Filmtheater am Sendlinger Tor

Eines der ältesten Kinos Münchens vor dem Aus: Hauseigentümer klagt auf Räumung - jetzt entscheidet das Gericht

Eines der ältesten Kinos Münchens am Sendlinger Tor - wird es bald geschlossen?
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Eines der ältesten Kinos Münchens am Sendlinger Tor - wird es bald geschlossen?

108 Jahre nach der Gründung steht eines der ältesten Kinos in München am Scheideweg. Die Hauseigentümer haben auf Räumung geklagt, die Betreiber wollen bleiben – nun entscheidet das Landgericht.

München - Eigentlich darf er hier gar nicht stehen. Erste Reihe auf der Empore: „Da sitzen eigentlich die Stammgäste“, sagt Fritz Preßmar (76) und lacht. Denn am Gang, der davor verläuft, haben die Beine schön viel Platz. Und die Sicht zur Leinwand ist ideal. Kino – das ist immer noch ein Erlebnis, weiß Preßmar.

Filmtheater am Sendlinger Tor: Das Kino steht unter Denkmalschutz

Sein Sohn Christoph (47) steht neben ihm, dahinter glänzen die Lichter und der rote Vorhang in Münchens* ältestem Kino: dem Filmtheater am Sendlinger Tor. 1913 wurde es eröffnet, Fritz und Christoph Preßmar führen es in zweiter und dritter Generation. Doch geht es nach den Hausbesitzern, ist damit bald Schluss: Sie haben Räumungsklage gegen die beiden Betreiber eingereicht. Am Freitag (16. April 2021) entscheidet das Landgericht über den Fall – und für das Filmtheater könnte der letzte Vorhang fallen.

„Ich schätze unsere Chancen 60 zu 40“, sagt Fritz Preßmar. „Wir haben die besseren Argumente.“ Nur noch einer der fünf Eigentümer führe die Klage, „die anderen konnten wir überzeugen, ihre Unterschrift zurückzuziehen.“ Denn wirtschaftlich mache es kaum Sinn, dass der Pächter wechselt: Das Kino steht unter Bestands- und Denkmalschutz. Innen darf es nicht umgebaut werden, Cafés oder Läden wären verboten. „Höchstens ein Museum könnte hier rein“, sagt Fritz Preßmar und lacht.

Ältestes Kino Münchens am Sendlinger Tor - Eintrittspreis 1948: 80 Pfenning

Zwei Tage vor dem Urteil sitzt er in seinem Büro im ersten Stock. Vor ihm ein Kassenbuch. Handgeschrieben, von 1948. „Alle Kino-Vorstellungen waren damals ausverkauft“, sagt Preßmar. 690 Plätze hatte das Filmtheater. 8000 Besucher kamen pro Woche. Der Eintrittspreis damals: 80 Pfennig.

Preßmars Vater hatte das Kino 1946 nach dem Krieg übernommen, Fritz stieg 1970 mit ein. Bis zu 900 000 Besucher kamen pro Jahr. Die großen Namen des Films feierten ihre Premieren am Sendlinger Tor. Preßmar schlägt sein Fotoalbum auf. Martin Scorsese. Michael Douglas. Joseph Vilsmaier. „Sie waren alle hier.“

1989 ließ er das Kino renovieren. Mittlerweile arbeitet er gemeinsam mit Sohn Christoph. „Das Jahr 2020 kann man vergessen“, sagen sie. Das letzte Mal ausverkauft? Bei Knives Out mit Bond-Darsteller Daniel Craig. Im Januar 2020 war das.

Kino am Sendlinger Tor: „Wir wollen wieder investieren“

Aber ans Aufhören denken die Preßmars nicht. Die Außenfronten konzipiert Fritz noch selbst. „Das Kino ist mein Leben“, sagt er. „Solange ich gesund bleibe, mache ich weiter.“ Klar: Die Blütezeiten sind vorbei. „Aber man kann das Kino so führen, dass es bescheidene Gewinne macht.“ Nach Corona werde das Kino wieder rentabel sein, ist sich Preßmar sicher.

Er lädt zum Rundgang. Hier eine Ehrung vom Bayerischen Filmpreis, dort der Dank von Regisseuren. „Ein Raum lebt auch von seiner Geschichte“, sagt Preßmar. „Wir wollen wieder investieren“, verspricht er. Wenn das Gericht ihn lässt. An der Königsloge bleibt er stehen. „Es war mit das erste Kino, das damals Hochpolsterstühle hatte. Mit Cord bezogen“, erinnert er sich. Über Jahrzehnte sei es eine Kunst gewesen, den historischen Charme des Kinos zu bewahren. Vor der Pandemie kamen immer noch 100 000 Besucher jährlich – ein Topwert in Deutschland. Und Kino als besonderes Filmerlebnis, sagt Preßmar: „Das wird bleiben“. - Andreas Thieme *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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