München gedenkt an Allerheiligen den Toten

Wo die Liebsten für immer bleiben

Die Eltern Johann und Roswitha Drexl am Grab ihres Sohnes Hardy (Foto unten)

München - Im November sind uns die Toten besonders nahe. Speziell an diesem Donnerstag, an Allerheiligen, gedenken wieder zehntausende Münchner ihren Liebsten. Wir erzählen hier zwei traurige Geschichten.

Im November sind uns die Toten besonders nahe. Speziell an diesem Donnerstag, an Allerheiligen, gedenken wieder zehntausende Münchner ihren Liebsten, die von ihnen gegangen sind. Freunde und Verwandte  werden am Feiertag zum Friedhof pilgern und Blumen niederlegen. Ihre Gräber sind Zufluchtsort und Ort des Stillen Gedenkens.

Doch vor allem die Jüngeren nutzen aber immer häufiger auch das Internet und trauern via Facebook oder speziellen Trauerseiten wie www.trauer.de. Die tz erzählt anhand zweier bewegender Schicksale die klassische und moderne Form des Trauerns. Wir haben Eltern aus Pasing gesprochen, die ihren Sohn nach schwerer Krankheit verloren haben und am Friedhof trauern. Lesen Sie außerdem, wie Freunde und Kollegen eines jungen Münchners, der heuer verunglückte, jetzt im Netz Trost finden - obwohl sie über die ganze Welt verstreut sind.

"Er lächelt uns jeden Tag an"

Seine Schwester hat hier die letzte Ruhe gefunden, auch sein Vater und seine Mutter. Der Münchner Rentner Johann Drexl (73) kommt seit vielen Jahren mit Ehefrau Roswitha (70) zum Familiengrab am Pasinger Friedhof. In diesem Jahr an Allerheiligen betrauern sie auch den Tod ihres Sohns Hardy (†40). „Der Schmerz, ein Kind zu verlieren, ist unbeschreiblich. Das wünschen wir niemandem.“

Das gerahmte Sterbebild auf dem Grabstein zeigt Hardy, wie ihn alle liebten: mit einem verschmitzten Lächeln, sonnengebräunt vom Sport, entspannt und glücklich. Hardy Drexl: erfolgreicher Vertriebsleiter eines Pharma-Unternehmens, Vater eines Sohnes (Luis, 12), liebevoller Ehemann, als Skilehrer und Fußballtrainer ein Vorbild für die Pasinger Jugend. Hardy liebte das Leben, er feierte gerne mit Freunden und der Familie und war riesiger Wiesn-Fan. – „ein richtiger, lebensfroher Ur-Münchner“, wie sein Vater beschreibt.

Mit seinem Optimismus verdrängt Hardy zuerst auch die heftigen Kopfschmerzen, die ab Ende 2010 immer häufiger auftreten. Aber in seinem Kopf wächst ein böser Tumor heran. Im April 2011 ist er so groß, dass sich Hardys rechtes Auge vergrößert, die Wange verzieht sich. Als ihn erst seine Mutter, dann beim Fußballspiel seines Buben etliche Freunde darauf ansprechen, eilt er noch in der Halbzeit ins Krankenhaus. Eine Woche später wird er operiert. „Aber der Arzt konnte nicht alles entfernen, weil der Tumor direkt am Stammhirn saß“, sagt seine Mutter.

Nach der OP ist der sportliche Mann ein Pflegefall: Er kann nicht mehr sprechen und essen, sein Auge ist blind. Er bekommt eine Spezial-Chemotherapie und Bestrahlung – aber der Tumor wächst wieder. „Er hat trotzdem Zuversicht ausgestrahlt“, sagt der Vater. „Er hat uns immer gedrückt – als müsste er uns Mut machen.“

Wenige Wochen vor dem Tod schwinden auch Hardy die Kräfte. „Er hat seinem Bruder, signalisiert, dass er nicht mehr kann“, erinnert sich der Vater. Hardy kommt ins Hospiz. Er stirbt am 28. Oktober 2011 im Kreis seiner Familie.

Exakt ein Jahr danach, am vergangenen Sonntag, stehen Freunde und Familie wieder an seinem Grab, über 30 sind gekommen. Das Grab ist mit Blumen, Engerl und Kerzen geschmückt. Auch an Allerheiligen werden dutzende Freunde kommen. „Es ist so schön, zu sehen, dass wir nicht alleine sind“, sagen seine Eltern.

