Engpässe und lange Wartezeiten

Coronavirus: Kritik an Söders Jedermann-Tests wächst - Münchner Ärzte ziehen bereits Konsequenzen

Ein Hausarzt (r.) nimmt einen Abstrich für einen Corona-Test
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Neue Corona-Routine: Ein Hausarzt nimmt einen Abstrich - durchs Fenster.

Während die Staatsregierung in Bayern an den Corona-Tests für jedermann festhält, schaffen einige Arztpraxen in München Fakten. Sie testen nur noch zwei bestimmte Personengruppen.

  • In Bayern kann sich jeder kostenlos auf das Coronavirus testen lassen - so hat es die Regierung von Markus Söder festgelegt.
  • Doch immer mehr Arztpraxen gehen diesen Weg nicht mehr mit. Ärzte in München* ziehen Konsequenzen.
  • Und auch der Koalitionspartner fordert öffentlich ein Umdenken.

München - Der Münchner Arzt Hannes Blankenfeld hält nicht sonderlich viel davon, dass in Bayern Corona-Tests* für jeden kostenlos möglich sein sollen, selbst wenn derjenige keine Symptome hat. „Dennoch diskutiere ich nicht mit Patienten, die das fordern“, stellt er klar. Dafür fehle ihm im Praxisalltag schlicht die Zeit. „Wenn jemand darauf besteht, sich nach diesem Angebot testen zu lassen, dann mache ich das.“ Doch das sehen offenbar nicht mehr alle seiner Kollegen so.

Die Corona*-Tests für jedermann sind massiv in die Kritik geraten. Weil einige Labore über schwindende Kapazitäten und Ärzte über lange Wartezeiten auf Ergebnisse klagen, fordert nicht nur die Opposition eine Abkehr von der Strategie. Selbst der Koalitionspartner übt nun Druck auf Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aus. Doch vorerst hält die Staatsregierung daran fest. Es gebe nach wie vor Kapazitäten, argumentiert das Gesundheitsministerium von Melanie Huml (CSU). Man will die Lage aber noch einmal genau ausloten und gegebenenfalls kommende Woche eine Entscheidung fällen.

Corona-Krise in München: PCR-Tests teilweise nur noch für Patienten mit Symptomen und Kontaktpersonen

Unterdessen schaffen einige Ärzte selbst Fakten. Unserer Zeitung sind Münchner Arztpraxen bekannt, die wegen der langen Wartezeit auf Testergebnisse dazu übergegangen sind, nur noch Patienten mit Symptomen oder mit direktem Kontakt zu Erkrankten einen PCR-Corona-Test* zu gewähren. Für alle anderen werden zumindest teilweise Antigen-Schnelltests angeboten. Diese müssen die Patienten allerdings selbst bezahlen.

Doch dürfen Ärzte ihren Patienten die von Söder zugesagten Jedermann-Tests einfach so verwehren? Ja, sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) unserer Zeitung: „Die Praxen sind frei in der Entscheidung, wen sie testen.“ Schon im Juli habe die KVB zudem darauf hingewiesen, dass es sich bei den „nicht durch eine entsprechende Krankheitssymptomatik verursachten Tests“ um eine Wunschleistung handle, „die vom Leistungsanspruch der gesetzlichen Krankenversicherung sowie vom Sicherstellungsauftrag der KVB nicht umfasst“ sei.

Corona-Krise in München: Landesärztekammer unterstützt Vorgehen einiger Mediziner

Auch die Landesärztekammer springt den Medizinern bei. Das bayerische Kabinett habe selbst beschlossen, dass Patienten mit Covid-Symptomen* oder direktem Kontakt zu Erkrankten prioritär getestet werden sollen. Ärzte, die Corona-Tests primär für diese Patienten anbieten, befänden sich „insofern auf dem Boden des Beschlusses des Ministerrats“, sagt ein Sprecher unserer Zeitung. 

Und selbst das Gesundheitsministerium sieht das so. „Eine Priorisierung ist schon immer Teil des Konzepts gewesen“, sagt ein Sprecher. Nach Schätzungen der Labore bewege sich der Anteil der Testungen ohne Symptome derzeit zwischen 15 und 25 Prozent. Weil die Praxen ihre Priorität auf den steigenden Anteil von Patienten mit Symptomen legen würden, sinke gleichzeitig der Anteil der Jedermann-Tests.

Darin, dass Ärzte, die bislang Tests auch für symptomlose Patienten durchgeführt haben, nun diese Patienten abweisen, erkennt das Ministerium keine Abkehr vom bayerischen Testkonzept

Video: Eine App ermöglicht einen Corona-Test in wenigen Minuten

Corona-Krise in München: Freie Wähler fordern Kursschwenk bei Jedermann-Tests

Die Generalsekretärin der Freien Wähler fordert den Koalitionspartner CSU* zum Umschwenken bei der bayerischen Teststrategie auf. „Eine Anpassung ist zwingend notwendig“, sagte Susann Enders am Freitag unserer Zeitung. Neben begrenzten Laborengpässen und längeren Wartezeiten führt die Gesundheitspolitikerin ein weiteres Argument an. So sei ihr bekannt, dass die Ergebnisse gewisser gynäkologischer Krebsvorsorgetests derzeit erst nach fünf bis sechs Wochen zur Verfügung stehen würden. Vor der Epidemie habe das hingegen nur sieben bis zehn Tage gedauert.

Es dürfe nicht sein, dass „Kranke hintangestellt werden“, sagte Enders. Die Staatsregierung habe mit den Tests für jedermann „etwas ausprobiert“. Doch da man nun sehe, „was das für Auswirkungen hat“, dürfe Ministerpräsident Markus Söder „nicht stur an seinem Weg festhalten“. *tz.de und merkur.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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