Warnung vor Corona-Mutationen

Münchner Inzidenz unter 30, aber: „Wenn wir im März lockern, sind wir im April wieder im harten Lockdown“

CSU-Bundestagsabgeordneter Stephan Pilsinger.
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CSU-Bundestagsabgeordneter Stephan Pilsinger.

Der Münchner Bundestagsabgeordnete und Arzt Stephan Pilsinger (CSU) ist für spätere Öffnungen und den breiten Einsatz von Selbsttests. Seine Hauptsorge sind die Corona-Mutationen.

Herr Pilsinger, in München* liegt der Inzidenzwert unter 30. Können wir im März den Einzelhandel wieder öffnen?
Wenn wir tatsächlich Mitte März den Einzelhandel und die Schulen komplett öffnen, sind wir spätestens Ende April wieder im harten Lockdown.
Wieso glauben Sie das?
Das Problem sind die Mutationen. Die englische Variante breitet sich rasend schnell aus, weil sie mindestens 35 Prozent ansteckender ist. Vor zwei Wochen lag ihr Anteil noch bei etwa sechs Prozent der Infizierten, jetzt schon bei knapp 23 Prozent. Er verdoppelt sich jede Woche. Spätestens in zwei Wochen sind wir bei 80 Prozent. Die Reproduktionszahl* steigt dann auf deutlich über 1 – das führt uns zurück ins exponentielle Wachstum und damit unweigerlich zu einem massiven Anstieg der Fall- und Todeszahlen.

Corona: Entweder Kontakt-Reduktion oder zehntausende Tote

In Ländern wie Irland gingen die Zahlen mit der Mutation erst hoch, dann aber auch wieder runter.
Die Iren haben zunächst gelockert. Dann gingen die Zahlen mit der Mutation massiv nach oben und sie mussten auch aufgrund der hohen Todeszahlen wieder schließen. Erst im Lockdown sind die Zahlen wieder runtergegangen. Man kann die Mutation nur mit einer drastischen Reduzierung der Kontakte eindämmen.
Das klingt so lapidar. Aber was sagen Sie Eltern am Rande der Verzweiflung und Händlern, die um ihre Existenz bangen?
Ich verstehe, dass viele Menschen sehr betroffen sind. Aber wir müssen ehrlich bleiben. Entweder wir reduzieren jetzt noch weiter die Kontakte, oder wir müssen zehntausende Tote in Kauf nehmen – und zwar auch junge Menschen.
Das sehen selbst in Ihrer Partei viele anders. Ihr Münchner Bezirksverband hat gerade sogar einen Präsenzparteitag angesetzt und erst nach viel Kritik wieder abgesagt.
Ich glaube, dass viele gerade nur die aktuellen Zahlen im Blick* haben und die viel infektiöseren Mutationen leider ausblenden. Wer sich näher damit befasst, der kann in die Zukunft rechnen.
Wollen Sie denn den Lockdown einfach immer weiter fortsetzen?
Nein. Ich kann mir schon vorstellen, dass man auch den Einzelhandel noch im Frühjahr öffnet. Zuerst müssen wir aber den Inzidenzwert deutlich unter 30 drücken. So können wir von einem niedrigeren Sockel starten und es mithilfe großflächig eingesetzter Schnelltests in den Sommer schaffen. Dann können das wärmere Klima und die fortschreitenden Impfungen ihre Wirkung bei Corona* entfalten. Das ist besser, als immer nur kurz Luft zu holen und dann wieder in den Lockdown gedrückt zu werden.
Wie wollen Sie denn die Inzidenz so tief senken?
Beim Homeoffice könnten wir konsequenter sein. Zudem vergeht zu viel Zeit von den ersten Symptomen* über eine positive Testung bis zur Quarantänebescheinigung. Da müsste man nachjustieren.
Sie setzen zudem stark auf Schnelltests für Laien, die ab März zugelassen sein sollen. Wie würden sie die einsetzen?
Jeder, der im öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, sollte sich jeden Tag testen. Wenn wir dann mit niedriger Inzidenz lockern, müsste auch jeder, der ein Geschäft betreten möchte, einen solchen Laien-Test machen müssen. In den Schulen müsste man täglich testen und gleichzeitig ein Schichtmodell anwenden. Damit könnten wir zumindest ein Mindestmaß an sozialem Leben gewährleisten, bis der Impfschutz für alle da ist.
Vorher helfen uns die Impfungen nicht?
Wir müssen das Impfen beschleunigen. Aber es wird nicht so schnell gehen, dass wir die Mutation damit aufhalten können. Im Moment impfen wir richtigerweise die am meisten Gefährdeten. Aber die Über-80-Jährigen tragen auch nur sehr wenig zur Verbreitung des Virus bei, weil sie wenige Kontakte haben. Das Virus breitet sich deshalb nicht langsamer aus. Das wird frühestens im Sommer passieren, wenn mehr junge Menschen geimpft sein werden.

Interview: Sebastian Horsch - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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