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München: Der stille Tod der Traditionsläden - „Räumungsverkauf“-Banner zieren die Stadt

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Von: Julian Limmer

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In der Fußgängerzone geht eine Passantin an einem Laden vorbei, der mit Plastikplane verhängt ist. Deutschland befindet sich zur Eindämmung der Corona-Pandemie in einem Lockdown.
Traditionsläden werden in Deutschlands Städten immer seltener. Auch in München schließen immer mehr alteingesessene Geschäfte. (Symbolbild) © picture alliance/dpa | Christophe Gateau

Immer mehr kleine Läden müssen in München dichtmachen. Jetzt erwischt es eine Lederwerkstatt in der Maxvorstadt und einen beliebten Dekorationsladen an der Fraunhoferstraße.

München - Viele sind bereits für immer verschwunden: alteingesessene Läden, die Werkstätten in Hinterhöfen. Orte in München, wie einst die berühmte Schreinerei von Meister Eder im Lehel, die es bereits seit Mitte der 80er nicht mehr gibt. Robert Köhlers Lederwerkstatt an der Schellingstraße ist noch einer dieser Orte, der wirkt, als seien die Uhren vor langer Zeit stehen geblieben: Alte Pfaff-Nähmaschinen stehen auf dem Tisch, auf einer Holzwerkbank liegen kreuz und quer Stoffe und Werkzeuge. In den hinteren Zimmern des Ladens wohnt Köhler. Noch. Denn im September wird auch er seinen Laden nach 17 Jahren räumen.

München: Alteingesessene Läden verschwinden aus der Stadt

Das schmerzt ihn, gesteht er. Etwas wehmütig schaut der 73-Jährige zu den Fotos an der Wand seiner Werkstatt. Darauf zu sehen: Köhler in den 70er-Jahren mit langen Haaren und einer selbst genähten Lederjacke. Fotos von feinen Ledersesseln, die Köhler vor langer Zeit restaurierte. „Die Sessel sahen danach aus wie Sitze von einem Rolls-Royce“, sagt er mit Stolz. Leder, das war und ist sein Leben. Hauptsächlich kümmert er sich um Reparaturen: „Es gibt in München immer noch viele Leute, die schmeißen ihre Sachen nicht einfach so weg. Die waren alle immer froh, dass ich geholfen habe.“ Sie werden ihm fehlen, seine Kunden.

Münchens Traditionsläden machen dicht: Lederwerkstatt jetzt auch betroffen

Köhler hätte gerne noch weitergemacht: „Eigentlich dachte ich, meine Werkstatt und ich seien verheiratet bis zum Tod.“ Doch es kam anders. Im Juli vergangenen Jahres, als er gerade an seiner Nähmaschine saß, spürte er, dass sein linkes Bein taub wird. Ein Schlaganfall. Seitdem braucht Köhler eine Gehhilfe – und mache Reparaturen fallen ihm schwerer.

Als er davon erzählt, betritt ein Kunde den Laden. Er möchte eine Lederjacke reparieren lassen. Köhler kann dieses Mal leider nicht helfen: „Dazu bräuchte ich zwei Hände“, sagt er. Doch nur noch eine Hand will so richtig funktionieren.

Lederwerkstatt an der Schellingstraße: Großer Verlust für die Maxvorstadt

Nach September wird Köhler dann in ein Betreutes Wohnen ziehen – das Haus an der Schellingstraße solle dann irgendwann saniert werden, sagt Köhler. Sehr bedauernswert findet das der Kunde: „Es ist extrem wichtig, dass es solche Läden weiterhin gibt, denn man hat einen persönlichen Bezug zu den Menschen, die dort arbeiten.“ Der Schluss der Lederwerkstatt – ein weiterer Verlust für die Maxvorstadt.

München: Dekorationsladen in der Fraunhoferstraße schließt

Auch die Fraunhoferstraße wird bald um einen Laden ärmer sein: Ingrid Dellners „Wohnpalette“ hört nach 42 Jahren auf – Ende Mai ist Schluss. Auch so einen Laden gibt es nicht mehr allzu oft: Kunterbunte Lampen hängen von der Decke, in den Schränken stehen vergoldete Buddha-Statuen sowie Elefanten und Hasen aus Plüsch. Allerlei Wohndekoration gibt es hier. „Es tut mir schon leid, dass das jetzt aufhören muss“, sagt Dellner. Doch das Haus, in dem der Laden ist, habe den Besitzer gewechselt – und ihr Mietvertrag sei jetzt beendet. Jetzt wartet auf sie der ungewollte Ruhestand.

Münchens Stadtbild von „Räumungsverkauf“-Banner übersät

„Räumungsverkauf“-Banner an den Schaufenstern sind generell immer häufiger im Stadtbild zu sehen. Viele kleine, inhabergeführte Läden verschwinden. Häufig rücken dann Geschäfte von großen Ketten nach. „Das ist eine Tendenz, die spürbar zugenommen hat“, sagt Professor Stephan Kippes vom IVD Institut für Gesellschaft für Immobilienmarktforschung und Berufsbildung. Er findet: „Filialen machen die Innenstädte austauschbar.“

Das Institut ermittelt regelmäßig den Filialisierungsgrad – also das Verhältnis zwischen Filialen und Nichtfilialen. Besonders stark zugelegt hat demnach der Trend zu Ketten an der Residenzstraße oder der Rosenstraße. Hier gab es 2005/2006 noch knapp 60 Prozent Geschäfte, die keine Filialen waren. Vergangenes Jahr waren es nur mehr 18 Prozent an der Residenz-, 29 an der Rosenstraße.

Traditionsläden finden oft keine Nachfolger

Ein Grund: Der Generationenwechsel. Immer öfter wollen Nachkommen die Geschäfte ihrer Eltern nicht weiterführen. Ein weiteres Problem sei die steigende Konkurrenz aus dem Internet. Aber auch die hohen Mieten: „Ein inhabergeführtes Geschäft kann unter Umständen nicht diese Maximalmieten bezahlen, die ein Filialist bezahlen kann.“ Um inhabergeführte Läden zu erhalten, seien deshalb auch Vermieter gefordert, nicht nur auf maximalen Gewinn zu achten.

Besonders in den Lagen rund um die Altstadt wie an der Sonnenstraße haben die Preise vor Corona stark angezogen. Die Pandemie hat den Markt zwar leicht entspannt, gleichzeitig ging natürlich auch das Geschäft der Händler zurück. Viele Ladeninhaber hätte auch das zum Aufgeben bewogen. Und mit ihnen verschwindet die Vielfalt.

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