Fiese Betrugsmasche in München

4,62 Millionen Euro! Rekord-Schaden durch falsche Polizisten

Ermittler führen die Betrüger ab.
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Ermittler führen die Betrüger ab.

Sie geben sich als Polizeibeamte – und zocken Senioren am Telefon ihr Geld ab: So erbeuten Trickbetrüger in München immer mehr Geld. Allein vergangenes Jahr gab es 6113 Fälle mit einem Schaden von 4,62 Millionen Euro, sagt Justizminister Georg Eisenreich. Es ist ein trauriger Rekord.

  • Die Schäden durch die Betrugsmasche ‚Falsche Polizisten‘ sind so hoch wie nie
  • Allein in München gab es im Jahr 2020 insgesamt 6113 Fälle
  • Der Schaden betrug laut Justizministerium rund 4,62 Millionen Euro

In München sind die Schäden durch falsche Polizeibeamte so hoch wie nie. „Im gesamten Jahr 2020 hat allein die speziell mit dieser Betrugsmasche befasste AG Phänomene des Polizeipräsidiums München insgesamt 6113 Fälle erfasst“, sagt Justizminister Georg Eisenreich (50, CSU) auf Anfrage unserer Zeitung. Insgesamt 6062 Taten blieben beim Versuch, 51 wurden vollendet. Der Schaden bei den Opfern betrug rund 4,62 Millionen Euro.

Rekord in München: So viele Trickbetrugstaten wie nie

Zum Vergleich: Im Jahr 2019 gab es 3215 Fälle in München, in 2018 waren es 2465 Fälle. Damit gilt 2020 als trauriges Rekordjahr des Trickbetrugs in der Landeshauptstadt. „Corona hat den Tätern in die Hände gespielt“, sagt Eisenreich. Während der Pandemie hätten die Betrüger ihre Masche weiterentwickelt. Allein im November gab es 1159 Fälle, im April hingegen nur 66, was auch durch die Reisesperre zu erklären war. „Nach einem kurzen Einbruch der Fallzahlen zu Beginn der Pandemie haben sich die gut organisierten Täter leider schnell angepasst“, sagt Eisenreich.

Justizminister Eisenreich mit den Staatsanwältinnen Melissa Hansen (30, li.), Ulrike Hahn (49, z.v.r.) und Melanie Martinez (34, re.)

Falsche Polizisten: Die Vermögensschäden liegen im Millionen-Bereich

Die sinkenden Zahlen von Februar bis Mai 2020 seien unter anderem auf die Schwierigkeiten bei Ein- und Ausreisen und dem Verbringen der Beute ins Ausland zurückzuführen. Die Schadenssummen seien erheblich, in Einzelfällen lägen sie sogar im siebenstelligen Bereich. Wie im Fall einer Münchnerin, die für drei Millionen Euro Diamanten gekauft und diese an einen Abholer übergeben hatte, der zu einer Bande Trickbetrüger gehörte. Der Täter ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft München I mittlerweile zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil ist rechtskräftig.

Gegen falsche Polizeibeamte greift die bayerische Justiz hart durch: „Gerichte sind bereit, gegen die Abholer sofort Haftstrafen auszusprechen, auch wenn diese keine Vorstrafen haben“, erklärt Oberstaatsanwältin Anne Leiding. „Die Täter arbeiten mit perfiden Tricks“, erklärt Eisenreich. Per Telefon geben sich Betrüger als Polizeibeamte aus, die Senioren angeblich vor Einbrechern schützen wollten – dafür aber ihr Bargeld und Schmuck sichern müssten, die ein Kollege abhole. Eine dreiste Lüge, die zu immer höheren Schäden führt: „Im Jahr 2020 erbeuteten die Täter in ganz Bayern mehr als neun Millionen Euro“, sagt Eisenreich. Die Dunkelziffer sei hoch, denn Betroffene zeigen die Taten oft gar nicht an – aus Scham, Krankheit oder anhaltender Gutgläubigkeit.

Insgesamt 39 Trickbetrüger wurden in der Türkei festgenommen

Trickbetrug in München: 26 Ermittler jagen die Gangster

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Viele Bürger kennen die Masche der falschen Polizeibeamten mittlerweile, wissen die beiden spezialisierten Staatsanwältinnen Melissa Hansen und Melanie Martinez. Sie arbeiten gemeinsam mit einem Team der Münchner Polizei gegen den Trickbetrug an, insgesamt umfasst die sogenannte AG Phänomene der Polizei 26 Ermittlerinnen und Ermittler. Ihre Erfahrung zeigt: Abholer können teils gefasst werden. Schwieriger ist das bei den Logistikern, die die Taten planen, und den Keilern, die die Anrufe tätigen. Denn diese Hintermänner sitzen, wie die Betreiber der betrügerischen Callcenter, meist im Ausland. Dort seien meist gleich duzende Betrüger am Werk.

„Die Täter sind zum Teil abgeschobene türkische Staatsbürger, die in Deutschland gelebt haben und die Mentalität und Lebensweise der Deutschen sehr gut kennen“, sagen Martinez und Hansen. Sie wüssten auch, in welchen Städten vermeintlich große Summen abgegriffen werden können. Von Izmir oder Istanbul aus rufen die Betrüger dann an. Nur eine Handvoll dieser Callcenter gebe es. In München und dem gesamten Freistaat richten diese Taten aber immer größere Schäden in Millionenhöhe an.

Der Millionen-Fall aus Izmir: So kamen Münchner Ermittler den Gangstern auf die Spur

Ihr Kopf ist gesenkt, die Hände liegen auf dem Rücken – mit Handschellen gefesselt. So werden die Mitglieder einer Bande von der Polizei abgeführt. Es handelt sich um Callcenter-Betrüger aus der Türkei: Von Izmir aus riefen die Gangster etliche Rentner in München an und betrogen sie um ihr Geld. Doch damitist Schluss: 39 Bandenmitglieder sind nach Angaben der Münchner Staatsanwaltschaft mittlerweile festgenommen worden. Es ist einer der größten Schläge gegen den organisierten Trickbetrug.

Bandenchef Amar S. (31) wurde im Dezember festgenommen

Die Ermittlungen führten die türkischen Behörden, wichtige Hinweise kamen aber aus München. „Wir haben bereits seit Monaten mit den türkischen Behörden Informationen ausgetauscht“, sagt Ermittlerin Ulrike Hahn von der Staatsanwaltschaft München I. Im Dezember erfolgte der Zugriff: 48 Wohnungen und Häuser wurden durchsucht, vor Ort konnte die Polizei 1,5 Millionen Euro Bargeld und fünf Kilo Gold sowie Autos, Immobilien, Uhren und Schusswaffen sicherstellen. Spezialkräfte hatten das Callcenter gestürmt, das in einer Mietwohnung eingerichtet war, und konnten auch den Kopf der Bande festnehmen: Amar S. (31), der 2012 aus einem Bremer Gefängnis geflohen war. 

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