So bleibt die Stadt künftig mobil

Mit dem Flugtaxi dem Stau entfliehen? Experte bewertet innovative Idee - „Technisch interessant, aber ...“

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Klaus Bogenberger ist Professor für Verkehrstechnik an der Bundeswehr-Uni in Neubiberg.

Es klingt futuristisch, doch ein Experte ist sich sicher: Eine Seilbahn kann den Verkehr in der Landeshauptstadt entlasten. Er bewertet auch die Idee, Flugtaxen zu etablieren.

München - Seilbahn, Flugtaxi, Fahrgemeinschaft, Citymaut – der Zoo der Ideen, die helfen könnten, München vor dem Verkehrskollaps zu bewahren, ist bunt. Professor Klaus Bogenberger (48) von der Bundeswehr-Uni in Neubiberg erläutert, welche Transportsysteme das Potenzial haben, jene Maßnahmen zu ergänzen, die bereits in Arbeit sind wie zweite Stammstrecke, U-Bahn-Ausbau, Bus-Beschleunigung, Taktverdichtung und Ausbau des Radwegenetzes.

Dass etwas geschehen muss, ist unübersehbar: München erstickt im Stau, U- und S-Bahnen platzen aus allen Nähten. „Die Stadt verzeichnet Bevölkerungszahlen, die man erst weit später erwartet hätte“, warnte der Wissenschaftler Klaus Bogenberger bei einem Vortrag in der Hanns-Seidel-Stiftung. Politisch sei versäumt worden, das Verkehrssystem an das rasante Wachstum anzupassen. Der Verkehrstechniker hat die Voruntersuchung für eine Seilbahn über München durchgeführt. „Ich könnte mir vorstellen, dass eine Seilbahn temporär eine Lösung wäre, die Entlastung bringen könnte“, sagt der 48-Jährige.

München: Gondeln über der Stadt

Die Idee, mithilfe einer urbanen Seilbahn den Verkehr am Boden zu verringern, hat Politiker über alle Parteigrenzen hinweg überzeugt. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) war begeistert. Aktuell läuft eine Machbarkeitsstudie. Untersucht wird, ob eine 4,5 Kilometer lange Seilbahnstrecke in 60 Metern Höhe zwischen den U-Bahn-Stationen Oberwiesenfeld und Studentenstadt technisch umsetzbar, rentabel und sinnvoll wäre. Nach den bisherigen groben Plänen soll die urbane Seilbahn die U-Bahnhöfe Oberwiesenfeld und Frankfurter Ring, die Tramstation Schwabing Nord und den U-Bahnhof Studentenstadt miteinander verbinden. 4000 Personen pro Stunde (32 pro Kabine) könnte die Seilbahn transportieren. „Das Positive an der Seilbahn ist, dass sie relativ schnell umsetzbar wäre und die Reisezeit verkürzt“, sagt Bogenberger.

Hoch über dem Frankfurter Ring schweben und den Stau unter sich lassen: Eine Machbarkeitsstudie soll zeigen, ob das sinnvoll und rentabel wäre.

Die Route im Münchner Norden sei ausgewählt worden, weil das Gelände in städtischem Besitz sei. „Bei Privatgrundstücken wäre der Genehmigungsprozess sehr komplex.“ Denkbar sei aber natürlich vieles. Wie etwa die Anbindung von BMW-Werk (warum die Seilbahn nachts nicht auch für den Gütertransport nutzen?) und BMW-Welt – immerhin erschließt der Tourismusmagnet neue Fahrgastpotenziale. Flächen-, Energieverbrauch und Betriebskosten einer Seilbahn wären gering. „Auch ein Wiederabbau ist möglich“, hebt Bogenberger hervor. Herausforderungen seien das Wetter, Auswirkungen auf das Stadtbild und etwaiger Gegenwind durch Klagen wegen Verletzung der Privatsphäre, weil man von der Seilbahn womöglich in Wohnungen, Innen- oder Hinterhöfe blicken kann. Mitte 2020 sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen. „Wenn eine Seilbahn kommt, dann in den nächsten sechs Jahren. Andernfalls wird das Projekt einschlafen“, glaubt der Experte.

