"Ich war jung, naiv und doof"

Geiselnehmer kann mit milder Strafe rechnen

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Der Angeklagte Paun O.

München - 1994 gehörte Paun O. (44) zu einer Gruppe brutaler Geiselnehmer, die die Familie eines Bank-Kassieres quälte und misshandelte. Seine Komplizen wurden bereits verurteilt, für ihn begann nun der Prozess.

Paun O. (44) sitzt am Montag aufrecht auf der Anklagebank, die Hände im Schoß. Aufmerksam blickt er den Staatsanwalt an, der den Anklagesatz verliest. Auf 16 Seiten schildert das Dokument den wohl brutalsten Bankraub, den es in München jemals gab – und Paun O. wird an diesem Tag vor Gericht gestehen, der Anführer der Täterbande gewesen zu sein. Und das Geständnis wird sich für ihn lohnen: In einem Gespräch, das direkt nach der Verlesung der Anklage stattfindet, einigen sich Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Gericht auf eine Haftstrafe zwischen achteinhalb und neuneinhalb Jahren – vorausgesetzt, Paun O. räumt, wie schon bei der Polizei, die wesentlichen Vorwürfe ein. Ohne diese „Verständigung“, wie es im Juristenjargon heißt, hätte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe im zweistelligen Jahresbereich gefordert.

Solche „Deals“ sind im Strafprozessrecht umstritten, gleichwohl sie Vorteile für alle Beteiligten bieten: Der Angeklagte erlangt eine gewisse Sicherheit über den Verfahrensausgang, zudem wirkt sich das Geständnis in Form einer milderen Strafe aus. Häufig bleibt den Opfern der jeweiligen Verbrechen eine Aussage vor Gericht erspart. Und nicht zuletzt spart das Gericht Zeit, eine umfangreiche Beweisaufnahme ist bei einem Geständnis nicht mehr nötig. Weil so auch die Aufarbeitung der Taten weniger detailliert ausfällt und die Gefahr falscher Geständnisse angesichts einer andernfalls drohenden höheren Strafe besteht, halten Kritiker der Verständigung diese Vorgehensweise für gefährlich und sprechen vom „Deal mit der Gerechtigkeit“.

Ob die Opfer des Verbrechens, das Paun O. vorgeworfen wird, nun tatsächlich nicht mehr aussagen müssen, war gestern noch unklar. Ursprünglich waren ihre Aussagen für die nächste Woche eingeplant. Ihr Martyrium liegt bereits 19 Jahre zurück. Im Juni 1994 überfiel Paun O. wie berichtet gemeinsam mit vier Komplizen die Familie eines Bank-Kassierers in Englschalking. Die Bande hatte es auf den Tresor der BfG-Bank am Promenadeplatz abgesehen. Äußerst brutal fesselten und misshandelten sie den Kassierer, seine Frau, seine drei Kinder und deren Großmutter. Die damals 74-Jährige wurde unter anderem mit Elektrostößen gequält, bis sie sich nicht mehr rührte. Alle Geiseln wurden massiv geschlagen und bedroht, die Reihenfolge ihrer Erschießung bestimmt. Unter Todesangst führte der Kassierer die Täter schließlich zu einer Kollegin, die die Kombination für den Tresor kannte. Auch diese Frau und ihren Ehemann brachten Paun O. und seine Komplizen in ihre Gewalt. Der Mann verkraftete das Erlebte nie und beging zwei Jahre später Selbstmord. Auch alle anderen Opfer blieben nach rund 20 Stunden in Geiselhaft traumatisiert zurück. Sie treten im Prozess als Nebenkläger auf, zum gestrigen Auftakt erschienen nur ihre Anwälte.

Paun O. war der letzte der fünf Täter, der gefasst worden war – seine vier Komplizen hatte die Polizei kurz nach der Tat beim Geldzählen erwischt. O. hingegen flüchtete nach Serbien, wo er zunächst unbehelligt lebte, dann einen Mord beging und elf Jahre im Gefängnis saß. Doch die Fahnder haben die Tat in München nie vergessen: Als Paun O. im vergangenen Jahr in seinen Geburtsort in Österreich zurückkehren wollte, schnappten sie ihn. Rund 60 000 D-Mark der ursprünglichen 1,5-Millionen-Beute hat er im Laufe der Jahre ausgegeben, den Rest fand die Polizei bei seiner Familie.

Vor Gericht beruft sich Paun O. nun darauf, sich nicht mehr erinnern zu können, wie das mit dem Geld gewesen sei. Auch wer damals die Gaspistole gekauft hat, will er nicht mehr wissen. Doch seine wenigen Worte zur Tat reichen der Kammer für den Deal: „Ich war damals ziemlich jung, naiv und doof“, sagt er. „Es tut mir wahnsinnig leid.“ Beinahe wortgleich hatte er sich zuvor in einem Brief an die Bankiers-Familie entschuldigt. „Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an“, schrieb er. Dem Vernehmen nach kämpft vor allem der Kassierer bis heute mit den psychischen Folgen.

Ann-Kathrin Gerke

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