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Zum 80. Geburtstag: Kabarettist Gerhard Polt auf Zeitreise in Schwabing

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Von: Klaus Vick, Peter T. Schmidt

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Gerhard Polt wird 80: Er blickt auf einem Spaziergang durch Schwabing auf seinen Werdegang zurück.
Gerhard Polt wird 80: Er blickt auf einem Spaziergang durch Schwabing auf seinen Werdegang zurück. © Marcus Schlaf

Gerhard Polt wird 80 Jahre alt. Wir haben ihn auf einem Spaziergang durch sein altes Univiertel Schwabing begleitet. Eine komödiantisch-philosophische Zeitreise.

München – Gerhard Polt kommt pünktlich. Überpünktlich. Treffpunkt Kunstakademie nahe dem Siegestor in Schwabing. Aber er muss noch einmal weg – zum Parkautomaten. Als er in Richtung Auto abdreht, hält er eine Zwei-Euro-Münze hoch, und plötzlich huscht ein Lausbubengrinsen über sein Gesicht. „Die Stadt verhungert nämlich“, sagt er.

Ist das noch der Privatmensch Polt oder schon eine seiner Bühnenfiguren? Schwer zu sagen, denn sein Privatleben hält der große Kabarettist, der mit einem in die Stille geworfenen „Öha“ ein ganzes Publikum zu begeistern vermag und am Samstag seinen 80. Geburtstag feiert, sorgsam bedeckt. Heute immerhin gibt Polt – auch ein Philosoph, Mahner und Komödiant – Einblick in einen Abschnitt seines Lebens, wenngleich in einen weit zurückliegenden.

München: Gerhard Polt wird 80 - Auf Zeitreise in Schwabing

An diesem schönen Frühlingstag also ist Gerhard Polt extra vom Schliersee in die Stadt gefahren. Ins Univiertel, wo er, ein Schulbub aus Altötting, einst die Ferien bei seiner Großmutter verbracht hat. Es ist eine Zeitreise. Eine Spurensuche an Originalschauplätzen einer turbulenten Nachkriegskindheit. Und nicht nur das: Hier erfuhr er auch die Inspiration zu seinem 1976 veröffentlichten Hörspiel „Als wenn man ein Dachs wär‘ in seinem Bau“. Ein Lehrstück über Gentrifizierung, lange bevor es diesen Begriff gab (Artikel unten).

„Alles neu hier“, sagt Polt wieder und wieder. Von der Akademiestraße aus deutet er zu einer Häuserfront an der Türkenstraße: „Dort drüben, da war ja die Türkenbande. Das war der Feind. Wenn man gefangen genommen wurde, das war schlecht. Dann ist man gefoltert worden.“ Polt wechselt bei diesem Spaziergang fließend zwischen feinsinniger Ironie und Ernsthaftigkeit. Die Nachkriegsruinen waren ein gefährlicher Spielplatz.

Er erinnert sich: „Eines Tages ist eine Hauswand umgefallen. Ich war etwas weiter weg. Dann staubt’s – und plötzlich sind zwei Kinder verschwunden. Die waren nimmer da. Die hat’s daschlogn.“ Trotzdem: „Ich muss sagen, diese Welt war unheimlich attraktiv für mich“, gesteht Polt. „Altötting war dagegen eine lahme Sache. Dabei bin ich ja dort in einer Metzgerei groß geworden, und das war schon toll. Aber diese Ruinenlandschaft war unschlagbar.“

80. Geburtstag: Gerhard Polt erzählt vom ersten Kinderfasching im Eckhaus Adalbertstraße

Heute reißen die Ruinenbilder aus der Ukraine den verklärenden Schleier von den Bildern der Kindheit. Er könne sich die Berichte gar nicht lange anschauen, sagt Polt. „Sonst kann ich nimmer schlafen. Des druckt si auf meine Atemwege. Das ist so grausig.“ Polt ist auch einer der Unterzeichner des offenen Briefs an Kanzler Scholz, in dem 28 Intellektuelle vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine warnen.

Polt lenkt die Schritte auf die Amalienstraße, sein Jugendrevier. Er erzählt vom ersten Kinderfasching im Eckhaus Adalbertstraße, wo heute die „Bar Tapas an der Uni“ zu finden ist, von der ersten Pizzeria in München, von einer Wäscherei, der Kohlenhandlung und der Schreinerei Lichtblau. Ja mei, alles Geschichte. Genauso wie das Geld, das er sich als „Kegelbua“ verdient hat. Oft kommt Polt heute nicht mehr hierher. Daheim, sagt er, fühle er sich mehr in der Gegend zwischen Kammerspielen, Tal und Viktualienmarkt. Doch seine Erinnerungen sind wach. Zu fast jedem Gebäude fällt ihm eine Anekdote ein.

Das Haus, in dem die Großmutter wohnte, in einem Hinterhof auf der Rückseite der Uni, ist längst durch einen Neubau ersetzt. Und direkt daneben, „da wohnt die Schneebergerin drin“. Gisela Schneeberger, seine kongeniale Partnerin in der Kult-Fernsehserie „Fast wia im richtigen Leben“ und in vielen seiner Kinofilme.

