„Ökologisch unsinnig“

Die große Müll-Lüge: Warum wird in München so viel Abfall verbrannt?

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Die Müllverbrennungsanlage des Heizkraftwerks München Nord.

Zwar behauptet das Umweltbundesamt, dass Deutschland in Sachen Kunststoff-Recycling weltweit zur Spitze gehört, doch die Wahrheit ist eine andere - auch in München. Wir klären die große Müll-Lüge auf.  

München - Die Wurst steckt drin, der Orangensaft sowieso, und die Armaturen unseres ­Autos bestehen zu großen Teilen auch daraus: Plastik ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die Kehrseite des bequemen Produkts: der schockierende Müllstrudel im Pazifik. Das ­Umweltbundesamt behauptet zwar, Deutschland sei der inoffizielle Weltmeister im Kunststoff-­Recycling – fast 99 Prozent aller gesammelten Kunststoffabfälle würden verwertet, so die ­Behörde. In Wahrheit ist es allerdings nicht einmal die Hälfte! Wir erklären die große Müll-Lüge. Und München macht leider keine Ausnahme – im Gegenteil.

Der Müllberg wächst: So läuft die Entsorgung

Eine Million Tonnen des Plastikmülls der Haushalte landet unsortiert im Restmüll und wird verbrannt. Doch auch von dem Kunststoffmüll, den die Bürger trennen und über das duale System oder in Wertstoffcontainern sammeln, werden nur etwa drei Viertel tatsächlich recycelt. Der Rest wird verbrannt. Auch der Großteil des Kunststoffs, der im Sperrmüll oder im Elektroschrott endet, geht in Flammen auf.

Summa summarum bedeutet das: Nicht einmal die Hälfte des in Deutschland anfallenden Alt-Kunststoffes wird recycelt – nur 45 Prozent! Mehr als die Hälfte wird „energetisch verarbeitet“, wie es im Branchenjargon heißt, also verbrannt – und zwar in Müllverbrennungsanlagen zur Stromgewinnung oder zum Kalkbrennen in Zementwerken.

Kunststoffe haben einen doppelt so hohen Heizwert wie Braunkohle. Und so verteidigt sich die Müllbranche mit dem Klimaschutz: „Die Müllverbrennung trägt zur Einsparung von über 133 000 Tonnen klimaschädlichen Kohlendioxids bei“, sagt Bettina Folger, Sprecherin des städtischen Abfallwirtschaftsbetriebes München (AWM). Außerdem gehöre die Müllverbrennung im Heizkraftwerk München Nord zu den saubersten weltweit.

Dr. Hartmut Hoffmann, Sprecher des Arbeitskreises Rohstoffe im Bund Naturschutz, hält dagegen: „Durch Recycling kann man viel mehr Energie einsparen als durch Verbrennen.“ Von den giftigen Schlacken, die beim Verbrennen des Plastiks entstehen, ganz zu schweigen.

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Der Müllberg wächst: Das sind die Probleme

Voraussetzung für mehr Recyc­ling wäre eine bessere Sortenreinheit der gesammelten Kunststoffe. „Es werden immer mehr Verbundverpackungen aus verschiedenen Materialien hergestellt, die unmöglich zu trennen und damit wiederzuverwerten sind“, erklärt Dr. Hoffmann. Zum Beispiel Schalen, die aus mehreren Schichten verschiedener Kunststoffe bestehen. Oder Folien, die mit Aluminium bedampft werden, wie etwa Joghurtdeckel. Dr. Hoffmann fordert: „Das Verpackungsdesign muss sich ändern!“ Und auch die Weichmacher, die etwa in Folien oder in der Gummiente enthalten sind, machen die Plastikprodukte unrecycelbar.

Der Müllberg wächst: Das sind die Lösungsansätze

Immerhin plant die Bundesregierung eine neue Verpackungsverordnung, die der Verpackungsindustrie höhere Recyclingquoten vorschreibt. 2022 soll eine gesetzliche Quote von 63 Prozent gelten. Das heißt: Nur noch 27 Prozent des Verpackungsabfalls dürfen verbrannt werden.

Der Handel handelt schon: So will etwa Lidl seinen Plastikverbrauch bis 2025 um mindestens 20 Prozent reduzieren. Der Discounter testet seit über einem halben Jahr Zellulose-Netze aus zertifiziertem Buchenholz für Bio-Kartoffeln und Bio-Zwiebeln, sowie eine gartenkompostierbare Folie auf Zellulose-Basis für Bio-Tomaten und Bio-Paprika.

Aldi Süd prüft, ob weitere Obst- und Gemüsesorten offen angeboten werden könnten. Ab dem zweiten Quartal will der Discounter außerdem bei Bio-Tomaten Graspapier- und Zuckerrohrschalen als Verpackungsalternativen testen. Und Rewe verkauft seit Oktober vergangenen Jahres Bananen nur noch unverpackt.

