Was sagen Gewinner und Verlierer?

München gegen 3. Startbahn: Die Stimmen

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Alles andere als geknickt: OB Christian Ude nach der Entscheidung im KVR

München - Die geplante dritte Startbahn ist zur Bruchlandung abgeschmiert! Was sagen die Gewinner? Was die Verlierer? Und was bedeutet das für den Flughafen?

Tische einklappen, Sauerstoffmasken anziehen, festhalten: Die geplante dritte Startbahn schmiert zur Bruchlandung ab! Klarer als erwartet fällt der Bürger­entscheid aus: 152 957 Münchner stimmen dem Flughafenausbau in der Stichfrage zu, aber 181 675 stellen sich quer. Und das bei einer ordentlichen Wahlbeteiligung von 32,8 Prozent – der zweitbeste Wert aller Entscheide der Stadt. Die Münchner geben keinen Schub, das Triebwerk der Demokratie verstummt. Was sagen die Gewinner? Was die Verlierer? Und was bedeutet das für den Flughafen?

Nach der Wahl zur dritten Startbahn: Bilder von Jubel und Enttäuschung

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Der Flughafen hat zu wenig Freunde

Ab und zu jault mal einer auf – aber der große Jubel der Gegner bleibt aus. Und die Befürworter blicken betreten zu Boden. Alle sind sie ins Kreisverwaltungsreferat zur Startbahn-Wahlparty der Stadt gekommen. Hier haben die einen nichts zu feiern und die anderen misstrauen ihrem Sieg so lange, bis sie ihr Glück nicht fassen können. Selbst als OB Christian Ude (SPD) später gratuliert, ist das Ergebnis immer noch nicht sicher – doch München wählt die Startbahn ab!

Die Grünen um Landeschef Dieter Janecek und München-Chefin Katharina Schulze haben sich um den ersten Stehtisch aufgebaut. Die Gegner stellen im KVR die Mehrheit – an Besuchern und Stimmen.

Um 18.41 Uhr laufen die ersten Ergebnisse aus Feldmoching und dem Hasenbergl auf den Bildschirmen auf – 39 Prozent für den Bau, 61 Prozent dagegen. „Das heißt noch nichts“, wiegelt der grüne Landtagsabgeordnete Christian Magerl aus Freising ab. Dann geht es Schlag auf Schlag. AufgeMUCkt-Sprecherin Helga Stiegl­meier fällt Magerl um den Hals und als der sonst so zurückhaltende Freie Wähler-Abgeordnete Prof. Michael Piazolo die Faust ballt, glauben sie es so langsam.

Die Befürworter haben sich auf der anderen Seite des Foyers gesammelt, das Länderspiel ist ein Thema, über den immer größeren pinken Balken der Startbahn-Gegner will keiner gern reden. Die internen Umfragen hatten doch ganz andere Prozente ergeben! Die Pro-Seite hatte das schon befürchtet: Die Flughafen-Freunde schwänzen die Wahl.

Rathaus-CSU-Chef Josef Schmid fragt: „Wo war eigentlich der OB?“ Sonst hänge der sich doch schon bei kleinen Themen rein – in diesem Wahlkampf nicht.

Ude lässt das freilich nicht auf sich sitzen und fragt ketzerisch: Ob die CSU wirklich meine, dass Mehrheiten nur noch mit ihm möglich seien? Er wirkt ganz entspannt, lobt die Wahlbeteiligung und den Bürgerentscheid an sich. Zu den Konsequenzen für die Zukunft sagt er wenig. Udes eigene Zukunft sieht ein Stück rot-grüner aus als zuvor. Schließlich will er 2013 Ministerpräsident werden, dafür braucht er Grüne und Freie Wähler. Das Thema steht nun nicht mehr zwischen ihnen. „Es ist immer angenehm, wenn eine Hürde genommen wird“, sagt Ude. „Aber richtig he­rum wäre mir lieber gewesen.“

David Costanzo

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Jubel in Attaching

Die Startbahn-Gegner in der Nachbarschaft des Flughafens: Für sie war das am Sonntag ein großer Abend. Die Stimmungslage: zuerst ungläubig, dann überwältigt. Franz Spitzenberger von der Bürgerinitiative Attaching sagte dem Freisinger Tagblatt: „Das hätte ich nie geglaubt. Ich bin einfach nur euphorisch! Das ist eine große Freude. Ich bin überwältigt – auch wenn man sagen muss, dass wir eine ganz wichtige Schlacht gewonnen haben, der ganz große Sieg aber noch aussteht. Aber das gibt eine Party, die hat Attaching noch nie gesehen.“ Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher sagte: „Ich bin nur noch glücklich, das ist der Wahnsinn. Das war ein riesiger Solidaritätsbeweis der Münchner Bürger. Sie haben Ja gesagt zur Heimat – und zwar nicht nur zu ihrer. Das ist jetzt die Chance, eine neue Brücke der Nachbarschaft zu bauen.“

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Zwei gewinnt! So sehen Sieger aus

Freude bei Christian Magerl, Katharina Schulze (Grüne) und Michael Piazolo (Freie Wähler)

„So sehen Sieger aus“ skandieren die Startbahn-Gegner, als um 21 Uhr die Sprecher des Münchner Bündnisses gegen die 3. Startbahn Katharina Schulze (Grüne) und Dr. Michael Piazolo (Freie Wähler) vom Kreisverwaltungsgreferat kommend mit erhobenen Händen am Stemmerhof einlaufen. Hier feiern die Startbahn-Gegner ihre Wahl-party. „Zwei gewinnt, zwei gewinnt“, jubeln die 150 Gegner des Verkehrsprojektes, das sie gemeinsam bekämpft haben.

Doch bis es zu dem Freudenfest kommt, ist es ein langer Weg. Der Giesinger Claude Unterleitner (37), hauptberuflich im Grünen-Stadtbüro tätig, kämpft mit Laptop und Beamer, mit dem via Internet die ersten Ergebnisse aus dem KVR auf die Leinwand projiziert werden sollen. Alle starren gebannt auf die Leinwand, doch man sieht nur leere Formulare, zu viele sind mit ihrem Handy online, weil sie als erstes die Ergebnisse haben wollen. Die Leitung ist überlastet.

Mit zitternder Hand fleht Münchens Grünen-Chef Sebastian Weisenburger am Mikro: „Bitte macht die Handys aus, wir kriegen sonst keine Ergebnisse.“ Das erste kommt dann doch über Handy: Um 18.45 Uhr meldet Weisenburger, dass Bayerns Grünen-Chef Dieter Janecek bei Twitter schreibt: „Wir liegen im ersten Stadtbezirk vorn.“ Riesen-Jubel.

Nach und nach kommen die weiteren Ergebnisse, immer wieder Jubel – bis klar ist: Die 3. Startbahn ist abgewählt ist. „Einfach nur geil“, jubelt Grünen-Landtagschefin Margarete Bause. „Dem Ude fällt jetzt ein riesen Stein vom Herzen, er hat ein Problem von der Backe.“

Johannes Welte

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