München: Man beginnt zu ahnen, woher Gerhard Polt die Inspiration für seine Figuren schöpft

Kurz vor der Schellingstraße stoppt Polt erneut. Das Café Schneller gab es schon damals. Die Frau Schneller sei eine leidenschaftliche Konditorin gewesen, erzählt er. „Eines Tages, ich wollte mit meinem Spezl ein Eis essen, da waren die Rollläden herunten, und eine Frau hat gesagt: Mein Gott, gell, die arme Frau Schneller! Jetzt is die gstorbn.“ Woraufhin eine zweite Frau erwiderte: „Ja, entsetzlich, und grad noch vor Ostern, wo sie so am Ostergschäft ghängt ist.“

Man beginnt zu ahnen, woher der begnadete Beobachter und akribische Sammler die Inspiration für seine Figuren und Geschichten schöpft. Sie sind aus dem Leben gegriffen, mit einer scheinbar grenzenlos wandelbaren Stimme zu neuem Leben erweckt. Der Dialekt, in dem Polt diese Figuren noch viel detaillierter zeichnen kann als in der Schriftsprache, macht sie authentisch. Man könnte sie für nette Nachbarn halten. Umso beklemmender, wenn sie sich plötzlich als engstirnige Spießbürger und Kleingeister, skrupellose Geschäftemacher oder unverbesserliche Rassisten entlarven.

Gerhard Polt: „Der Fischgestank ist über die Prinzregententorte hinweggezogen“

Das Café Schneller hat die Jahre überdauert, hatte es damals aber nicht leicht, weil nebenan ein Fischgeschäft war. „Der Fischgestank ist über die Prinzregententorte hinweggezogen. Die Schnellers haben gelitten unter dem“, erinnert sich Polt. Eines Tages aber sei der Fischladen weg gewesen und eine Bank eingezogen, woraufhin seine Großmutter gesagt habe: „Geld stinkt nicht.“ Im Schneller wiederum sei in der Auslage zwischen Prinzregententorte und Käsesahne auch mal eine Katz’ gelegen: „Stinkgemütlich. Des war halt so“, schmunzelt Polt.

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Mehrmals wird der Kabarettist von Passanten aufgehalten: Ob man denn ein Selfie mit ihm machen dürfe?“ Polt lächelt: „Geh her!“ Wie oft ihm das passiert? Wieder stiehlt sich dieses Lausbubenlächeln ins Gesicht: „Am Schliersee ned so vui.“ Nicht, dass ihm die Fans lästig wären – im Gegenteil. Er bildet sich nur nichts auf seine Bekanntheit ein. Und so zitiert Polt, auf die Vielzahl seiner Preise und Auszeichnungen angesprochen, Gerhard Polt: „Unerbittlich sucht sich jeder Preis seinen Träger.“

Anerkennung zollt er lieber anderen. Das zeigt sich, als er ins ehemalige Feindesland abbiegt, die Türkenstraße. Wo früher das Kino Türkendolch (heute Café Zeitgeist) war, in dem schon mal mitten im Tarzanfilm die Besucher aufstehen mussten, damit die Kinofrau Briketts im Ofen nachlegen konnte, dort ist heute der Georg-Elser-Platz. „Wenn der Elser mit seinem Hitler-Attentat Erfolg gehabt hätte, hätte das welthistorisch mit Sicherheit viel bewirkt“, sagt Polt. Er sieht sich durchaus als politischen Menschen, nur eben nicht als Stammtischpolitiker. Den Stammtisch überlässt er seinen Bühnenfiguren.

Gerhard Polts Bühnenkarriere hat er vielen Fügungen und Begegnungen zu verdanken

Polts Bühnenkarriere haben er und seine Fans vielen Fügungen und Begegnungen zu verdanken. In den 70er-Jahren – er war da schon über 30 – stellten sich die Weichen. Der Mann einer Kollegin seiner Frau, der spätere Münchner Kulturreferent Jürgen Kolbe, entdeckte Polts Erzähltalent und animierte ihn zum ersten Hörspiel, dem „Dachs“. Der große Jörg Hube holte ihn auf die Bühne der Kammerspiele und ertrug tapfer, dass ihm das „Monster an Bühnenpräsenz“, einen Schweinsbraten verzehrend, die Schau stahl.

Den Weg ins Fernsehen ebneten Nachbarin Gisela Schneeberger und ihr damaliger Ehemann, der Regisseur Hanns-Christian Müller, der Polts Gedankenwelt in eine TV-taugliche Form brachte. Ein Zufall war es schließlich auch, der 1979 Polt und die Well-Brüder zusammenbrachte. „Mir hat gefallen, was die gemacht haben, und die mochten mich auch, und seitdem haben wir uns gegenseitig unser Herz geschenkt“, erinnert sich Polt. Wie viele gemeinsame Auftritte sie seither absolviert haben, hat Polt nicht gezählt. „Aber der Stofferl Well behauptet, dass wir in etwa drei Millionen Kilometer im Auto gefahren sind.“

Rund 50 CDs und DVDs, ein gutes Dutzend Filme und TV-Produktionen, 21 Bücher, fünf große Bühnenprogramme, vor allem aber unzählige Auftritte, in denen Polt seine größte Stärke ausspielt: eine Präsenz, die ihresgleichen sucht. All das hat sich wohl mehr ergeben als dass es geplant gewesen wäre. Doch was Polt daraus machte, begeistert Jugendliche und reifes Publikum bis heute. „Die Tatsache, dass ich das alles hab machen können und dürfen, da kann ich mich nur bedanken“, sagt Polt demütig. Womöglich verhält es sich mit dem Erfolg ja ähnlich wie mit Preisen und Auszeichnungen: Er sucht sich unerbittlich sein Genie. VON PETER T. SCHMIDT UND KLAUS VICK

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