Am Samstag geht's los

„Ozapft is“: Ex-OB Christian Ude eröffnet WirthausWiesn im Corona-Hotspot München

 Christian Schottenhamel, Peter Inselkammer und Gregor Lemke (v.l.) stellen die Wirtshaus-Wiesn vor - im passenden Outfit natürlich.
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Wie die WirtshausWiesn ablaufen soll, haben Christian Schottenhamel, Peter Inselkammer und Gregor Lemke erklärt.

Die 7-Tages-Inzidenz für München hat am Freitag die 50 überschritten. Was bedeutet das für die WirtshausWiesn? Dieter Reiter hat eine "dringende Bitte" an die Wirte.

  • Die WirtshausWiesn: 54 Gaststätten in München* sind mit dabei beim Oktoberfest-Ersatz, der am Samstag (19. September) starten soll und bis zum 4. Oktober geht.
  • Währenddessen steigen die Corona-Zahlen in München* rasant. Bayern-Fans müssen eine besonders drastische Gegenmaßnahme ertragen.
  • Fällt jetzt auch die WirtshausWiesn? Die Stimmen für eine Absage mehren sich, (siehe ursprünglichen Artikel von 17. September).

Updates vom 19. September 2020: Die WirtshausWiesn in München ist gestartet. Zum ursprünglich geplanten Beginn des coronabedingt abgesagten Oktoberfests hieß es am Samstag um 12.00 Uhr in mehreren Wirtshäusern „Ozapft is“. Der frühere Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) stach im Schillerbräu im Bahnhofsviertel an - mit zwei Schlägen - und noch „einer Handvoll weiterer“, wie er sagte. Denn der Zapfhahn saß nicht richtig, am Boden bildete sich schon eine Bierpfütze. Er habe nach den ersten beiden Schlägen vorsichthalber noch sechs nachgesetzt.

Zuletzt hatte Ude als OB 2013 auf dem Oktoberfest angezapft - mit zwei Schlägen. Er war der erste OB in der Wiesn-Geschichte, der das geschafft hatte. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der sonst das erste Fass angestochen hätte, feiert am Samstag nicht. Er werde etwas wehmütig an den Anstich denken, habe aber keine Alternativen geplant. Alle, die trotzdem feiern wollten, bat er um Einhaltung der Corona-Regeln.

WirthausWiesn im Corona-Hotspot München: In diesen Gaststätten schlagen Prominente das erste Fass an

Update vom 18. September 2020, 19.59 Uhr: Die WirtshausWiesn findet statt und gleichzeitig reißt München die 50-Fälle-Marke bei der 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohnern. Lesen Sie hier eine Einordnung, was das für den neuen Corona-Hotspot München bedeutet und welche weiteren Maßnahmen jetzt drohen.

Update vom 18. September 2020, 17.56 Uhr: Die Bilder vom Wiesn-Anstich gehen jedes Jahr um die Welt: Punkt 12 Uhr zapft der Münchner Oberbürgermeister in der Schottenhamel-Festhalle das erste Bierfass an und eröffnet mit dem „Ozapft is!“ die Wiesn. Heuer gibt’s zwar coronabedingt kein Oktoberfest – angezapft wird trotzdem: auf der Wirtshaus-Wiesn. Und da schwingen heuer zum Beispiel die Kabarettistinnen Monika Gruber (49) und Luise Kinseher (51) den Schlegel.

„Mein lieber Freund Alfons Schuhbeck hat mich vor ein paar Tagen gefragt, ob ich Zeit hätte“, erzählt Monika Gruber. „Ich hab Zeit – und freu mich!“ Um 12 Uhr wird sie in Schuhbecks Restaurant Orlando am Platzl antreten. „Ich helf ihr schon“, sagt Schuhbeck (61) beruhigend. „Schon, aber bei was?“, kontert Monika Gruber und vermutet: „Beim Anstoßen wahrscheinlich!“ Und sie hofft mit einem Lachen: „Der soll mir bloß keinen 200-Liter-Hirschen hinstellen, sonst ist das ganze Platzl geflutet…“

Kabarettistin Monika Gruber.

