So lebt es sich in dem Stadtgebiet

Großsiedlung Fürstenried wird 60 Jahre alt - Anwohner berichten aus ihrem Viertel

Diese Blöcke sind charakteristisch für die Siedlung im Süden Münchens.
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Diese Blöcke sind charakteristisch für die Siedlung im Süden Münchens.

Es war eines der größten Projekte in der Geschichte von München: Für rund 60 Jahren ist die Großsiedlung Fürstenried entstanden. Heute soll dort wieder gebaut und nachverdichtet werden - doch das ist umstritten.

Hans Rothascher kennt das Viertel noch aus der Zeit, als Felder vor der Tür waren.

Der 88-jährige Hans Rothascher hat den Wandel miterlebt. Die Großeltern hatten das Haus in der Maxhofstraße 1939 gekauft. „Die Straßen waren nicht asphaltiert und im Winter gab es keine Schneeräumung“, erinnert er sich. Ernst Ziegler vom Historischen Verein Forstenried erzählt, nach der Ernte hätten die Kinder den Rest Kartoffeln vom Feld geklaubt. „Wir haben Kartoffelfeuer gemacht“, sagt der heute 72-Jährige.

Die Großsiedlung Fürstenried: Links die A95, rechts die Forstenrieder Allee. 

Mustersiedlung zur Bekämpfung der Wohnungsnot

Das alles änderte sich, als Fürstenried-Ost, dann Fürstenried-West und zuletzt Neu-Forstenried entstanden – zur Bekämpfung der Wohnungsnot. Ziegler: „Geplant war eine Mustersiedlung mit verschiedenen Gebäudetypen und sozialen Schichten.“ Er weiß noch, wie die letzte Ernte eingeholt wurde und gleich danach der Bau von Reihenhäusern begann. Es gab Eigentumswohnungen, frei finanzierte Wohnungen und Sozialwohnungen. „Viele Familien sind hergezogen und über Kirche und Kindergarten entstanden gute Kontakte“, sagt Rothascher. „Es herrschte Aufbruchsstimmung.“

Anwohner kritisieren geplante Nachverdichtung

Auch in naher Zukunft wird sich wieder einiges verändern: Die Bayerische Versorgungskammer möchte durch Neubauten und Aufstockung rund 660 neue Wohnungen schaffen, einen Teil davon gefördert. Auch ein Laden, ein Café, ein Nachbarschaftstreff und Kindertagesstätten sind geplant. Die Siedlung solle in diesem Zuge aufgewertet werden, beispielsweise die Grünanlagen oder die Infrastruktur. Doch viele Anwohner haben Bedenken vor einem weiteren Wachstum. „Die Nachverdichtung ist maßlos überzogen, die Infrastruktur verkraftet es nicht“, sagt Christoph Söllner vom Verein Pro-Fürstenried. Er kritisiert außerdem, dass ein bewohntes Gebäude einem Hochhaus weichen soll und die Bewohner umziehen müssen – „eine unzumutbare Belastung“.

Heidemarie Bremer lebt in einem achtstöckigen Mehrfamilienhaus an der Forst-Kasten-Allee und mag die Gegend.

Unsere Zeitung hat mit drei Anwohnern gesprochen, wie es sich hier lebt. Schon seit 47 Jahren leben Lutz-Joachim und Heidemarie Bremer (75) in einer 100-Quadratmeter-Wohnung in einem achtstöckigen Mehrfamilienhaus in der Forst-Kasten-Allee. Zu der Wohnung sind sie eher zufällig gekommen, ihre drei Kinder sind dort groß geworden. „Wir haben es schön hier, die Wohnung ist gut geschnitten“, sagt Heidemarie Bremer. „Das Haus ist zwar von außen nicht besonders schön“, findet Lutz-Joachim Bremer. „Aber von unserem Balkon aus schaut man auf die Bäume und ins Grüne.“ Doch das Ehepaar befürchtet, dass sich das bald ändern könnte. „Vor unserem Haus soll ein Haus mit 16 Stockwerken gebaut werden“, berichtet Heidemarie Bremer. Die beiden rechnen damit, dass viele Bäume wegmüssen. „Die Menge an Leuten passt nicht“, findet Lutz-Joachim Bremer. „Es würde auch zu viel Verkehr entstehen.“

Jelka Janic wohnt seit 1982 in der Siedlung.

Ihre Wohnung zu bekommen sei nicht leicht gewesen, berichtet Anwohnerin Jelka Janic. „Sechs Jahre lang war ich jeden Dienstag beim Wohnungsamt“, sagt die 77-Jährige. 1982 klappte es dann endlich mit einer Sozialwohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Züricher Straße. „Mir gefällt es hier sehr gut“, sagt sie. „Ich möchte nicht mehr ausziehen.“ Ihr gefällt besonders die Grünfläche hinter dem Gebäude-Komplex. „Und die U-Bahn, die Bäckerei und ein Café sind auch gleich hier“, berichtet sie.

Maria Frank gefällt die Mischung.

„Mir gefällt es im Viertel“, sagt auch Maria Frank, die seit rund 50 Jahren in Fürstenried lebt. „Ich finde es gut, dass es eine Mischung aus Hochhäusern und Einfamilienhäusern gibt.“ Seit sie hergezogen ist, hat sich vieles verändert: Damals fuhr die U-Bahn noch gar nicht nach Fürstenried, nur die Straßenbahn. Die 83-Jährige radelte früher gerne mit dem Fahrrad in den Forstenrieder Park und manchmal sogar bis nach Starnberg. Auch jetzt ist sie zufrieden: „Es gibt viele Geschäfte zum Einkaufen und Ärzte, man hat alles, was man braucht“, sagt sie. So war das bei Bau der Siedlung vor 60 Jahren auch gedacht.

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