Medienstar in aller Welt

München, das gelobte Land - ist es wirklich so toll?

München ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Doch wie sehr schadet das Lob der Stadt?

München und sein Umland werden in den bundesweiten Medien mehr denn je als Vorzeigeregion gefeiert. Doch nicht jeder will in die Lobeshymnen einstimmen.

München – Die „New York Times“ wusste es schon vor zehn Jahren. „Nirgends ist der Himmel so blau, sind die Wolken so weiß wie in München“, brachte die wichtigste Zeitung der Welt ihren Lesern 2007 bei. Zugegeben, aus der Nähe betrachtet stimmt das nicht an allen Tagen. Doch selbst wenn es hier manchmal sogar mitten im Frühling aus grauem Himmel schneeregnet, die „New York Times“ lässt sich davon nicht täuschen – München, „die Bilderbuchstadt“, sei da, wo sie hingehört: „an der Spitze“. Bei der Lebensqualität genauso wie bei der Zahl der Singles.

Nun könnte man sagen: Gut, das war vor zehn Jahren, und der Amerikaner haut gern mal ein bisserl aufs Blech, wie jeder weiß. Wären da nicht die anderen, etwas aktuelleren Hymnen auf München, das Umland und die Region. Wie die im „Zeit Magazin“, das im vergangenen Jahr einen Text über München mit dem Titel überschrieb: „Mei, ist das schön!“ Und wer das neue „Handelsblatt“ aufschlägt, findet auf sechs Seiten die Geschichte „Schneller, höher, reicher“, in der sich das Finanzblatt an der Landeshauptstadt und ihrem Drumherum abarbeitet. Die Region spielt in den Augen der Wirtschaftszeitung „längst in einer Liga für sich“. Statt mit Hamburg oder Berlin messe man sich hier inzwischen mit San Francisco. Das oberbayerische Umland gleiche einer „deutschen Bay Area“, sei also vergleichbar mit dem florierenden Wachstumszentrum um die kalifornische Metropole.

Seine These untermauert das „Handelsblatt“ mit Zahlen und Belegen: Keine deutsche Region ist demzufolge besser auf die Digitalisierung vorbereitet, Stadt und Umland beheimaten sieben gelistete Dax-Konzerne (Frankfurt folgt mit drei), eine Oper von Weltrang, das umsatzstärkste Hotel Deutschlands („Bayerischer Hof“) und natürlich den FC Bayern, der den deutschen Fußball seit Jahrzehnten sportlich wie wirtschaftlich dominiert. Nur in Sachen Zukunftsfähigkeit liegt die Stadt lediglich auf Platz 2. Ganz oben steht in dieser Kategorie nämlich der Landkreis München.

Der Wohnraum ist knapp, die Mieten hoch und steigend

Bei so viel Lob stellt sich natürlich die Frage: Ist bei uns wirklich alles so toll? Maximilian Heisler vom Bündnis bezahlbares Wohnen sagt: „Wer München in den Himmel lobt, verkennt viele Probleme.“ Der Wohnraum ist knapp, die Mieten hoch und steigend. Und die schon jetzt teuerste Stadt Deutschlands soll bis 2025 auf 1,8 Millionen Einwohner anwachsen. Heisler stellt die Frage: „Wo sollen künftig die Menschen leben, die im Supermarkt an der Kasse sitzen?“ Wer sich in der Region niederlasse, müsse eine erdrückende Mietlast tragen. „Die, die hier die Korken knallen lassen können, sind sicher nicht die Mehrheit.“ Man dürfe diese Probleme nicht unter den „goldenen Teppich“ kehren. Der Hype um München ist in Heislers Augen eine exklusive Angelegenheit, die auf dem Rücken derjenigen stattfindet, die nicht mitmachen dürfen. Das könne noch zum großen Problem für die Stadt werden. „Hochmut kommt vor dem Fall“, warnt Heisler.