Auch andere Prominente werden am Samstagmittag den Job von OB Dieter Reiter übernehmen. Der ehemalige Wiesn-chef und jetzige CSU-Landtagsabegeorndte Josef Schmid zapft um 12 Uhr im Augustiner am Platzl an. 2019 hat er auf der Wiesn bei der Fischer Vroni zwei Schläge gebraucht. Und heuer? „Ich habe seit letztem Jahr keinen Schlegel mehr in der Hand gehabt, aber mein Ziel ist es, die Schlagzahl zu halten“, sagt Schmid zuversichtlich. Etliche Jahre Erfahrung hat auch Alt-OB Christian Ude beim Anzapfen. Dass er’s immer noch kann, möchte er um 12 Uhr im Schillerbräu (Schillerstr. 23) beweisen.

WirtshausWiesn: Luise Kinseher schlägt im Englischen Garten zu

Im Biergarten Hirschau im Englischen Garten wird Mama Bavaria zuschlagen. Und dazu wird Kabarattistin Luise Kinseher noch mit dem Bierorden der Damischen Ritter ausgezeichnet. „I gfrei mi! Und werde zwei Schläge und ein Sicherheitsschlagerl brauchen“, sagt Luise Kinseher ganz zuversichtlich. „Training brauch in keines. Schließlich hab ich schon beim Schichtl und im Herzkasperlzelt angezapft.“ Und dann fügt sie schmunzelnd hinzu: „Anzapfen können Frauen mindestens so gut wie die Männer – da brauchen wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen!“

Und Kollegin Monika Gruber? „Ich hab früher mal beim Toni Roiderer im Hackerzelt angezapft, a bisserl Erfahrung hab ich also“, sagt die Gruberin, die normalerweise immer gern am letzten Sonntag mit ihrer Familie auf die Wiesn geht. Sie hat bisher auch nicht für ihren Auftritt geübt. „A wo, wer probt is feig, heißt’s bei uns!“ Und sie schätzt: „Ich werd irgendwas zwischen drei und 18 Schlägen brauchen. So gut wie unser OB Dieter Reiter bin ich also sicher nicht.“ Und überhaupt steht für sie fest: „Ich bin eh besser im Entkorken. Aber ich werd’s scho schaffa und schee werds a!“ M. Williams

Wirtshaus-Wiesn: Im Spatenhaus übernimmt der Wirt das Anzapfen selbst

Im Spatenhaus wird sie auch gefeiert, die Wiesn: Hier übernimmt Weinzelt-Wirt Sebastian Kuffler (45) am Samstag das Anzapfen selbst. Im Holzfass ist selbstverständlich Spaten-Oktoberfestbier. „Die Wirtshaus-Wiesn bringt uns allen ein Stück von dem Münchner Lebensgefühl zurück, das normalerweise um diese Jahreszeit in der Stadt herrscht“, so Kuffler. „Wir machen gerne mit, um die Menschen unter den aktuellen Bedingungen ein bisserl zusammenzubringen.“

Wer nicht live dabei sein kann: der Spatenhaus-Chef ist am Samstag auch zu Gast beim Podcast „O‘zapft is“ von Ramona Pongratz auf dem Streaming Dienst Spotify. Die Wirtshaus-Wiesn wird natürlich auch in Kufflers Haxnbauer und bei schönem Wetter im Seehaus-Biergarten im Englischen Garten gefeiert. Dort zapft Stephan Kuffler ein Holzfass mit Paulaner Festbier an. Und für zünftige bayerische Musik sorgt das Trio „Die Viehhofer Traditionell“ und dazu Michael Bissinger mit seiner Zither.

Wiesnwirtesprecher Inselkammer: „Ich werde zwei bis drei Schläge brauchen“

Bei Wiesnwirtesprecher Peter Inselkammer (Armbrustschützenzelt) steigt die Wirtshaus-Wiesn in seinen Lokalen Ayinger am Platzl und Ayinger in der Au. Am Platzl zapft er am Samstag selbst an. „Das hab ich am Oktoberfest auch gemacht. Ich werde zwei bis drei Schläge brauchen“, schätzt Inselkammer. Ans Oktoberfest werde er sicher oft denken. „Weil man weiß, was jetzt los wäre.“ Trotzdem freut er sich riesig, „das wir gemeinsam so eine schöne Veranstaltung wie die Wirsthaus-Wiesn auf die Beine stellen können.“ Viele Freunde hat er extra eingeladen, es gibt Festbier, saftige Wiesnhendl und Musik von der Platzl Oktoberfestkapelle. „Ich bin sicher, wir schaffen es, für die Münchner das Oktoberfest-Lebensgefühl in unsere Wirtshäuser zu bringen.“

Die Wirtshaus-Wiesn schmeckt auch Starkoch Alfons Schuhbeck in seinem Orlando am Platzl. „Ich mache extra einen Ochsen-Burger und eine Wiesn-Curry-Wurst“, berichtet Schuhbeck. Daneben gibt’s noch jede Menge andere bayerische Schmankerl, wie Fleischpflanzerl, Ente sowie gegrillte und gebratene Weißwurst. Wiesn-Musik wird‘s keine geben, dafür aber freut sich Schuhbeck auf Monika Gruber (siehe oben).