Zusammenhalt war der Familie schon immer wichtig: Hardy wohnte zeitlebens in der gleichen Wohnanlage wie seine Eltern, zuletzt mit Frau und Sohn direkt darüber. Sein Bruder Peter lebt nur 200 Meter entfernt. Im Wohnzimmer der Eltern, wo die Familie immer gemeinsam feierte, sitzt jetzt oft die Witwe von Hardy mit Sohn Luis. „Ihr geht es psychisch nicht gut. Aber wir reden viel und geben uns gegenseitig Halt“, sagt Hardys Mutter. „In jedem Zimmer hängt ein Foto von ihm. Er lächelt mich jeden Morgen an.“

Fast jeden Tag besucht einer der Verwandten das Grab. „Ich gehe oft mit den Nordic-Walking-Stöcken vorbei. Dann rede ich mit ihm“, sagt Roswitha. Auch ihr Mann spricht am Friedhof viel mit dem verlorenen Sohn. „Sogar der kleine Luis kommt oft ans Grab. Hardy bleibt immer mitten unter uns."

Nina Bautz

R.I.P. – du Lebensretter!

Bewegende Bilder aus der Trauerseite für Alex Wetzstein (44). In den Herzen seiner Freunde lebt er für immer weiter

Mal ist es nur ein kleiner Eintrag: „Und wieder ist es ein Monat mehr ohne Dich. Vermiss Dich, altes Haus.“ Und dann wieder eine kleine Geschichte: „Gestern auf der Wiesn bei dem Stand vorbeigegangen, wo wir uns das letzte Mal getroffen haben... Es gibt ein Video davon... Und ich finde es einfach nicht mehr...“. Dazu viele Fotos. Alex als stolzer Trauzeuge. Alex am Strand. Und immer wieder Alex im Kreise seiner Freunde – meist ausgelassen, aber auch nachdenklich. Die Trauerfeier. Sein Grab auf dem Westfriedhof. Und auch der Gedenkstein an der Unglücksstelle, an der sich die Freunde im letzten Sommer am ersten Jahrestag seines Todes an der B 307 bei Wildbad Kreuth (Landkreis Miesbach) versammelten.

Auf der Facebook-Seite „R.I.P. Alex Wetzstein“ haben die Freunde dem tödlich verunglückten Münchner Rettungsassistenten Alex Wetztstein (44) eine Denkmal gesetzt. Nur eine von wahrscheinlich Tausenden Facebook-Trauerseiten, in denen mittlerweile Menschen in der ganzen Welt virtuell um ihre Liebsten trauern.

Und doch ist gerade diese Seite für Alex‘ Freunde ein Tagebuch der schönen Erinnerungen geworden. Ein geschützter Raum, in dem man sein Innerstes zeigen, weinen, lachen und mit dem Schicksal hadern darf. Und zunehmend auch ein Ort der Verbundenheit mit den Freunden, die rund um den Globus verstreut leben. Ihr Band: Die Freundschaft und Liebe zu einem ganz besonderen Menschen, der zwar nicht mehr auf Erden, aber doch stets präsent ist.

Ja, er war ein besonderer Mann, dieser Alex Wetzstein. Ein Kerl wie ein Bär, mit einem ganz liebevollen Herzen.

Im Rettungsdienst fand der ehemalige Staplerfahrer und Türsteher letztlich seine wahre Berufung. Dem Nachbarsbaby Michael (16 Monate) rettet er nach einem Herzstillstand das Leben. Nach dem großen Beben in Haiti fand er lauter schwerverletzte Kinder. Er holte Hilfe und rettete ihnen damit ebenfalls das Leben. Nur seiner eigenen Mama konnte er nicht mehr helfen. Im Oktober 2003 kommt er in die entsetzliche Situation, sie reanimieren zu müssen. Er schafft es nicht. „Dieses Ereignis hat den Alex verändert. Er wurde stiller und dachte viel nach“, sagt sein bester Freund Keywan Kretschmer. Bis ans Lebensende trug er eine Haarlocke seiner toten Mutter bei sich.

Am 12. August 2011 unternahm Alex mit seiner roten Yamaha eine Bike-Tour zum Achenpass. Beim Überholen einer Fahrzeugkolonne biegt vor ihm plötzlich ein Urlauberauto links ab. Bei der Vollbremsung überschlägt sich das Motorrad. Alex stirbt noch am Unfallort.

Bei Facebook und in den Herzen seiner Freunde jedoch lebt er weiter. Sein Freund Keywan: „Es ist schön, zu wissen, dass man mit seiner Trauer und seinen Gedanken nicht allein ist. Wir geben uns gegenseitig Halt und Kraft."

Dorita Plange

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Hier ist es in München sicherer geworden - und hier nicht
Hier ist es in München sicherer geworden - und hier nicht

Kommentare