Seit über einem Jahr geschlossen

Münchner Clubs im Lockdown: Mit Streams, Teststationen und Festival-Plänen gegen das lange Nichts

NY.Club-Besitzer Ken Koch steht vor seinem Club
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NY.Club-Besitzer Ken Koch setzt auf den Sommer.

Clubs sind wohl die größten Verlierer der Pandemie. Sie mussten als erste schließen und haben keinerlei Öffnungsperspektive. Die Münchner Nacht-Gastronomen wissen die Zeit aber zu nutzen.

München - Wo sonst Partygänger bis tief in die Nacht tanzen und feiern, herrscht gähnende Leere - so sieht’s in Münchens* Clubs jetzt schon seit über einem Jahr aus. Die Tanzflächen sind leer, die Tresen verwaist und die Türen geschlossen. Aber was machen die Nacht-Gastronomen eigentlich gerade, wenn sie ihrem normalen Geschäft nicht nachgehen können? Die tz hat mit den Machern fünf bekannter Clubs gesprochen. Sie haben uns fünf ganz unterschiedliche und kreative Wege verraten, wie sie sich durch die Krise hangeln.

Münchner Clubs im Lockdown: Harry Klein kommt übers Netz ins Wohnzimmer

Da sprüht es nur so vor Ideen: Mit dem aktuellen Programm und den Konzepten für zukünftige Aktionen von Peter Süß (49) und Peter Fleming (53) könnte man ganze Seiten füllen. Die beiden betreiben den Club Harry Klein an der Sonnenstraße. „Vieles ist aus der Not heraus geboren“, sagt Süß.

Schon seit dem ersten Lockdown* organisieren sie kontinuierlich Streams aus dem Club in die Wohnzimmer ihrer Fans: DJ-Sets werden live ins Internet übertragen, auch den „Kulturdonnerstag“ haben sie ins Netz gebracht. Mit unterschiedlichen Gästen besprechen sie dabei kultur- und gesellschaftsrelevante Themen, zum Beispiel den Weltfrauentag oder die Zukunft der Club-Kultur nach einem Jahr Live-Streams. Außerdem findet einmal im Monat eine Gesprächsrunde der Meat Girls statt - dabei laden die drei stadtbekannten Dragqueens zur Unterhaltung inklusive Show-Einlagen.

Ausgefeilte Streaming-Technik bringt DJs in die heimischen Wohnzimmer: Inhaber und Prokurist Peter Süß (49) in seinem Club Harry Klein.

„Die Depressionsphase war bei uns nicht so ausgeprägt wie vielleicht bei anderen“

Süß: „Natürlich gibt es auch bei uns Tiefphasen. Aber ich glaube, die Depressionsphase war bei uns nicht so ausgeprägt wie vielleicht bei anderen.“ Aktuell sei es auch anders als im ersten Lockdown, denn jetzt wissen sie: „Clubs waren die ersten und werden die letzten sein.“ Aber er sieht der Zukunft dennoch positiv entgegen. Genau wie letzten Sommer planen sie wieder „Haralds Kollektivgarten“ im Weißenseepark in Obergiesing: Biergarten mit Club-Sound.

Und auch für die Theresienwiese hätten die Club-Betreiber schon so einige Ideen: Eine Kulturbühne wollen sie auf die Beine stellen, mit Konzerten und Workshops. Süß ist positiv: „Mann muss Ideen haben, was man außerhalb des Clubs noch machen kann, uns hilft da natürlich auch unser großes Netzwerk. Dann kann man das Ganze positiv anpacken!“

Münchner Clubs im Lockdown: Strom setzt auf Spenden-Aktion und Zukunftsmusik

Frank Bergmeyer (55) macht sich Sorgen. „Wo soll das alles hinführen, was wird aus den Künstlern?“ Ihm gehört das Strom an der Lindwurmstraße, bekannt für seine Indie-Konzerte. Auch von kleineren Künstlern, gerade denen geht’s jetzt besonders dreckig. Bergmeyer fühlt sich - wie viele andere Gastronomen und Veranstalter - von der Politik im Stich gelassen. „An uns, an Clubs, wird einfach nicht gedacht.“

Trotzdem: Bergmeyer denkt nicht ans Aufgeben. Seit vergangenem Jahr läuft fürs Strom die Spendenaktion „Soli-Fest“: Ab zehn Euro aufwärts gibt’s die Karten auf München Ticket. Wenn der Club wieder öffnet, kann man das Ticket mitbringen, „dann finden wir was, mit dem wir uns erkenntlich zeigen können!“

Die Türen bleiben zu: Frank Bergmeyer vor seinem Club Strom.

