die Touristen, die deutsche Handwerkskunst wertschätzen.“ In den warmen Monaten machen diese bis zu 70 Prozent des Umsatzes aus. Kaiser rechnet jedoch nicht damit, dass sich der Tourismus in naher Zukunft normalisiert.

Corona-Krise in München: Tätowierer hat sein Erspartes fast aufgebraucht

Stephan Rieger ist zutiefst enttäuscht. Der 43-Jährige betreibt mit dem Tempel München an der Rosenheimer Straße eines der größten Tattoo-Studios in Bayern. 19 Mitarbeiter beschäftigt Rieger, die sind derzeit alle in Kurzarbeit. „Meine Vorfreude vor dem 8. März war groß“, so der Tätowierer. Der Bund-Länder-Gipfel habe ihm Hoffnung gemacht - doch dann kam die Ernüchterung: Betriebe der Körperhygiene und Pflege wie Friseursalons und Kosmetikstudios dürfen in Bayern öffnen - Tattoo-Studios aber nicht.

Stephan Rieger vor seinem Tattoo-Tempel: Seit November geht hier nix mehr.

„Uns ist bewusst, dass Tätowierungen und Piercings nicht lebensnotwendig sind. Das sind aber Glitzernägel auch nicht“, klagt Rieger. 90 Prozent seiner Fixkosten bekäme er erstattet - doch da blieben immer noch rund 1000 Euro monatlich, die er aus eigener Tasche bezahle. „Und ich muss ja auch noch von etwas leben! Das Firmenkonto ist fast erschöpft und meine Altersvorsorge schwindet dahin.“

Corona-Krise in München: Masseurin hat schon Verlust in fünfstelliger Höhe zu beklagen

Seit fast fünf Monaten kamen Thongphoon Geßlers heilende Hände nicht mehr zum Einsatz. „Ich bin total frustriert“, sagt die Thaimasseurin aus Gilching. Trotz staatlicher Hilfen für Solo-Selbstständige verbuche sie seit November gut 12.000 Euro Umsatzeinbußen. Inzwischen liegen bei der 41-Jährigen die Nerven blank. „Täglich bekomme ich Anrufe und E-Mails, wann ich endlich wieder öffne - und ich darf nicht“, klagt sie.

Darf trotz Lockerungen weiterhin nicht ihrer Arbeit nachgehen: Thongphoon Geßler hat immense Umsatzeinbußen.

Die Corona-Schutzmaßnahmen* habe sie immer voll unterstützt. Aber: „Jetzt fühle ich mich nur noch unfair behandelt!“ Schließlich dürften ja Friseursalons öffnen. „Ich bin immer nur mit einem Kunden zusammen und zwischen den Terminen lüfte ich und desinfiziere alles.“ Seit Mitte Februar gibt es für die 41-Jährige die Möglichkeit, eine sogenannte Neustarthilfe zu bekommen. „Das werde ich auch machen, aber das ist so wenig - da könnte ich genauso gut Hartz IV beantragen“, klagt die Masseurin. (day, laf) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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