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Angst vor dem Gas-Stopp im Winter: Riesen-Ansturm auf Heizlüfter in München

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Von: Andreas Höß

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Begehrte Ware: Hornbach-Mitarbeiter Alexander Sterthues zeigt einen Heizlüfter. Mit 15 000 Watt ist das Industrie-Modell aber eher für Baustellen geeignet.
Begehrte Ware: Hornbach-Mitarbeiter Alexander Sterthues zeigt einen Heizlüfter. Mit 15 000 Watt ist das Industrie-Modell aber eher für Baustellen geeignet. © Astrid Schmidhuber

Aus Angst vor einem Gasstopp im Winter, stürmen die Menschen die Baumärkte und decken sich mit Heizlüftern ein. Doch Experten warnen: Die Geräte sind nur eine Notlösung.

München – Das hat Alexander Sterthues auch noch nicht erlebt. Am Montag hat der Mitarbeiter des Hornbach-Baumarktes in Freiham kartonweise neue Heizlüfter in die Regale geräumt. Am Dienstagvormittag ist fast alles schon wieder weg. Der Heizlüfter VK2002, die Wifi-fähigen Heizpaneelen, der Radiator 2000 – nach nur einem Tag ausverkauft. Die Nachfrage nach elektrischen Heizgeräten ist extrem, sagt Sterthues.

Dabei sei man auf so einen Ansturm selbst im größten Baumarkt Münchens noch nicht eingestellt. „Wir haben gerade hauptsächlich Heizstrahler da, mit denen man es sich in einer lauen Sommernacht auf der Terrasse gemütlich machen kann“, erklärt Sterthues. „Die Kunden wollen aber schon Geräte, mit denen man im Winter die Wohnung warm bekommt.“

Gasstopp im Winter? Erste Wohnkonzerne wie Vonovia regeln Mietern nachts Heizung runter

Wegen des Ukraine-Kriegs droht Russland, Europa den Gashahn zuzudrehen. Ob im Winter noch russisches Gas kommt? Und selbst wenn, zu welchem Preis? Wer weiß das schon. Erste Wohnkonzerne wie Vonovia regeln ihren Mietern nachts bereits die Heizung runter. Sogar die vorrangige Versorgung privater Haushalte im Falle einer Gas-Krise stellte Wirtschaftsminister Robert Habeck eben erst infrage. Verständlich, dass sich einige Menschen trotz der drohenden Hitzewelle schon jetzt Gedanken über die kalte Jahreszeit machen – und sich auf die Suche nach Alternativen zu ihren Gasheizungen begeben.

„Die Leute kaufen alles, was heizt und brennt“, bestätigt Alexander Sterthues. Doch sind elektrische Heizungen wirklich eine Alternative? „Zumindest nicht als Dauerlösung“, sagt Energieberater Norbert Endres von der Verbraucherzentrale Bayern. Denn egal ob klassische Heizlüfter, Radiatoren oder Infrarotgeräte: „Heizen mit Strom ist exorbitant teuer.“ Die Kilowattstunde Strom kostet etwa drei Mal so viel wie die Kilowattstunde Gas. Wer direktelektrisch heizt, wie es im Fachjargon heißt, verbrennt also sehr viel Geld.

Wie viel das elektrische Heizen kostet, lässt sich überschlagen. Je nach Gebäudealter und Dämmung liegt der jährliche Bedarf an Heizenergie bei 50 bis 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter, als Durchschnitt kann man laut Verbraucherzentrale etwa 100 Kilowattstunden ansetzen. Bei einem günstigen Strompreis von 33 Cent pro Kilowattstunde würde das für ein Wohnzimmer mit 20 Quadratmetern Heizkosten von 660 Euro im Jahr bedeuten, beim aktuellen Neukundentarif von 47 Cent pro Kilowattstunde der Stadtwerke München wären es sogar 940 Euro.

Gaskrise in München: Ansturm auf Heizlüfter - Hohe Unterhaltskosten

Und das ist nur der jährliche Durchschnittswert für ein einziges Zimmer bei aktuellen Preisen. Steigt der Strompreis wie bisher im Gleichschritt mit dem Gaspreis, können in einem Wintermonat für eine Wohnung mit drei Zimmern, Küche und Bad „schnell noch deutlich höhere Kosten von mehr als 500 Euro pro Monat fällig werden“, rechnet Endres vor.

Also Finger weg vom Heizstrahler? Auch das kann man so pauschal nicht sagen. Elektrische Heizungen können eine Notlösung sein, falls man in seiner Wohnung keinen Zugang zu einem Holzofen oder keinen Kaminanschluss hat und wirklich einmal die Gasheizung länger abgestellt werden sollte. Das ist zwar eher unwahrscheinlich, aber im Moment auch leider nicht mehr undenkbar.

„Bevor man in der kalten Wohnung sitzt, kann man zur Not eine stark begrenzte Zeit lang mit Strom heizen“, räumt auch Energieberater Endres ein. Zumal die Anschaffungspreise mit teils unter 100 Euro niedrig und nur die Unterhaltskosten hoch sind. „Doch selbst im Notfall sollte man sich überlegen, welche Zimmer man mit welcher Temperatur beheizt und wie lange man das macht.“

Gasknappheit in Deutschland: Heizlüfter machen schnell warm, sind dafür aber laut

Ob man dafür einen Heizlüfter, einen Radiator oder ein Infrarotsystem einsetzt, ist eher eine Frage des Geschmacks. Infrarotsysteme haben den Nachteil, dass sie Flächen heizen und das nur von einer Seite. Wer davor sitzt, hat also einen warmen Bauch, aber einen kalten Rücken. „Nicht jeder mag das“, sagt Alexander Sterthues vom Hornbach in Freiham. Heizlüfter machen schnell warm, sind dafür aber laut.

Das ist also eher eine Sache für das Bad. Radiatoren hingegen brauchen ähnlich lange wie eine normale Heizung, um auf Temperatur zu kommen. Dafür speichern sie Wärme länger und sind leise. „Ich persönlich würde zu einem Radiator mit Rollen raten“, sagt Sterthues. „Den kann man von Zimmer zu Zimmer schieben und so zum Beispiel Abends erst das Wohnzimmer, später das Bad und dann das Schlafzimmer wärmen.“ Grundsätzlich sollten diese Geräte 2000 Watt haben, wenn sie einen größeren Raum heizen sollen.

Will man sich zur Sicherheit eine elektrische Heizung anschaffen, muss man dafür übrigens nicht vor dem Baumarkt zelten. Wie einst bei Klopapier und Nudeln führt nicht das mangelnde Angebot der Hersteller zu Lücken in den Regalen, sondern die außergewöhnliche Nachfrage der Kunden – zumal sie in einer Jahreszeit kommt, in der die Geräte sonst eher Ladenhüter sind. „Wir haben auf die Situation reagiert und mehr Heizlüfter bestellt“, betont Sterthues, der darauf verweist, dass ohnehin noch Geräte verfügbar oder im Lager seien. „Außerdem sind die Container mit Nachschub längst unterwegs.“ VON ANDREAS HÖSS

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