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Bund Naturschutz kritisiert Recycling-System: „München ist ein Negativ-Beispiel!“

In München wird der Verpackungskunststoff über die Wertstoffinseln eingesammelt, wo man auch Altglas, Dosen und Altkleider einwerfen kann. Diese Container werden von den Recycling-Unternehmen Remondis und Wittmann geleert. Der Inhalt der Kunststoffcontainer wird an Wertstoffsortieranlagen wie bei der Gesellschaft für Entsorgung in Oberbayern GEO oder der Firma Wurzer – beide in der Nähe des Flughafens – sortiert. Mit Förderbändern, Magneten, Luftdüsen und rotierenden Sieben werden die zerkleinerten Verpackungsreste nach den unterschiedlichen Wertstoffen sortiert.

65 Prozent der angelieferten Mengen werden den Betreibern zufolge stofflich verwertet, also recycelt. Die Kunststoffe werden zu Granulat verarbeitet, das eingeschmolzen wird. Etwa 30 Pozent des Kunststoffs müssen allerdings „energetisch verarbeitet“ werden, das heißt, es wird Strom oder Wärme daraus erzeugt bzw. sie werden als Ersatzbrennstoffe in Zementwerken eingesetzt.

Auch Verpackungsabfälle aus den ober- und niederbayerischen Landkreisen werden bei der GEO sortiert. Auf dem Land gibt es meist das System der gelben Säcke oder gelben Tonnen. Hier sammeln die Haushalte Verpackungen zu Hause, der Müll wird regelmäßig abgeholt. Vorteil: „In Gebieten mit gelbem Sack oder gelber Tonne im Holsystem werden mehr Mengen pro Einwohner erfasst als in Gebieten wie der Stadt München, wo die Bürger das Material zu den Containerinseln bringen müssen“, erklärt Lucinde Boen­necke von der GEO. Das Material aus den gelben Säcken sei zudem sortenreiner als das Material von den Containerinseln. In München sind nach Branchenschätzungen die Plastiksammelbehälter zu etwa einem Drittel mit Müll gefüllt, der nicht recycelt werden kann. In den Landkreisen sind es etwa zehn Prozent weniger.

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Plastikverpackungen in den Wertstoffcontainern? Viele Münchner sind ahnungslos

Viele Münchner wissen gar nicht, dass sie ihre Plastikverpackungen in den Wertstoffcontainern entsorgen können bzw. werfen diese lieber in die Restmülltonne. Das erhöht den Heizwert des Abfalls in der Müllverbrennungsanlage. Wieso die Stadt sich für die Wertstoff¬inseln entschieden hat? „Durch das Bringsystem der Wertstoffinseln erfolgt eine sehr sortenreine Erfassung und damit eine qualitativ hochwertige Verwertungsmöglichkeit“, sagt AWM-Sprecherin Bettina Folger, womit sie den GEO-Betreibern widerspricht.

Außerdem würde in gelben Säcken oder Tonnen zu viel Restmüll entsorgt. Und: „Gelbe Säcke sind unschön fürs Stadtbild“, der Inhalt geplatzter Säcke könnte sich auf Gehsteigen verteilen.

Das Kraftwerk München Nord. 

Derzeit besteht laut AWM der Münchner Restmüll zu 10,2 Prozent des Gewichtes aus Kunststoffen, die im Müllofen verbrannt werden. Zum Vergleich: Deutschlandweit fallen jährlich 15 Millionen Tonnen Restmüll an, davon sind 967 000 Tonnen Plastik – also nur 6,7 Prozent! Das heißt, dass in München mehr Plastikmüll verbrannt wird. Dr. Hartmut Hoffmann, Sprecher des Arbeitskreises Rohstoffe im Bund Naturschutz erklärt: „Die Stadt München ist sehr verbrennungsfreudig.“

Das Problem sei, dass die städtische Müllverbrennungsanlage in Unterföhring überdimensioniert sei und die Kapazitäten ausgelastet werden müssten. „Das Verbrennen von Plastik ist aber ökologisch unsinnig. Man nutzt nur einen Teil der Energie, die im Kunststoff enthalten ist. Recyceln ist aus ökologischer Sicht unbedingt erste Wahl.“

Ein Holsystem mit dem gelben Sack oder der gelben Tonne wäre „von großem Vorteil.“ Dr. Hoffmann könne das in Nürnberg sehen: „Der Vorteil der transparenten gelben Säcke ist, dass man von außen sehen kann, was drin steckt.“ Restmüll würde darum kaum dort versteckt. Tatsächlich werden in anderen Großstädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln, Stuttgart oder Nürnberg gelbe Säcke oder gelbe Tonnen bzw. orangene ­Erfassungsgefäße genutzt, in ­denen man auch andere Wertstoffe wie Elektrogeräte oder Holz entsorgen kann.

„Ich sehe an meinem Wohnort in Nürnberg, dass das Ganze gut funktioniert, auch in sozial ­etwas schwächeren Vierteln.“ Platzende gelbe Säcke habe er bislang kaum gesehen. Dr. Hoffmann weiter: „München ist bundesweit ein Negativ-Beispiel, wie man es nicht macht.“

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Johannes Welte und Kathrin Braun

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