Liebesstein zertrümmert

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Quadratisch, romantisch, gut, so war Michaels Stein für seine Andrea (links). Jetzt wurde er durch eine nichtssagende Pflasterplatte ersetzt

München - Der Liebesstein in der Fußgängerzone - es gibt ihn nicht mehr. Die Stadt ging betonhart gegen das originelle Stück vor. Andrea und Michaels Liebe wird das aber nicht zerstören. Lesen Sie hier die kuriose Geschichte.

Plötzlich war er da. Über Nacht. Und niemand wusste, wer ­genau dahinter steckte. Eine Andrea, ein Michael müssen es wohl gewesen sein. Aber davon gibt es ja viele in München. Den Passanten war es egal. Sie lächelten, wenn sie vor dem Kaufhof am Marienplatz auf den Boden schauten. Ti amo! Andrea + Michael. 25.10.2009 war hier in einen Pflasterstein graviert.

Ein Liebesschwur, gemeißelt in eine trostlose Betonplatte (tz berichtete). Genauso plötzlich war das Liebesbekenntnis aber wieder verschwunden. Allerdings nicht über Nacht. Und nicht, weil die Liebe zerbrochen wäre. Männer in Orange tauschten den Liebesstein gegen eine graue Pflasterplatte – am helllichten Tag. Es waren Mitarbeiter des Baureferats, die zur Tat schritten. „Aus verkehrstechnischen Überlegungen musste die Platte ersetzt werden, sie war nicht fachmännisch verlegt“, erklärt Jürgen Marek vom Baureferat.

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Die Veränderung blieb nicht unbemerkt. Jene Andrea, die auf der Trittplatte verewigt war, entdeckte den Tausch. Fast zwei Monate lang hatte sie mit ihrem Michael immer mal wieder an „ihrem“ Liebesstein vorbeigeschaut. Während die Menschen vorbei eilten, hielt das Pärchen inne – und freute sich still über ihr kleines Geheimnis. Dieses Geheimnis begann am 25.10.2009, einem Sonntag. Andrea (44) war damals mit mehreren Freundinnen in der Fußgängerzone unterwegs, sie feierten einen Jung­gesellinnenabschied. Eine der Aufgaben war es, Männer zu einem Ständchen zu bewegen. Vor dem Kaufhof trafen die Mädels auf einen Michael (40). Er fackelte nicht lange – und trällerte Ti amo. Irgendwie fühlte sich Andrea angesprochen, man tauschte Handynummern aus. Ein Jahr lang schickten sich Andrea und Michael ab und zu eine SMS.

Am ersten Wiesntag im vergangenen Jahr sahen sich die Münchner wieder. „Ich saß im Riesenrad und schrieb ihm eine Nachricht“, erzählt Andrea. Zufällig saß Michael an jenem Tag in einem Bierzelt. Minuten später trafen sich beide wieder – und sind seitdem ein Paar.

Irgendwann wollte Michael aller Welt sagen, wie sehr er seine Andrea liebt. Er besorgte sich eine originale Münchner Fußgängerzonenpflasterplatte, ein Steinmetz gravierte die Liebesinschrift in den Stein. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion tauschte Michael in aller Früh eine graue Betonplatte gegen den Liebesstein – genau an jener Stelle, an der er seine Andrea kennengelernt hatte. „Ich hab mich so darüber gefreut, mir sind die Tränen in die Augen geschossen vor Rührung“, sagt die Münchnerin noch heute.

Als die tz Ende des Jahres eine Geschichte über die Liebesbotschaft aus Beton schrieb, freute sich Andrea riesig. „Den Artikel haben wir eingeschweißt.“ Weniger begeistert war das Baureferat: „Wir werden den Fall nicht polizeilich verfolgen lassen, aber es soll auch nicht zur Mode werden“, sagte Sprecher Jürgen Marek weniger romantisch. „Schließlich stellt der Tausch eine Sachbeschädigung öffentlichen Eigentums dar.“ Der Liebesstein jedenfalls ist entsorgt, er ist beim Abtransport zerbrochen, liegt wohl irgendwo auf einem städtischen Schuttsammelplatz. „Irgendwie sehr traurig“, sagt Andrea. „Aber unsere Liebe kann das nicht erschüttern.“

JAM

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