Auch für Todesfall verantwortlich?

„Dr. Frankenstein“: Heftige Vorwürfe gegen Münchner Schönheitschirurg - Details in WhatsApp-Gruppe

Ein Münchner Schönheitschirurg muss sich jetzt vor Gericht verantworten, weil er zahlreiche Patienten verunstaltet haben soll.
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Ein Münchner Schönheitschirurg muss sich jetzt vor Gericht verantworten, weil er zahlreiche Patienten verunstaltet haben soll. (Symbolbild)

Einem Münchner Arzt wird in zahlreichen Fällen vorgeworfen, Patieten verunstaltet zu haben. Dieser streitet jedoch alles ab. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

München - Unter seinen Opfern ist er nur noch als „Dr. Frankenstein“ bekannt. Zumindest läuft unter diesem Namen die WhatsApp*-Gruppe, in der sich 78 seiner mutmaßlichen Geschädigten austauschen. Sie werfen einem Münchner Schönheitschirurgen vor, ihre Operationen verpfuscht zu haben. Inzwischen hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Er soll aber nicht nur bei OPs geschlampt haben. Ihm wird auch vorgeworfen, positive Bewertungen auf Internetportalen gekauft und negative gelöscht zu haben.

München: Über 70 Strafanzeigen gegen Schönheitschirurgen

Eines seiner mutmaßlichen Opfer soll Sandra Paulsen - Studentin für Wirtschaftspsychologie - sein. Die Frau erzählte dem Spiegel, dass sie sich lediglich einen kleinen „Hubbel“ auf ihrer leicht gekrümmten Nase entfernen lassen wollte. 2019 war das. Sie vertraute den unzähligen exzellenten Bewertungen im Internet - vor allem auf den gängigen Plattformen Google und Jameda (ein Ärzte-Bewertungsportal). Das Ergebnis war allerdings alles andere als exzellent.  „Dort, wo vorher der Nasenrücken war, gab es plötzlich nur noch eine flache konturlose Masse“, sagt Paulsen, „ich war total entstellt.“

Wie ihr soll es vielen Patienten von Sebastian V. (41) gegangen sein. Die Münchner Staatsanwaltschaft I ermittelt mittlerweile bei über 70 Strafanzeigen. Im Raum steht der Verdacht der fahrlässigen und gefährlichen Körperverletzung. Eine Frau verlor wohl beide Brustwarzen, eine andere eine ganze Brust. Ein männlicher Patient berichtet davon, dass sich seine Nase nach einer OP entzündete und ihm inzwischen ein Teil davon entfernt werden musste, weil er schwarz wurde und abstarb. Selbst das Horror-Szenario schlechthin - Aufwachen während einer Brustoperation - soll einer Patientin passiert sein.

Der Münchner Schönheitschirurg hatte tadellose Bewertungen im Internet

Nach Recherchen vom Spiegel wird Sebastian V. sogar ein Todesfall zur Last gelegt. Eine 54-jährige Frau aus der Nähe von München* hatte sich 2019 ihren Bauch und die Oberarme straffen lassen. Anschließend erkrankte sie schwer und musste in die Klinik. Kurze Zeit später verstarb sie. Die Staatsanwaltschaft München gab auf Nachfrage zu, dass „derzeit der Verdacht der fahrlässigen Tötung“ geprüft werde. V. stritt bislang alle Anschludigungen gegen ihn ab.

Doch warum fielen so viele Patienten auf den Chirurgen aus München rein? Häufigster Grund waren seine guten Bewertungen auf diversen Internetportalen. Das Ärzte-Bewertungsportal Jameda verlieh ihm 2019 sogar das Siegel „Top 10“ in der Kategorie „Plastische und Ästhetische Chirurgen“. Diverse Kommentare lobten den Mediziner in den höchsten Tönen. „Mit Abstand der aller Beste!“ oder „Perfektes Mami-Makeover“ konnte man auf dem mittlerweile gesperrten Profil des Arztes lesen.

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Marketing-Agenturen verkaufen positive Bewertungen

Paulsen kam über die Internetseite des Deutschen Ärzte Service (DÄS) auf V. Das DÄS verspricht plastische Operationen zu bezahlbaren Preisen. „Dort wurde mir der Münchner Arzt als einer der besten Chirurgen in Deutschland empfohlen.“ Sie war schnell überzeugt, obwohl sein Angebot mit 2900 Euro noch etwas über den günstigsten Angeboten lag. „Natürlich habe ich erst einmal seinen Namen gegoogelt und fand nur Topbewertungen“, sagt Paulsen dem Spiegel.

