Betreiber reden Klartext

„Klar, geschäftlich geht’s besch***, aber...“ - Münchner Wirte schildern, wie hart Corona-Lockdown sie trifft

Kerstin Jungblut und Christian Schottenhamel im Festsaal am Nockherberg.
+
Kerstin Jungblut und Christian Schottenhamel im Festsaal am Nockherberg.

Der zweite Lockdown trifft die Münchner Wirte hart – und ein Ende des Lockdowns ist nicht in Sicht. Die Lage ist zum Verzweifeln, doch ein Betroffener bringt es auf den Punkt. Und zwar deutlich.

  • München gilt weiterhin als Hotspot in der Corona-Pandemie*.
  • Der zweite Lockdown light zwingt die Münchner Gastronomen zu einer neuen Pause.
  • Die Verluste sind enorm und die Situation zermürbend und trotzdem wollen sie für ihre Gäste dasein.
  • Mit unserem brandneuen, kostenlosen München-Newsletter sind Sie stets top informiert.

München - Nockherberg-Wirt Christian Schottenhamel (57) sitzt in seiner leeren Festhalle. Normalerweise wäre das die Zeit für feucht-fröhliche Weihnachtsfeiern – jetzt sind die Bierhähne zugedreht und Schottenhamels Stimmung ist gedrückt: „Auf der einen Seite ist es klar, dass es Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus geben muss.“ Auf der anderen Seite sei es bitter, dass viele Wirte größere Hygienemaßnahmen eingeleitet hatten und dann wieder schließen mussten. „Die schnelle Auszahlung der November-Hilfe wäre daher wichtig für die ganze Branche.“ Schließlich verliert Schottenhamel in jedem Monat, den er nicht öffnen darf, eine Million Euro Umsatz.

Corona München: Länger Lockdown und Warten auf Hilfe: Die verzweifelte Lage der Wirte

Und es werden sich wohl weitere Verluste anhäufen: Die Hoffnung, dass Restaurants und Bars in einer Woche wieder aufsperren dürfen, dürften Bund und Länder am Mittwoch begraben. Sie bereiten eine Verlängerung des Lockdowns bis mindestens 20. Dezember vor. Einige Wirte munkeln sogar schon, dass sie heuer gar nicht mehr aufsperren dürfen. Das Problem: Je länger der Lockdown dauert, desto abhängiger sind Wirte von staatlichen Hilfen. Diese aber kommen verspätet an.

„Ich warte immer noch auf das Kurzarbeitergeld für Oktober“

Gregor Lemke, Inhaber vom Klosterwirt und Sprecher der Innenstadtwirte.

„Ich warte immer noch auf das Kurzarbeitergeld für Oktober“, sagt Gregor Lemke, Inhaber vom Klosterwirt und Sprecher der Innenstadtwirte. Von den Novemberhilfen ist noch nicht einmal die Rede. „Wir hoffen, dass wir am 25. November die Formulare für die Anmeldung erhalten.“ Und selbst dann wisse man noch nicht, wie hoch die Hilfe ausfallen wird. Lemke: „Aus betriebswirtlicher Sicht ist die geringe Planungssicherheit natürlich schwierig“, sagt Lemke. Der Wirt schätzt, dass Restaurants bis Mitte Januar zu bleiben müssen. „Ob‘s dann gut wird, ist die Frage: Januar und Februar sind normalerweise die schlechtesten Monate.“

Corona München: Kreativ in der Krise

Richtig gute Monate kennt Sarah Hillebrand gar nicht. Die 35-Jährige hat Ende Januar 2020 ihr Restaurant „togather“ in der Schwanthalerstraße 160 eröffnet. Seitdem kämpft sie mit kreativen Ideen gegen die Krise. „Wir haben selbst gemachte Adventskalender verkauft, bieten digitale Winetastings und Märchenabende an“, erzählt die 35-Jährige. Sie trifft die Krise besonders hart: „Weil wir im November 2019 noch nicht geöffnet hatten, werden die Hilfen für November am Umsatz von Oktober berechnet und der war nicht so gut“.

Die Mitarbeiter leiden

„Es trifft die Kleinen als Erstes“, stimmt auch Ugo Crocamo zu, der Inhaber der H‘ugo‘s-Gastronomien und des Tambosi*. „Klar, geschäftlich geht‘s beschissen, am schlimmsten aber trifft der Lockdown die Service-Angestellten“, sagt der Wirt. „Die leben ja nicht nur von ihrem Lohn, sondern auch vom Trinkgeld – und das fehlt.“ Zwei Angestellte, die es besonders hart getroffen hat, hat Crocamo aus der Kurzarbeit geholt und lässt sie beim Tambosi-To-Go verkaufen. „Umsatz bringt das nicht. Aber es hilft meinen Mitarbeitern.“ Aber auch den Wirt trifft die Krise: „Allein im März und April habe ich über eine Million Euro Verlust gemacht.“

Wirt Ugo Crocamo vom Tambosi.

Sternekoch setzt auf Burger – und Hilfsgelder

Das To-Go-Geschäft ist eine Möglichkeit der Überbrückung für Sternekoch Tohru Nakamura. Erst im Oktober eröffnete er seinen Salon Rouge an der Dienerstraße – nach nur einem Monat zwang der neue Lockdown Nakamura zur Pause. Seither bietet der Sternekoch von Mittwoch bis Samstag Burger mit Maishendl oder Hokkaido-Burger zum Mitnehmen an – also Streetfood statt gehobene Gastronomie. Dazu gibt’s japanischen Glühwein. „Wir wollen in diesen herausfordernden Zeiten auch weiterhin für unsere Gäste da sein“, sagt Nakamura. Wirtschaftlich könne das To-Go-Geschäft die Sterneküche natürlich nicht ersetzen. Wie alle Gastronomen hofft Nakamura auf die versprochenen, aber verspäteten Hilfen der Regierung. 

Überbrückt mit To-Go: Sternekoch und Koch des Jahres Tohru Nakamura.

Opfer der Corona-Pandemie: Sie sperren nach dem Lockdown nicht mehr auf

Nicht nur das Restaurant „Zum Alten Markt“ schließt wegen der Corona-Krise. Auch andere Wirte haben im Rahmen der Krise bereits das Küchentuch geworfen.  Eines der bekanntesten Beispiele: Karl-Heinz Reindl, Pächter der Traditionsgaststätte Donisl*, der nicht mehr weitermacht, weil sich‘s nicht mehr rentiert. Aber auch das Anna Hotel* mitsamt Bar und Restaurant sperrt zum Jahresende zu. Das gleiche gilt für die legendäre Roy Bar am Sendlinger Tor. Auch der Punkkoch Bernd Arold hatte keine Lösung gegen die sinkenden Besucherzahlen und hat nach zwölf Jahren sein Restaurant Gesellschaftsraum in der Altstadt geschlossen. Und auch das Paulaner im Tal musste Insolvenz anmelden.

Corona trifft die Kult-Bar „Roy“ am Sendlinger Tor. Der Abschied wird wohl untypisch leise. Wegen der Corona-Krise musste das Oktoberfest 2020 in München abgesagt werden. Im Stadtrat wird bereits ein drohendes Szenario an die Wand gemalt, was das nächste Jahr betrifft. Alle Nachrichten aus München lesen Sie immer bei uns.  *tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Kommentare