„Wir müssen das Zeichen setzen, dass wir noch da sind“

Bei solchen Aktionen geht es nicht nur ums Geld: Clubs müssen vor allem irgendwie präsent bleiben, zeigen, dass sie weiter kämpfen: „Wir müssen das Zeichen setzen, dass wir noch da sind“, betont Bergmeyer. Für die nahe Zukunft sieht er schwarz für den klassischen Club-Abend, an dem man tanzt und verschwitzt zusammen feiert - beinahe alles, was eine gelungene Nacht im Club ausmacht, ist der Verbreitungs-Traum von jedem Virus.

Was aber gehen kann, sind Konzerte, so Bergmeyer: Mit gutem Konzept, einer Personen-Obergrenze und Bestuhlung könnte man viel früher wieder aufmachen. Auch Kontrollen am Eingang sind bei Konzerten natürlich gut umsetzbar: Vielleicht heißt es neben Ticket-Kontrolle dann bald auch: Test-Kontrolle an der Club-Tür!

Münchner Clubs im Lockdown: NY.Club hat große Pläne mit einer mobilen Bar

Club-Besitzer Ken Koch ist ein durch und durch positiver Mensch. Sein Motto: „Wir werden wieder tanzen!“ Ihm gehört der NY.Club an der Elisenstraße. Aktuell hält er seinen Laden mit staatlichen Unterstützungsgeldern über Wasser. „Die decken erstmal die Fixkosten des Clubs. Aber klar, zur Zeit müssen wir alle den Gürtel deutlich enger schnallen.“

Koch richtet seinen Blick und seine Energie vor allem auf die Planung der Zukunft. Der NY.Club hat nämlich einen großen Vorteil, den viele andere nicht haben: Eine Außenfläche inklusive Konzession, diese nachts am Wochenende zu bewirtschaften. Ein Plan dafür steht schon: Koch will alles ganz professionell aufziehen mit einer mobilen Bar und Sitzmöglichkeiten, die morgens dann wieder weggeräumt werden können. Er hofft also auf einen schönen Sommer: „Das kann richtig gut werden - da kommt Ibiza-Feeling auf!“, freut er sich. Außerdem ist er sich sicher: Wenn’s erstmal wieder los geht, werden die Clubs überrannt werden…

Koch ist aber nicht nur mit seinen Club-Plänen beschäftigt. Zusammen mit einem Kollegen hat er die Internetseite kaufregional.com ins Leben gerufen. Die Idee: Verhindern, dass Internet-Giganten wie Amazon & Co. noch größer werden. Auf der Seite können sich Münchner Geschäfte registrieren und ihre Kontaktdaten hinterlegen. So können sie Kunden, die regional einkaufen wollen, ganz einfach finden. Koch sagt: „Das Ganze hat klein angefangen und sich richtig gut entwickelt.“

Münchner Clubs im Lockdown: Sweet Club bietet volles Programm gegen Covid

Alexander Spierer (46) ist Veranstalter, DJ und Betreiber des Sweet Club am Maximiliansplatz. Ihn hat es durch Corona also gleich dreifach hart getroffen…

Von Anfang an nimmt er die Lage sehr ernst, schließt seinen Club sogar eine Woche vor allen anderen, noch bevor die Behörden die Schließungen anordnen. „Ich hatte schon vor Webasto das Gefühl, dass es schlimm werden wird. Aus Verantwortung vor den Leuten, die bei uns feiern gehen, hab’ ich den Club schnell dicht gemacht“, erzählt er. Aber kein Grund für ihn, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil, untätig rumsitzen will er nicht. Er fängt an, sich Gedanken zu machen: Was kann er sinnvolles tun, um zu helfen? Spierer spricht mit Virologen, mit Ärzten und entwirft Konzepte. Seine Vision: Nicht nur den Sweet Club wieder öffnen, sondern die komplette Veranstaltungs-Wirtschaft wiederbeleben und Wirten und Gastronomen helfen.