Häufig jedoch sind auch auf vermeintlich seriösen Portalen Bewertungen gekauft. Beispielsweise bietet die Goldstar-Marketingagentur auf Zypern ganz offen positive Bewertungen zum Kauf an. Oder, wer eine Gold-Mitgliedschaft auf Jameda abschließt, wird ab 1000 Euro Beitrag im Jahr, bevorzugt an potenzielle Kunden ausgespielt. Sogar bei negativen Kommentaren sollen die Jamenda-Berater unkompliziert helfen. Auch Sebastian V. besaß eine Gold-Mitgliedschaft bei Jameda. Außerdem steht der noch unbestätigte Verdacht im Raum, dass V. ebenfalls Kunde bei Goldstar gewesen sein soll. Der Arzt bestreitet auch das.

Die Patientin Paulsen soll von dem Münchner Chirurgen völlig entstellt worden sein

Sandra Paulsen nahm am Ende das Angebot von V. an. Eine Nasen-Korrektur für insgesamt 3600 Euro. Das Geld überwies sie an den DÄS. „Als es nach zwei Stunden Wartezeit endlich losgehen sollte, sagte ich ihm noch einmal, dass er mir bitte keine Stupsnase machen sollte“, so die Studentin. Sechs Stunden dauerte die OP, zwei Wochen musste sie einen Verband tragen. Dann der Tag der Wahrheit. „Ich werde nie vergessen, wie meine Nase aussah, als Dr. V. den Verband entfernte. Es war furchtbar. Er hatte so viel weggeschnitten. [...] Mein Gesicht war völlig entstellt.“

In den darauffolgenden Wochen wollte die Schwellung nicht zurückgehen, berichtet Paulsen. Der Chirurg soll ihr gesagt haben, sie solle von beiden Seiten „eine Stunde lang mit den Daumen auf das Gewebe drücken“. Damit würde die Nase so geformt, wie sie es sich vorgestellt habe. „Das funktionierte aber nicht und tat total weh.“ Die Tortur ging über mehrere Termine hinweg. Ihr Nase wurde immer wieder punktiert, um das Wundwasser abzuleiten. Außerdem soll der Arzt zu früh die Fäden gezogen haben, so dass die Narben an ihren Nasenflügeln aufgingen. „Es war der absolute Horror.“

München: Negative Kommentare sollen im Auftrag des Chirurgen gelöscht worden sein

Wieder stritt V. alles ab. Er wisse nichts von Operationsschäden. Und sechs Stunden für solch einen Eingriff seien nicht ungewöhnlich. Außerdem habe er Paulsen nur deshalb angeleitet, die Nachsorge selbst zu übernehmen, weil sie nicht so häufig in seine Praxis kommen wollte. Die junge Frau widerspricht. Sie zeigte das Ergebnis einem plastischen Chirurgen am Marienhospital in Stuttgart. „Die konnten es gar nicht fassen“, erinnert sich die Studentin, „innerhalb weniger Minuten standen fünf, sechs Ärzte um mich herum, die sich das Desaster ansehen wollten.“

Vielleicht hätte sich die Studentin für einen anderen Arzt entschieden, hätte sie die negativen Kommentare zu V. gefunden. Doch Aussagen wie „Vorsicht vor diesem Arzt!! Katastrophale OP-Ergebnisse“ oder „Er hat mich entstellt. Die Schmerzen psychisch und körperlich sind unerträglich“ wurden schnell wieder gelöscht. Sowohl Google als auch Jameda sollen schnell reagiert haben, als V. anfragte. Eine mutmaßlich geschädigte Patientin bekam von Jameda sogar die Lösch-Begründung von V. zugeschickt. Dort wirft ihr V. vor, dass sie psychisch krank sei und das der Kommentar doch umgehend gelöscht werden sollte.

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Der Münchner Chirurg gibt an, tausende erfolgreiche OPs durchgeführt zu haben

Der Münchner Chirurg streitet laut Spiegel konsequent alle Vorwürfe ab und bezeichnet sie als „haltlos“. Nur in vier bis zehn Fällen würde es Untersuchungen geben, die zu Prozessen führen könnten. Er wirft Paulsens Anwalt vor, „reihenweise Mandate für Zivilklagen zu generieren“. Er habe 2016 1400 Patienten nach „höchstem ärztlichen Standard“ operiert und auf Jameda 121 „1,0-Bewertungen“ gehabt. Jameda zeigt sich allerdings auf Spiegel-Anfrage betroffen und wolle in Zukunft bei Hinweisen auf schwere Missstände „proaktiv und frühzeitig die Ärztekammer informieren“.

Paulsen hat nun vier Korrektur-Eingriffe hinter sich. Ihr Anwalt verklagt das DÄS auf 100.000 Euro Schadensersatz. Einer der Geldgeber des DÄS soll früher in der Reisebranche Trips zu Operationen ins Ausland vermittelt haben. Kein Wunder, wenn das am Ende dann „ein Horrortrip wird.“ Eine Operation hat die Studentin noch vor sich. 6500 Euro Selbstbeteiligung musste sie zahlen. Es soll die letzte OP sein. „Danach ist mein Leben hoffentlich wieder so wie vor der ersten Nasenoperation.“ (tel) *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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