Zustrom und Blechlawine

München erstickt! Immer mehr Leute, immer mehr Autos

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In München gibt es immer mehr Autos. Neue Zahlen sind alarmierend.

In München wird es eng! Jedes Jahr ziehen 23.000 Menschen in die Stadt. Bis zum Jahr 2035 werden voraussichtlich schon 1,851 Millionen Menschen in München leben. Sind wir diesen Zahlen gewachsen?

Genau 60 Jahre ist es jetzt her: Im Jahre 1957 sprengte München die Grenze zur Millionenstadt. Ja, diese Zeiten sind längst passé: Denn der jüngste Demografiebericht des Referats für Stadtplanung und Bauordnung hat heuer ergeben, dass bis zum Jahr 2035 voraussichtlich schon 1,851 Millionen Menschen in München leben werden. Also nochmal 300.000 mehr als jetzt! Das heißt: Die Münchner Fieberkurve steigt und steigt – immer mehr Menschen müssen in unserer Landeshauptstadt Platz finden.

München wächst seit 15 Jahren

„Seit über 15 Jahren befindet sich München in der Wachstumsphase“, erläutert der Demografie-Bericht. „München wird internationaler und vielfältiger.“ Als Grund für das Wachstum nennt das Planungsreferat: die Migrationsströme im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung, die Eurokrise und die Konflikte im Nahen Osten und in Afrika. Wie jene sich weiterentwickeln – davon werde abhängen, wie genau die Prognosen eintreffen.

Baby-Boom in München

Aber nicht nur die Migration führt zum Wachstum, auch die Geburtenzahlen – anders als bei der bundesdeutschen Entwicklung. „In München werden mehr Kinder geboren als Personen sterben, sodass demografisch formuliert ein ,natürliches‘ Einwohnerwachstum zu verzeichnen ist“, erklären die Statistiker. Bei all den explodierenden Zahlen zeigt der Bericht übrigens auch: Die Zuwächse werden weniger. Zählt München laut der Prognose zunächst noch 19.000 Einwohner pro Jahr mehr, wird die Zahl der Zuwächse jedes Jahr weniger, am Ende des Prognosezeitraums wird nur noch von 9000 Bürgern mehr pro Jahr ausgegangen. Diese unterschiedlichen Zahlen hängen übrigens nicht mit irgendwelchen prognostizierten Ereignissen zusammen. Ingo Trömer, Sprecher des Referats für Stadtplanung und Bauordnung: „Das macht deutlich, dass wir sehr langfristig von einer Abschwächung des Bevölkerungswachstums ausgehen.“

Immer mehr Zuzügler und Pendler - schon Anfang des Jahres stellte der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München (PV) alarmierende Zahlen vor.

Es gibt immer mehr Autos in München

Feinstaub! Lärm! Staus! Man möchte meinen, dass der Trend zu immer weniger Autos in unserer Stadt geht. Denkste! Aktuelle Daten belegen, dass keine Tendenz bei den Bürgern zum Verzicht auf das eigene Fahrzeug feststellbar ist. Im Gegenteil: Es gibt immer mehr Autos in der Stadt. Die Zahl stieg von 2005 bis 2016 dramatisch von 668.000 auf 813.000.

Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind. Offenbar gilt diese These nach wie vor auch für München: Nach Auswertung aktueller Daten kommt die Stadt zu einem ernüchternden Fazit: „Eine wirkliche Trendwende vom eigenen Fahrzeug hin zu umweltfreundlichen Alternativen ist gegenwärtig noch nicht erreicht“, heißt es. Und das zu einem Zeitpunkt, da allseits über schlechte Luftqualität diskutiert wird. Die Stadt platzt aus allen Nähten, erstickt im Stau und erstickt offenbar auch an ihrer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs hingegen hinkt weit hinterher.

Ist in München das Auto noch ein Statussymbol?

Die neuesten Zahlen über die Entwicklung des Kfz-Bestandes in München, die unserer Zeitung vorliegen und kommende Woche dem Stadtrat vorgestellt werden, geben jedenfalls begründeten Anlass zur Sorge. Mehr Einwohner bedeuten mehr Autos. Die dafür zur Verfügung stehende Straßenfläche dafür wächst natürlich nicht. Im Vorjahr stieg der Anteil der Kraftfahrzeuge prozentual mit 2,5 Prozent sogar stärker als die Einwohnerzahl (1,5 Prozent). Genau 813.592 Autos waren Ende 2016 registriert. Besonders die Anmeldung gewerblicher Fahrzeuge schnellte in diesem Zeitraum um 49 Prozent nach oben, während der private Kfz-Bestand nur um elf Prozent zunahm.

