Dieser Arzt muss 6214 Euro Strafe zahlen

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Dr. Bernd Kessler (43) mit dem Brief der KVB.

München - In seiner Praxis bekommen nicht nur Privatversicherte, sondern auch Kassenpatienten immer schnell einen Termin: „Ich möchte allen Kranken helfen“, sagt Dr. Bernd Kessler (43).

 „Darum bin ich Arzt geworden“. Der Dermatologe hat in seiner Praxis in Schwabing extra noch zwei Hautärztinnen angestellt, behandelt pro Monat über 500 gesetzlich Versicherte: „Weil wir zu Dritt sind, können wir in der Sprechstunde mehr Kranke versorgen und uns für jeden einzelnen genügend Zeit nehmen.“

Egal, ob Ausschlag, Akne oder Allergien: Dr. Kessler ist immer da. Doch dafür wird er jetzt bestraft. Der Hautarzt muss 6214 Euro von seinem Honorar zurückzahlen, weil er zu viele Kassenpatienten behandelt hat! „Diesen Betrag fordert die kassenärztliche Vereinigung KVB von mir zurück, weil ich 2007 und 2008 die Honorarobergrenzen überschritten habe“, sagt der Hautarzt. „Das betrifft tatsächlich nur die ärztlichen Leistungen. Bei den Medikamenten und Rezepten liegen wir im grünen Bereich, da wir auch viele operative Eingriffe vornehmen und deshalb mehr verschreiben dürfen.“

Zähneknirschend muss er die Rückforderung akzeptieren, denn rein rechtlich ist sie korrekt. Bei der Gesundheitsreform vor zwei Jahren erhielten Kassenärzte die Möglichkeit, weitere Ärzte ohne eigene Kassenzulassung anzustellen. Damit sollte jüngeren Kollegen der Zugang in die Praxis erleichtert werden. Allerdings wurde dabei auch gesetzlich geregelt, dass diese neuen Job-Sharing-Praxen nicht mehr ärztliche Leistungen erbringen durften als der bisher dort allein tätige Arzt. „Diese Leistungen dürfen nur um drei Prozent überschritten werden“, erklärt KVB-Sprecher Martin Eulitz. „Gerade in München, wo viele Patienten über volle Wartezimmer und lange Wartezeiten auf einen Termin klagen, klingt das zwar komisch. Aber trotzdem ist München ärztlich überversorgt. Deshalb gibt es eine Sperre für kassenärztliche Zulassungen.“

Von den Kollegen, die zusätzliche Ärzte angestellt haben und ihre Obergrenzen nicht einhalten, müsste die KVB leider einen Teil der Honorare zurückfordern. Eulitz: „Das ist zwar unangenehm, aber das Gesetz über die Bedarfsplanungs-Richtlinie zwingt uns dazu. Herr Dr. Kessler ist kein Einzelfall, ähnliche Rückforderungen erleben wir immer wieder.“ Haut00arzt Dr. Kessler versteht die gesetzliche Regelung trotzdem nicht: „Weil ich zwei Kolleginnen beschäftige, soll ich also selbst weniger arbeiten. Das ist doch Unsinn. Ich arbeite nach wie vor 60 Stunden pro Woche. Aber ich tue es gern für meine Patienten und weil mir mein Beruf große Freude macht.“

Der ärztliche Bürokratie-Irrsinn wird dazu führen, dass Dr. Kessler künftig weniger neue Patienten annehmen kann: „Das ist sehr schade, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass auch jeder Kassenpatient ein Recht auf einen schnellen Termin in der Sprechstunde hat. Bei uns betragen die längsten Wartezeiten vier bis fünf Wochen. Bei akuten Hauterkrankungen wie Wund- oder Gürtelrose oder akuten allergischen Anfällen erhält jedoch jeder Patient noch am selben Tag einen Termin. Deshalb bin ich oft bis 20 Uhr in der Praxis.“ Dr. Kessler hofft jetzt, dass sich die Situation nach der Bundestagswahl wieder entspannt und die bestehenden Gesetze geändert werden. Doch bis dahin wollen noch viele Patienten einen schnellen Termin bei ihrem Arzt. Ob sie den bekommen, wird immer fraglicher.

Michael Timm

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