WirtshausWiesn: Wirte-Urgestein Wiggerl Han „Nervöser als vor jeder normalen Wiesn“

„Ich bin viel nervöser als vor jeder normalen Wiesn“, gibt Wirte-Urgestein Wiggerl Hagn (80) ehrlich zu. „Hoff‘ ma’, dass diesen Samstag alles klappt!“ Denn zum Anstich haben sich die Familien Hagn und Spendler (Löwenbräu-Festzelt) für die Hirschau im Englischen Garten ein großes Programm überlegt. Um 12 Uhr wird Kabarettistin Luise Kinseher im Biergarten anzapfen. „Dabei werden 300 Mann der Damischen Ritter mitfeiern, denn sie verleihen der Luise Kinseher heuer den Bierorden“, erzählt Wiggerl Hagn. Für die Musik sind die Künstler der Turmfalken zuständig – und die Blaskapelle Heldensteiner vom Löwenbräu-Zelt.

Um die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, haben die Wirte heuer schon einen „Mords-Aufwand“, sagt Hagn. „Allein fünf Leute stehen am Eingang, müssen sich die Personalien notieren und die Gäste zu ihrem Platz begleiten.“ Und dennoch freut sich der Wirt narrisch auf seine Besucher: „Es kommen lauter Wiesn-Gäste vom ersten Samstag, wie eine große Familie, die zusammenhält.“ Und damit auch die Sonne scheint, hat Wiggerl Hagn nichts dem Zufall überlassen. „Ich habe dem katholischen Kirchensteueramt die Überweisung meiner Steuern geschickt – da werden wir das mit dem Wetter schon hinbekommen!“

Update, 18. September, 16.01 Uhr: Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter äußert sich anlässlich der immer brisanteren Corona-Lage zur WirthausWiesn:

„Anlässlich der Berichterstattung zur „Wirtshaus Wiesn“ möchte ich nochmals klarstellen, dass es sich dabei nicht um eine städtische Veranstaltung handelt, sondern die Wirte dies im Rahmen des normalen Gaststättenbetriebs durchführen.

(Anmerkung: Darauf, dass es sich bei der WirtshausWiesn nicht um eine städtische sondern eine Veranstaltung der Wirte, haben wir hier bereits deutlich ingewiesen. Siehe ursprünglichen Artikel weiter unten.)

Für die Betreiber der Gaststätten gelten die in der Gastronomie bereits bisher geltenden infektionsschutzrechtlichen Vorgaben selbstverständlich unverändert fort. 

WirtshausWiesn im neuen Corona-Hotspot München? Dieter Reiter mit dringender Bitte

In unserer aller Interesse geht deshalb meine dringende Bitte insbesondere an die Gastwirtinnen und Gastwirte der Wirtshaus Wiesn: Achten Sie bitte stets auf die Einhaltung Ihres Schutz- und Hygienekonzepts - Maskenpflicht, Abstandsgebot und alle weiteren Vorgaben der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Sie haben es vor allem auch selbst in der Hand, weitere Einschränkungen durch die notwendige Sensibilität und Achtsamkeit zu verhindern.“

Update 18. September, 9.22 Uhr: In vielen Wirtshäusern werden zum ursprünglich geplanten Wiesnstart am morgigen Samstag um 12.00 Uhr Bierfässer angestochen. Mit der „WirthausWiesn“ wollen gut 50 Wirte bis 4. Oktober ein wenig Oktoberfeststimmung schaffen. Angesichts steigender Zahlen schauen sie auf die Corona-Regeln.