Übrigens: Zwei Drittel der Autos in München sind auf Männer zugelassen, ein Drittel auf Frauen. Statistisch gesehen hat sich seit 2005 so gut wie nichts am Mobilitätsverhalten der Bürger geändert: Immer noch ist das Verhältnis so, dass auf 2,2 Einwohner ein privates Kraftfahrzeug kommt (unter Abzug der Minderjährigen).

Was die Altersstruktur betrifft, hat die Stadt im Beobachtungszeitraum von 2005 bis 2015 einen etwa gleichbleibenden Auto-Bestand bei den Jüngeren (18 bis 34 Jahre) festgestellt. Bei den 35- bis 44-Jährigen gibt es sogar einen Rückgang zu verzeichnen, während die Statistik ab einem Alter von etwa 45 Jahren kontinuierlich Zunahmen belegt. Als Grund erkennt die Stadt, dass der eigene Kfz-Besitz hier offensichtlich im Sinne eines Statussymbols einen höheren Stellenwert besitzt. Auch hätten viele Bürger dieser Altersklasse „einen gewissen Lebensstandard“ erreicht.

Jüngere Leute verzichten nicht auf ein Auto

Zum Mobilitätsverhalten der Bürger zieht die Stadt ein gespaltenes Resümee: „Die Auffassung, dass die jüngere Bevölkerung tendenziell eher auf die Anschaffung eines eigenen Autos verzichtet und auf alternative, umweltfreundliche Verkehrsmittel oder Carsharing umsteigt, kann anhand der Datenlage nicht bestätigt werden.“ Nur ein gewisser Teil der Bevölkerung habe sich wegen des Umweltschutzes zu einem Verzicht auf das eigene Auto entschlossen, so die Erkenntnis des Planungsreferats.

Allein in München sind 80.000 alte Diesel-Autos unterwegs.Um die Luft in der Landeshauptstadt zu verbessern, könnte auch eine Abwrackprämie helfen, meint OB Dieter Reiter.

München aus der Luft.

„Die Stadtluft macht arm“

München wächst rasant. Wie wird das unser aller Leben beeinflussen? Wir sprachen mit dem renommierten Stadtforscher Prof. Dr. Tilman Harlander (71) von der Universität Stuttgart.

Herr Professor Harlander, welche Herausforderungen hat München zu stemmen, um mit dem hohen Wachstum fertig zu werden?

Stadtforscher Prof. Dr. Tilman Harlander (71) von der Universität Stuttgart.

Prof. Tilman Harlander: Die größte Herausforderung sind die hohen Miet- und Kaufpreise im Wohnen. Die große Sorge: Driftet da die Stadtgesellschaft sozial auseinander? Immer mehr Schichten können mit dieser Entwicklung nicht mehr mithalten. Bestimmte Wohnungen sind jetzt schon nur noch ein Objekt für Kapitalanleger und Steuerflüchtlinge. Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Eine Stadt wie München kann ihr Flair nur behalten, wenn die Mischung der Bevölkerung erhalten bleibt. Denn das macht gelungene Urbanität aus: soziale und funktionale Vielfalt, eine Mischung aus Gewerbe und Wohnen, aus verschiedenen Alters- und Einkommensschichten. Das aber droht am Preisdiktat des Immobilienmarktes zu scheitern. Dann macht – wie es der berühmte Spruch sagt – Stadtluft nicht mehr frei, sondern arm.

Was kann man tun?

Harlander: Da ist München durchaus aktiv! Die Stadt hat eine Vorreiterrolle dabei, preiswerten Wohnraum zu sichern. Die Sozialgerechte Bodennutzung etwa, mit der die Stadt privaten Bauträgern einen Pflichtanteil für geförderte und bezahlbare Wohnungen festschreibt, ist vielfach in Deutschland kopiert worden. Und auch bei den Erhaltungssatzungen ist München deutschlandweit Vorreiter. Und dennoch kommt auch München an Belastungsgrenzen. Wie weit lassen sich neue Bauflächen ausweisen – und wie hoch muss demgegenüber der Schutz von Freiflächen sein? Diese Aufgaben kann die Stadt eigentlich nur in Kooperation mit den Nachbargemeinden schultern.

Wie zukunftsträchtig ist das „Phänomen Ballungsraum“ heute noch? Ist es noch sinnvoll für den Einzelnen, in die Großstadt zu ziehen?