13 Dinge, die (nur) Münchner wissen

Was viele nicht wissen: Aus dem Kopf der Bavaria kann man rausschauen. © Marcus Schlaf
Traditionelle Münchner Gerichte bestehen gerne mal aus Innereien. Hier präsentiert Wirt Jürgen Lochbihler vom Pschorr seine Spezialitäten-Karte. © Haag Klaus
Im Schottenhamel-Festzelt auf der Wiesn hat schon Albert Einstein Glühbirnen eingeschraubt. © Götzfried Markus
Entfernungsangaben nach München werden bis zur Mariensäule am Marienplatz gemessen. © Götzfried Markus
Walkmen und die Lautstärke, die daraus manchmal dröhnte, waren Thema von Aufklebern in der Münchner S-Bahn. © dpa
Die Schauburg am Elisabethplatz. Früher war hier eine der bekanntesten Discos Deutschlands. © Reinhard Kurzendörfer
Das Wappenhaus an der Nymphenburger Straße. Oben im Erker ist in der Serie "Kir Royal" die Wohnung von Klatsch-Reporter Baby Schimmerlos. © Marcus Schlaf
Die Frauenkirche ist das Herz des München-Panoramas. Dass die Türme unterschiedlich hoch sind, fällt dabei gar nicht auf. © picture alliance / dpa
Paternoster-Aufzüge gibt es noch an ein paar Stellen in München. Zum Beispiel im Polizeipräsidium in der Ettstraße. © Marcus Schlaf
Auch das lernt man schon als Kind: Die ungeschriebene Rolltreppen-Regel links gehen, rechts stehen. © Marcus Schlaf
Die Sage dazu gibt es in mehreren Varianten –fest steht nur: Dieser Fußabdruck am Eingang der Frauenkirche stammt vom Teufel. © picture alliance / dpa
Ein Geschenk der Partnerstadt Verona: Die schöne Julia am Alten Rathaus. © Markus Schlaf
Hotpants-Alarm: Zwei Münchner Originale, die Öhlschläger-Brüder, tragen sie mit Leidenschaft. © dpa

Auch der „Spiegel“ schrieb 2015 zwar: „Kein anderes Bundesland ist bei Urlaubern so beliebt, kein anderes ist wirtschaftlich so erfolgreich, in keinem anderen lebt man sicherer, keinem anderen geht es so gut wie Bayern.“ Gleichzeitig zeichnete das Hamburger Magazin aber auch das Bild eines satten, trägen Bundeslandes, dessen Hauptstadt ein großes Problem habe. „Start-ups aus der digitalen Welt gehen lieber nach Berlin statt ins teure München.“ Eine Gefahr, die auch Heisler sieht. Dass München für viele Start-ups nicht die erste Wahl ist, sei verständlich.„Berlin bietet da mehr Freiräume.“

Lebensqualität: Von München aus ist nicht nur der Langwieder See gut erreichbar.

Berlin hat Start-ups - München Weltmarktführer

Josef Schmid (CSU) ist Münchens zweiter Bürgermeister. Er will Berlin gar nicht absprechen, dass es für Start-ups attraktiv ist. „Günstigere Flächen, cooles Image“, benennt Schmid die Vorteile der Bundeshauptstadt. Doch München habe dafür ganz andere Argumente. „Was passiert in Berlin in der Wachstumsphase, wenn die Start-ups übernommen werden sollen?“ In München finde man genau die Unternehmen, die das können: „Wir haben die Weltmarktführer.“ Zudem biete die bayerische Landeshauptstadt „unglaublich viele Gründer- und Innovationszentren“, in denen kreative Ideen zusammengebracht und gefördert werden.

Sicherheit: Deutschlands bestbewachte Metropole.

Und gerade in der „zukunftsträchtigen Kultur- und Kreativwirtschaft“ werde München mittlerweile „von der EU-Kommission in einem Atemzug mit Paris und London genannt“. Mailand und Barcelona habe man schon länger abgehängt, mittlerweile auch Amsterdam, sagt Schmid. „Wir wachsen, weil wir attraktiv sind.“ Und das liege nicht zuallerletzt auch daran, dass die Region gleichermaßen „geografisch und klimatisch toll“ sei.