„Wir sind ausreserviert - früher hätte ich dann 600 Leute im Haus gehabt, heute sind es vielleicht 300 - wir achten auf die Abstände, drinnen und draußen“, sagt der Sprecher der Innenstadtwirte vom Augustiner Klosterwirt, Gregor Lemke. Auch am Nockherberg und bei Wiesnwirtesprecher Peter Inselkammer im Ayinger am Platzl gibt es für Samstag keine Plätze mehr. „Es ist eine rege Nachfrage da.“

Zur Vorsicht gehört laut Lemke auch Livemusik mit Akkordeon und Gitarre - und keine Blasmusik, zum Schutz vor Aerosolen.

Corona-Zahlen in München steigen: Fällt jetzt auch die WirtshausWiesn? „Wäre dann ein komisches Signal“

Ursprünglicher Artikel vom 17. September 2020: München - Die Idee hatte ja was für sich. Mit einem Event die krisengebeutelten Münchner Gastronomen unterstützen und gleichzeitig trotz schmerzhafter Absage ein bisschen Wiesn-Stimmung aufkommen lassen. 18 Wirtshäuser und 36 Gaststätten in München sind dabei. Dem Vernehmen nach finden die Münchner die Idee auch gut.

WirtshausWiesn in München: Ein Superspreader-Event?

Für kommenden Samstag sind offenbar schon fast alle Plätze reserviert. 54 Gasthäuser rammelvoll mit bierseligen, wiesnnostalgischen Münchnern, das klingt nach Spaß, in Zeiten von Corona*, aber auch nach Superspreader-Event. Bekanntlich liebt das Coronavirus geschlossene Räume ohne Maskenträger. Und, wenn nur einer der Gäste infiziert ist... die Folgen könnten dramatisch sein. Beispiele für solche Situationen bietet die jüngste Corona-Vergangenheit zuhauf. Ob feierlustige Reiserückkehrer aus Kroatien, die sich in Clubs und Bars an der Riviera infizierten, oder ganz aktuell der Fall in Garmisch-Partenkirchen.

Gleichzeitig steigen die Corona-Infektionszahlen in München besorgniserregend. München verzeichnete am Mittwoch 151 neue Corona-Fälle. Der so wichtige Wert der 7-Tages-Inzidenz steigt auf 47,64. Gut möglich, dass er die 50-Fälle-Marke am Freitag überschreitet. Wenn diese Schwelle gerissen wird, müssen eigentlich unverzüglich neue Maßnahmen eingeführt werden, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Aber trotzdem WirtshausWiesn? Immer prominentere Stimmen drängen auf eine Absage des Events.

WirtshausWiesn am Samstag in München: SPD-Fraktionschefin fordert Absage

So schreibt SPD-Stadtratsfraktionschefin Anne Hübner auf Twitter: „Ohne der Gastronomie was Böses zu wollen und mit echtem Bedauern meine Meinung: Eine Wirtshauswiesn ab Samstag wäre dann ein komisches Signal.“

Um gleich zu ergänzen: „Die Wirtshauswiesn ist übrigens keine genehmigungspflichtige Veranstaltung. Die Stadt München kann sie also auch nicht absagen. Entscheidung liegt bei den Wirten.“

Auch mehrere Ärzte und Virologen haben sich besorgt zur WirtshausWiesn geäußert.

Allianz Arena ohne Fans - Alkoholverbot auf Theresienwiese - WirtshausWiesn findet trotzdem statt

Das Festhalten an der WirtshausWiesn kommt noch ein wenig schräger daher, wenn man auf die beiden jüngsten Stadt-Entscheidungen aufgrund der steigenden Corona-Zahlen blickt: Das Bundesliga-Auftaktspiel in der Allianz Arena findet ohne Zuschauer statt.* Auf der Theresienwiese herrscht am Samstag striktes Alkoholverbot. Katerstimmung bei den Fußballfans, die mit Abstand in einem Freiluftstadion gesessen wären und Feierstimmung bei den Wiesnfans, dicht an dicht in 54 Wirtshäusern, wahrscheinlich auch mit Tendenz zur Kneipentour, um sich wirklich so gut wie irgend möglich durchzumischen, schunkeln? Offenbar. Auch wegen der Umstände des Fan-Ausschlusses schimpfte OB Reiter auf das RKI.

Bleibt zu hoffen, dass die schlimmsten Befürchtungen nach dem ersten WirtshausWiesn-Abend am Samstag nicht eintreten. Lesen Sie dazu den Kommentar von tz.de*-Autor Andreas Knobloch, der klar für eine Absage plädiert. Auch in NRW sieht die Lage nicht besser aus: hier steht der Karneval vor einer Komplett-Absage.

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