Harlander: Ja – und deshalb halte ich die hohen Wachstumsprognosen für München auch für realistisch. Großstädte wie München sind ja nicht allein für die jungen Bildungszuwanderer attraktiv, sondern etwa auch für alte Menschen: Gerade sie sind auf die ärztliche Versorgung und eine barrierearme Versorgung in ihrer Nähe angewiesen. Auch für Familien macht der Umzug in die Großstadt Sinn. Lange Zeit gab es ja den „Suburbanisierungstrend“: Wer genug Geld hatte, zog in ein Haus im Umland. Heute schauen die Erwerbsbiographien aber ganz anders aus. Wir haben nicht mehr einen Haupterwerbstätigen, der bis zur Rente an einer Arbeitsstelle bleibt. Alle müssen damit rechnen, öfter im Leben umzusatteln und lebenslang zu lernen.

Sie sind ja in den 50er-, 60er-Jahren in Schwabing aufgewachsen. Wie würden Sie persönlich die Stadt früher und heute einschätzen?

Harlander: Ich habe zum Beispiel Stadtviertel wie Giesing, die Au oder Sendling noch als Arbeiterquartiere für breite Volksschichten mit ganz eigenem Charakter erlebt. Das hat sich natürlich gewaltig verändert. Was München aber auszeichnet: Die Stadt hat sich ein besonderes Flair behalten. 

So plant die Stadt für die Zukunft

  • Voraussichtlich 2020/21 sollen die ersten Bewohner im Gebiet östlich der ehemaligen Bayernkaserne einziehen. Hier geht es um rund 1000 Wohneinheiten, die den Markt etwas entlasten sollen.
  • Bis 2021 soll im Werksviertel am Ostbahnhof das neue Konzerthaus fertig sein, bis 2023 auch die neue Grundschule für 400 Kinder. In dem neuen Viertel sollen mit der Zeit 3000 Menschen wohnen und 12.600 arbeiten können. Es entstehen Kultureinrichtungen wie Theater, Kino, Kletterhalle, Geschäfte, eine Grundschule, drei Kitas.
  • Bis 2022 entsteht nördlich desLeonrodplatzes das neue Strafjustizzentrum, das den maroden Bau an der Nymphenburger Straße ersetzen soll. 1300 Menschen werden hier voraussichtlich arbeiten.
  • Bis 2023 soll das neue Wohnquartier auf dem Paulaner-Areal am Nockherberg fertig sein. Geplant sind hier ungefähr 1500 neue Wohnungen für etwa 3500 Menschen, mehrere Kitas und ein 16.000 Quadratmeter großer Park sowie eine Grundschule, die 2019 in Betrieb gehen soll.
  • Bis 2024 wird der erste Realisierungsabschnitt im neuen Stadtteil Freiham fertig – dem größten Wohnviertel, das die Stadt München derzeit baut. Auf insgesamt 350 Hektar freier Fläche entsteht hier im Münchner Westen ein neues Quartier, in dem 25.000 Menschen wohnen und 7500 arbeiten werden. Hier (zwischen A99, S-Bahnlinie München—Geltendorf und Bodenseestraße) entsteht auch ein 60 Hektar großer Landschaftspark).
  • Bis circa 2025 plant die MVG, die Tram-Nordtangente zu eröffnen, mit dem umstrittenen Stück durch den Englischen Garten. Bis dahin soll auch die West-Tangente, die neue Trasse vom Romanplatz zur Aidenbachstraße, endlich fertig sein.
  • Bis 2026: Die Zweite S-Bahn-Stammstrecke soll fertig werden. Bis dahin entstehen drei neue unterirdische Stationen am Hauptbahnhof, Marienhof und Ostbahnhof. Alle Infos zum Bau der zweiten Stammstrecke finden Sie hier.
  • Bis 2029: Hauptbahnhof: Die Empfangshalle soll durch ein modernes Terminal, der Starnberger Flügelbahnhof durch ein neues Gebäude ersetzt und um ein Hochhaus ergänzt werden (siehe auch Entwurf rechts). Der Bahnhofplatz wird ebenfalls neu gestaltet.
  • Bis 2035 soll das Kreativquartier fertig sein. Auf der 20 Hektar großen Fläche der ehemaligen Luitpoldkaserne und den angrenzenden Gebieten sind gut 900 Wohnungen, eine Grundschule und ein Hochschul-Neubau geplant.
So plant die Stadt für die Zukunft: Hier ein Blick auf den neuen Münchner Hauptbahnhof.

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Andrea Stinglwagner/ Klaus Vick

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