München: Gemeinsam günstiger

Beim Ridepooling (Fahrgemeinschaft) wird ein IT-Algorithmus eingesetzt, der automatisch Fahrgemeinschaften zwischen Fahrgästen bildet, die ein ähnliches Ziel haben. Auf diese Weise teilen sich Fahrgäste, die eine Fahrt über eine App buchen, die Dienstleistung, und der Fahrpreis wird günstiger. „Uber macht das schon in den USA. Das große Ziel der Unternehmen sind autonom fahrende Autos, damit die Fahrerkosten wegfallen“, erklärt Experte Bogenberger. Ridepooling sei dann eine Form des öffentlichen Personennahverkehrs, die in kleineren Fahrzeugen und damit sehr variabel funktioniere.

Vorläufer gibt es auch schon in München: Der IsarTiger der MVG ist ein flexibler Mobilitätsservice, der sich ganz nach persönlichem Bedarf anfordern lässt. Etwas altmodischer, aber umso charmanter: Mitfahrbankerl, die man in vielen Gemeinden im Landkreis sieht. Einfach auf der Bank Platz nehmen, Richtungsschild mit gewünschtem Zielort aus einer Holzstele ziehen – und warten.

Der „IsarTiger“ der MVG ist flexibler als das Liniensystem mit großen Bussen.

München: Das Flugtaxi

Man fährt mit dem Auto auf der Autobahn – Stau! Eine Taxidrohne kommt angeflogen, hebt das Fahrzeug in die Luft und transportiert es weg. Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film klingt, wird bereits erforscht. „An solchen Crossover-Lösungen arbeiten Audi, Airbus und Italdesign. Technisch sehr interessant, aber verkehrlich für eine Stadt wie München irrelevant“, sagt Bogenberger. Anders in Mega-Metropolen wie Mexico City oder Sao Paulo. Dort sind wegen der großen Distanzen und der vielen Staus bereits Flugtaxen im Einsatz. Im Flächenland Bayern seien solche Systeme für die Region durchaus interessant. „Man könnte mit zehn Landeplätzen 53 Prozent der bayerischen Bevölkerung innerhalb von 20 Minuten vernetzen.“ Der aus allen Winkeln Bayerns am besten erreichbare Standort ist übrigens Ingolstadt.

München: Maut und Autobahn

Neben großen Visionen nennt Bogenberger auch zwei Maßnahmen, die keine neue Technik erfordern, aber aus seiner Sicht für große Entlastung auf Münchens Straßen sorgen würden. Beide werden hitzig diskutiert. Das eine ist der Autobahnringschluss der A99 Südwest. „München ist eine der wenigen Metropolen, die keinen geschlossenen Autobahnring haben. Man kann von den Verkehrsplanern nicht erwarten, dass sie alles lösen, wenn das Netz solche Defizite hat“, so Bogenberger. Zweitens: Beschränkungen bei der Einfahrt in die Innenstadt. „Entweder wird dies über sehr wenig Parkplätze gehen oder über eine Maut.“

München: Fahrten vermeiden

Wer nicht fährt, entlastet die Straßen und schont die Umwelt. Verkehrsvermeidung ist ein nachhaltiges Instrument der Verkehrsplanung. Immer mehr Leute arbeiten heutzutage ein- oder mehrmals die Woche daheim. Gut für den Verkehr. „Am Freitag sind die Straßen merklich leerer“, sagt Bogenberger. Und er geht noch weiter: „Warum die Schulanfangszeiten sklavisch auf 8 Uhr legen? Eine Staffelung, beispielsweise von 8 bis 10 Uhr, könnte die Straßen morgens entlasten.“ Ähnlich beim Bettenwechsel in den Bergen –überall samstags. Entsprechend voll sind dann die Autobahnen.

Video: Seilbahn mitten in München

Daniela Schmitt

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