70 Jahre danach

München gedenkt der Pogromnacht

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Im „Gang der Erinnerung“, der die Synagoge mit dem Gemeindezentrum verbindet, stehen die Namen der 4587 Münchner Juden, die der NS-Herrschaft zum Opfer fielen

Heuer jährt sich die Reichskristallnacht zum 70. Mal, Anlass für die in diesem Ausmaß bundesweit nie dagewesene Aktion Eine ganze Stadt gedenkt.

Die Arbeitsgruppe 9. November, der insbesondere die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) und die Vereinigung Gegen Vergessen – für Demokratie angehört – hat gemeinsam mit den Bezirksausschüssen für Sonntag Lesungen und Veranstaltungen in allen Stadtteilen organisiert. IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch: „Ich appelliere an alle Bürger dieser Stadt und dieses Landes, ein klares Bekenntnis für Demokratie und Toleranz abzugeben.“ Hier könne gezeigt werden, „dass München bunt und nicht braun ist“. Bei einer Gedenkfeier in der Synagoge Ohel Jakob („Jakobs Zelt“) werden OB Christian Ude und der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber mit der Ohel-Jakob-Medaille gewürdigt.

BW

Jeder Mensch hat einen Namen

Fritz Schnell ist einer der 4587 Münchner Juden, die das Dritte Reich nicht überlebten. Das Ziel der Nazis war „die völlige Entjudung Münchens“, und sie erreichten es fast. Auch Schnells Schicksal ist im Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–45 verzeichnet, an dem das Stadtarchiv von den frühen 90er-Jahren bis 2007 gearbeitet hat.

Der Rechtsanwalt, Justizrat und Schriftsteller (Jahrgang 1872) war mit seiner Frau Emmy und den Töchtern Grethe und Bertha 1922 aus dem Judentum ausgetreten – aber das rettete ihn nicht vor der Deportation und der Ermordung im KZ Theresienstadt. Seine letzten Münchner Jahre verbrachte er als Zwangsarbeiter in der Flachsröste Lohhof.

Wenige Tage vor seiner „Evakuierung“ am 27. Juli 1942 verfasste der Witwer – seine Frau war 1935 gestorben – noch einen Abschiedsbrief an eine Bekannte. Das Scheiben an das „liebe, verehrte Frl. Starke“ erlaubt einen sehr persönlichen Einblick in die hoffnungslose Lage der Münchner Juden, die es nicht geschafft hatten, rechtzeitig zu fliehen. Immerhin hatte sich Tochter Gretel nach Argentinien absetzen können.

„Seit einigen Wochen ist hier ein wilder Abtransport älterer ‚Nichtarier‘ im Werk; zuerst wurden Krankenheime und Altersheime geräumt, alte, kranke Leute von 80 und 90 Jahren, Blinde, Lahme, Kriegsinvaliden etc. etc. weggeschaft und seitdem muss alles, was über 65 Jahre alt ist, daran glauben, die Leute werden tatsächlich ,mit nichts als ihren politischen und sanitären Krankheiten‘ weggebracht; denn im Sammellager von Milbertshofen wird ihnen vieles von der sparsamen Habe, die sie überhaupt mitnehmen dürfen (Gesamtgewicht 30 kg, in kl. Koffer mit etwas Wäsche, 1 Anzug, 1 Decke mit nötigstem Kochgeschirr, kein Wasser, keine Schere, keine Rasierklinge!, Proviant für 2 bzw. 4 Tage), abgenommen und oft verschwinden die Koffer überhaupt und kommen niemals an. Die alten Leute sollen ins nördliche Böhmen kommen, von wo aus sie angeblich übers Land verteilt werden; die jüngeren kommen ins verwanzte und verlauste Polen bzw. in streng abgeschlossene Ghettos. Mit der Verpflegung sieht es in beiden Fällen äußerst windig aus ... Die Aussichten sind also recht übel ... Von unserer 15 Mann starken Lohhofer Arbeitskommando Gruppe sind jetzt 10 zur Evakuation abgerufen, heute Mittag durfte ich heim, um nachzusehen, ob nicht ein entsprechendes Brieferl für mich da ist. Das war nicht der Fall; aber es kann jeden Tag kommen. Von den fünf, vorerst nicht Evakuations-Reifen lebt einer in gemischter Ehe, einer ist katholisch (Ich bin ja auch nicht Konfessionsjude!) usw.: Wir werden aber zuletzt verspeist ...

Damit nehme ich von Ihnen Abschied. An ein Wiedersehen glaube ich, offengestanden, nicht mehr; und an die Möglichkeit einer postalischen Verbindung recht schwarz. Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen für alle Freundschaft, die Sie meiner Gretel und mir stets erwiesen haben, für all das Liebe und Gute, das von Ihnen kam und die immer düsterer werdenden Tage verschönte. Einen Liebesdienst möchte ich von Ihnen noch haben: dass Sie meinen Abschiedsbrief an Gretel, der beiliegt, sicher an ihre Adresse befördern. ... Das pressiert gar nicht, es kann auch nach Kriegsende geschehen! ... Natürlich werde ich Gretel von hier aus auch schreiben; dabei muss ich aber auf Censur Rücksicht nehmen. Vielleicht gelingt es Ihnen aber einmal, den anliegenden Brief etwa von der Schweiz aus oder auf sonstige unangefochtene Weise zu befördern. Gelegentlich einmal, wenn es die Zeiten zulassen.“

Nur wenige Meter entfernt vom Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz wurde am Abend des 9. November 1938 die Verfolgung der Juden im ganzen Deutschen Reich ausgerufen. Propagandaminister Joseph Goebbels hetzte im Saal des Alten Rathauses mit antisemitischen Parolen – und seine Worte entzündeten im ganzen Land ein zerstörerisches Feuer: Fast alle Synagogen wurden verwüstet, Geschäfte geplündert, jüdische Bürger misshandelt.