So sah München Anfang der 70er-Jahre aus

München U-Bahn-Bau S-Bahn-Bau 70er Jahre
11 Uhr auf dem Marienplatz ist Zeit fürs Glockenspiel – keine Absperrung, keine Schnur, kein Gitter, kein Zaun trennte die Touristen unter dem Neuen Rathaus von der 30 Meter tiefen Baugrube des U- und S-Bahnhofes. Wie durch ein Wunder ist niemand hineingefallen, obwohl alle eine Viertelstunde lang nur nach oben blickten. © Heinz Gebhardt
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Die Baustelle auf dem Marienplatz. © Heinz Gebhardt
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Unter dem Marienplatz, noch ohne Zwischengeschoss: Eine Mega-Halle. © Heinz Gebhardt
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Ein Blick auf den Marienplatz. Bessergesagt Mariengrube. © Heinz Gebhardt
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Offene Baugrube von Schwabing zum Odeonsplatz: Die Straßenbahn fuhr auf riesigen Stahlträgern über das U-Bahn-Bauloch von der Münchner Freiheit bis zum Odeonsplatz, Autos durften mal links, mal rechts, mal gar nicht dahinschleichen und Fußgänger suchten sich selbst irgendeinen Wanderweg durch das Baumaschinenparadies. © Heinz Gebhardt
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Ohne Promis und Medienspektakel, dafür mit 1500 Dackeln und lustigen Münchnern feierte Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel das Ende der Baugrubenzeit und die Eröffnung der Fußgängerzone. © Heinz Gebhardt
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Das erste moderne Hochhaus Münchens steht längst unter Denkmalschutz: 1974 begann der Bau des 113 Meter hohen Hypo-Towers. Ein Höhepunkt! © Heinz Gebhardt
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Pünktlich zu Olympia wurde der 99,5 Meter hohe BMW-Vierzylinder fertiggestellt – hier ein Foto aus der Bauzeit. Während der Spiele musste er auf seinen Namen verzichten: Das BMW-Logo wurde abmontiert, weil die Olympiaveranstalter keine kostenlose Werbung duldeten … © Heinz Gebhardt
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Das kurioseste Bauwunder um 1970 war die Stachusbrücke, eine gewaltige Holzbrücke von der Bayerstraße zum Karlstor. Sie war der einzige Weg, um von einer Seite auf die andere zu kommen – und das zudem nur für Menschen, die gut zu Fuß waren. Für ältere Menschen, Behinderte und Kinderwagen: keine Chance! Bei Schneefall gesperrt, schlitterten und purzelten im Winter trotzdem alle hinüber und herunter. © Heinz Gebhardt
München U-Bahn-Bau S-Bahn-Bau 70er Jahre
Entweder ­wurden Absperrungen ignoriert und man schlüpfte durch jede sich bietende Baulücke, oder man setzte vorsichtshalber doch mal einen Bauhelm auf und spazierte einfach durch die Betonröhren. Die Münchner wussten sich halt zu helfen … © Heinz Gebhardt
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Auf dem ehemaligen Flughafen Oberwiesenfeld entstanden Olympiastadion und Olympiahalle. © Heinz Gebhardt
München U-Bahn-Bau S-Bahn-Bau 70er Jahre
Die Schuttberge drumherum mit den Trümmern des Zweiten Weltkriegs wurden begrünt und zum Erholungsgebiet Olympiapark. © Heinz Gebhardt

Bürgermeister Schmid kennt die Schattenseiten des Wachstums

Dass München also in der öffentlichen Wahrnehmung eine gute Figur macht, findet der zweite Bürgermeister „natürlich schön“. Doch auch Schmid sieht die Schattenseiten des Wachstums. Er nennt sie „Luxusprobleme“. Nicht nur Wohnraum sei knapp und teuer, „wir brauchen auch Grün- und Gewerbeflächen“. Allein die Unternehmen, die schon da sind, hätten „hohen Bedarf“, sagt Schmid. „Und die Infrastruktur muss mitwachsen.“ Schulen, Straßen, Bahnstrecken. Es geht um „enorme Investments“.

Dass die Landeshauptstadt und ihr Umland Herausforderungen vor sich haben, hat auch das „Handelsblatt“ nicht verschwiegen. Auf der Suche nach erschwinglichem Wohnraum müssten Fernpendler bis nach Augsburg, Rosenheim oder Ingolstadt ausweichen. Das sei ein Beispiel dafür, dass die Stärke einer Region auch Risiken berge, zitiert das Finanzblatt Christian Böllhoff, Chef des Forschungsinstituts Prognos. Gering- und Normalverdiener würden so rausgedrängt, ein Problem, das man auch an der amerikanischen Westküste gut kenne. In der Gegend rund um San Francisco.

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