Einwohnerzahl sinkt erstmals wieder

Sterben die Münchner aus?: Zwei Drittel der Einwohner sind „Zugroaste“ - „Ein echter Münchner spricht boarisch“

Ein echtes Urgestein aus Hadern: Franz Kinker in seiner Miesbacher Tracht.
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Ein echtes Urgestein aus Hadern: Franz Kinker in seiner Miesbacher Tracht.

Wegen Corona: Zum ersten Mal seit Jahren nimmt die Einwohnerzahl in München ab. Und nur ein Drittel der verbliebenen Münchner sind waschechte Originale.

München - München* ist die Weltstadt mit Herz und der Ort, an dem sehr viele Menschen leben wollen. Jedes Jahr gibt es mehr Neu-Bürger als Leute, die der Landeshauptstadt den Rücken kehren. Eigentlich. Denn ganz frische Zahlen aus dem Rathaus zeigen nun, dass Corona* auch in diesem Punkt alles verändert hat: Ungewöhnlicherweise gab es im Krisenjahr 2020 nämlich mehr Wegzüge (93.921) als Zuzüge (90.459). Schaut man sich die Zahlen genauer an, fällt ein weiteres Verhältnis besonders auf. Von den 1.562.096 Einwohnern sind gerade mal 517.215 waschechte Münchner, die an der Isar geboren sind. Ihnen gegenüber stehen über eine Million „Zuagroaste“, die in der Stadt leben. Sterben die Münchner etwa aus?

München besteht aus einer Vielfalt von Menschen

Wohl kaum, wie die Geschichte zeigt. Schon im Jahr 1964 gab es zum Beispiel 300.000 Gebürtige, denen 800.000 Auswärtige gegenüberstanden. An diese Zeit erinnert ein herziger Schwarz-Weiß-Film des Bayerischen Fernsehens, der gerade im Internet sehr oft angeschaut wird. Schon 1964 galt: Trotz allen Ungleichgewichts macht es München* doch aus, dass es hier eine Vielfalt von Menschen mit ihren besonderen Geschichten gibt.

Zu den vielen Stammgästen von Kultwirt Rudi Färber („Beim Sedlmayr“) gehören viele Ur-Münchner. Woran er sie erkennt: „Ein echter Münchner spricht boarisch“, sagt Färber. Die Sprache gehöre zum Lebensgefühl genauso wie der Besuch der Wirtschaft. Schafkopfen, Biertrinken, Gemütlichkeit – darauf komme es den Männern an. Und die Frauen? „Das sind herzensgute Menschen“, sagt Färber. Wobei: „Der Münchner ist immer auch ein bisschen am Granteln, ohne aber grantig zu sein.“

Er gilt als Kultwirt in der Stadt: Rudi Färber vom „Sedlmayr“.

Ein Punkt, der Volksschauspielerin Monika Baumgartner auch sofort einfällt. Sie ist in der Stadt aufgewachsen, „in ganz einfachen Verhältnissen“, erzählt sie. Die Herkunft spielt für sie eine wichtige Rolle, wenn sie an die echten Münchner denkt. Da könne man nicht einfach pauschalisieren. Denn jemand, der in Bogenhausen oder Grünwald aufgewachsen ist, sei nun mal ein anderer als ein Arbeiterkind aus Giesing. Gemein haben die Münchner ihrer Ansicht nach, dass sie ehrliche Menschen sind. Sie sagen gradheraus, was zu sagen ist, ohne große Umschweife.

Echter Münchner ist man nicht nur, weil man in der Stadt geboren wurde

Für Frank Kinker, eines der letzten Urgesteine, gibt es dabei aber nur ein Wort, dass er auf Hochdeutsch aussprechen würde: „Das Wort München. Daran erkennt’s, ob jemand wirklich aus der Stadt ist.“

Wer an der Isar geboren wird, ist laut der Stadt ein Münchner. Ein waschechter Münchner wird laut dem Volksmund aber nur, wessen beide Eltern schon hier geboren sind. Für alle anderen gilt: Auch nach Jahrzehnten bleibt man wohl ein Zugereister. „Wer viele Jahre in der Stadt lebt, kann sich zwar anpassen“, sagt Monika Baumgartner. „Ein echter Münchner wird er, glaube ich, aber nicht.“ Was auffällt: Viele der beliebten Münchner Originale, die für das typische Lebensgefühl der Stadt stehen und es auf die Bühne gebracht haben, sind nach dieser Definition auch keine Original-Münchner. Und viele von ihnen sind schon nicht mehr unter uns. Schauspieler wie Helmut Fischer, Walter Sedlmayr oder Gustl Bayrhammer, die in Fernsehsendungen wie „Monaco Franze“ oder „Kir Royal“ die Sprache der Stadt gesprochen haben. Was bleibt, ist das moderne München mit 1,5 Millionen Menschen, die ihre Heimat, ob selbst gewählt oder nicht, lieben. *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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