Hass gegen den erfolgreichen Münchner Juden Uhlfelder

„Der Uhlfelder“ im Rosental gab 450 Münchnern Arbeit und hatte sich nach seiner Gründung 1878 als Handelsgeschäft für Haushaltsgegenstände und „Galanteriewaren“ Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem der modernsten und beliebtesten Kaufhäuser der Stadt gewandelt – es verfügte sogar über eine Rolltreppe.

Im Gedenkbuch des Stadtarchivs ist zu lesen: „Uhlfelder symbolisierte in besonderer Weise das urbane, fortschrittliche und wirtschaftlich erfolgreiche Münchner Judentum. Nicht zuletzt deshalb richtete sich der Hass des aufgehetzten NS-Parteimobs in der Nacht zum 10. November 1938 gegen das Kaufhaus im Rosental, das durch marodierende Uniformierte geplündert und verwüstet wurde.“

Die Juden mussten die Schäden auf eigene Kosten beseitigen. Ihnen zustehende Versicherungsleistungen kassierte der Staat, der ihnen außerdem eine „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark auferlegte.

Max Uhlfelder, Sohn des Firmengründers, konnte mit seiner Familie 1939 über Zürich und Bombay in die USA emigrieren. Seine Schwester Grete Mayer hingegen, ihr Mann Josef (damals Geschäftsführer im Kaufhaus) und ihr Sohn Alfred wurden am 20. November 1941 mit dem ersten Münchner Deportationszug ins litauische Kaunas gebracht und dort wenige Tage später ermordet.

Max Uhlfelder kehrte 1953 nach München zurück. Sein Plan, das Kaufhaus wieder aufzubauen, scheiterte. 1954 verkaufte er seine Grundstücke an die Stadt. Heute befindet sich an der Stelle im Rosental das Stadtmuseum.

Das geschah am 9. November

Der Antisemitismus griff in München schon seit den Zwanzigerjahren um sich. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 wurde die verordnete Diskriminierung von Juden in der Hauptstadt der Bewegung sogar mit vorauseilendem Gehorsam umgesetzt. Und nach dem Abend des 9. November 1938 begnügten sich das Regime und seine willigen Helfer nicht mehr mit der Ausgrenzung und Entrechtung von Juden: Es begann die gnadenlose Verfolgung und die gezielte Ermordung von Männern, Frauen und Kindern.

An diesem Tag war in Paris der Legationssekretär Ernst vom Rath den Verletzungen erlegen, die er bei einem Anschlag durch einen 17-jährigen polnischen Juden erlitten hatte. Propagandaminister Joseph Goebbels kam das Ereignis gelegen: Bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an den Marsch auf die Feldherrnhalle von 1923 nutzte er es als Vorwand dafür, Vergeltung und Rache zu fordern.

Das Signal zum Handeln aus dem Alten Rathaussaal wurde verstanden: Die Verwüstungen (so die Bedeutung des russischen Wortes Pogrom) begann noch in der gleichen Nacht, in München und ganz Deutschland. Die Münchner Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße war schon im Juni als „Verkehrshindernis“ aus dem Wege geräumt worden.

Wo es jüdische Geschäfte zu zerstören und zu plündern gab, wussten die SS-Schergen genau, weil NSDAP-Oberbürgermeister Karl Fiehler das Gewerbeamt schon 1937 – noch vor der Reichsverordnung – angewiesen hatte, Listen anzufertigen. Kopien wurden im Februar 1938 verteilt. Am Morgen des 10. November waren die Straßen der Innenstadt mit Scherben übersät. Allein in München wurden 900 Menschen schwer misshandelt, einer getötet.

„Wir sind gelegentlich der Demonstration gegen die jüdische Mordtat die letzte Synagoge und den letzten jüdischen Betsaal in München losgeworden“, erklärte Gauleiter Adolf Wagner bei einer Parteiveranstaltung im Circus Krone am 11. November mit unverhohlener Freude.

Die „Arisierungsstelle“ in der Widenmayerstraße 27 nahm am 28. September 1939 ihre Arbeit auf. Sie „verwertete“ die 1100 Grundstücke in jüdischem Besitz, war zuständig für die Kennzeichnungspflicht mit dem „Judenstern“, für Zwangsarbeitereinsatz und schließlich Deportation. Die Leiter der Arisierungsstelle rühmten sich in einer Bilanz dafür, dass die Münchner Zwangsumsiedlung der Juden das „Interesse fast aller Gaue und verschiedener größerer Städte gefunden“ habe! Ein wichtiger Bestandteil war 1941 und 1942 das Barackenlager Milbertshofen – Durchgangsstätte für die Deportationen nach Theresienstadt und die Vernichtungslager des Ostens. Am 30. März 1943 bezeichnete die Arisierungsstelle „den Münchner Wohnungsmarkt als so gut wie judenfrei“.

1945 gab es in München von den 11 000 jüdischen Bürgern des Jahres 1910 noch 84 Überlebende.

Veranstaltungen

Jeder Mensch hat einen Namen – unter diesem Titel finden am Sonntag überall in der Stadt Gedenkveranstaltungen statt. Mehr als hundert Personen des öffentlichen Lebens werden von 8 bis 17 Uhr am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße die Namen der 4587 Münchner Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens verlesen, die der Verfolgung durch die Nazis zum Opfer gefallen sind.

Die Termine und Orte der weiteren Veranstaltungen in den Stadtteilen sind auf der Internetseite der Israelitischen Kultusgemeinde unter www.ikg-muenchen.de zu finden.

Quelle: tz

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