Bald sind es schon drei: Alexander Spierer leistet mit seinen Teststationen einen wichtigen Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung.

Corona-Teststationen im Pacha-Club, in der Freiheizhalle und im Hofbräukeller

Ein möglicher Weg dafür sind Corona*-Teststationen - im November eröffnet er die erste im benachbarten Pacha-Club am Maximiliansplatz. Eigentlich war die Station für seinen eigenen Club, das Sweet, geplant. Aber: Kurz vorher kriegt er eine Baustelle ausgerechnet direkt vor die Tür… Seitdem hat er noch eine weitere Teststation in der Freiheizhalle aufgemacht. Und nächsten Freitag soll noch eine im Hofbräukeller am Wiener Platz eröffnet werden, verrät er exklusiv der tz.

Spierer: „Ich will dazu beitragen, wieder ein bisschen Normalität zu ermöglichen.“ Ihm geht es dabei vor allem um Gesamtkonzepte, um einen Weg, der allen helfen kann, betont er.

Und der Sweet Club? „Wir stehen alle in engem Kontakt und freuen uns, wenn es endlich wieder weiter gehen kann. Wir vermissen das Feiern, wir vermissen unsere Stammgäste!“ Viele seiner Mitarbeiter mussten sich umorientieren, um über die Runden zu kommen. Immerhin: Manche von ihnen arbeiten jetzt in einer der Teststationen, die Spierer betreibt.

Münchner Clubs im Lockdown: Milla hangelt sich mit Konzerten durch den Lockdown

Die Türen sind geschlossen, doch dahinter ist Leben in der Bude - um die Milla in der Holzstraße wird es nicht still. Vergangenen Sommer verwandelte Betreiber Till Hofmann (50) mit seinen Partnern die Fenster des Clubs zur Straße hin in einen Kiosk mit Restbeständen aus dem Getränke-Lager, Postkarten und Milla-T-Shirts. Vor allem die Shirts gingen noch schneller weg als kühle Drinks. Auch das aktuelle Krisen-Programm läuft gut: „Telemilla“.

Für Streams von Konzerten und Lesungen können Fans Tickets auf der Milla-Internetseite kaufen. Von dem Geld geht der Löwenanteil an die Künstler und der Rest an den Club - zusätzlich sind Spenden an die Künstler möglich. „Die Streams der Konzerte sind überraschend gut angenommen worden“, erzählt Hofmann. Schon ungefähr 30 Konzerte und Lesungen habe der Club veranstaltet.

„Die Künstler freuen sich natürlich auch, dass sie mal wieder spielen können“, sagt Thomas Schamann (31), Programmgestalter in der Milla. Und noch ein Extra gibt‘s für das treue Publikum in dieser faden Zeit: den limitierten Milla-Sampler: Eine Schallplatte mit Liedern von Musikgruppen, die gern gesehene Gäste in der Milla sind. Kostet 19 Euro - die Hälfte der Alben ist schon verkauft.

Kiosk und Festival in Lockdown-Zeiten: Till Hofmann (50) unterstützt kleine Künstler in der Krise.

Kleines mehrtägiges Festival in der Stadt in Planung

Auch für den Sommer werden schon fleißig Pläne geschmiedet: Hofmann erzählt von Ideen, wie man in der Stadt verteilt Open Air-Veranstaltungen stattfinden lassen könnte, sogar ein kleines mehrtägiges Festival ist in Planung. Hofmann: „Insgesamt sind wir gerade auch noch auf Suche nach Locations*. Man kann nur alle ermuntern, Flächen für solche Programme zur Verfügung zu stellen!“

Ob alle Ideen dann auch umgesetzt werden können, muss von geltenden Hygiene-Regeln abhängig gemacht werden. „Wir planen jetzt mal so, als ob alles stattfinden kann. Da muss man halt spontan bleiben“, sagt Schamann. Sie sind sicher, dass die Aktionen gut angenommen werden würden. Schamann: „Wir waren jetzt immer wieder überwältigt, was für ein nettes und treues Publikum wir haben. Die unterstützen uns bei allem was wir machen.“

Till Hofmann meint: „Wir blicken skeptisch-optimistisch in die Zukunft.“

(Leoni Billina) *tz.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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