Okwui Enwezor: In Dercons Fußstapfen

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Vor seiner künftigen Wirkungsstätte: Der neue Leiter des Hauses der Kunst, Okwui Enwezor.

München - Münchens Aussstellungspublikum hat bis Herbst Zeit, sich den Namen Okwui Enwezor einzuprägen: Der 47-jährige gebürtige Nigerianer ist Nachfolger von Chris Dercon als Chef im Haus der Kunst.

 Ob Enwezor bis dahin Deutsch gelernt hat? „I hope“, beantwortet er lächelnd diese Frage. Auch vor dem bayerischen Dialekt werde er nicht zurückschrecken. Derzeit beherrscht er weder das eine noch das andere, aber dass sich der Kurator, Wissenschaftler und Autor, derzeit wohnhaft in New York, auf München freut, verstanden die Journalisten am Mittwoch auch so.

Mindestens ebenso begeistert war Kultusminister Wolfgang Heubisch (FDP) über seinen Coup: Wieder war es ihm gelungen, eine hochkarätige Besetzung aus dem Ausland für eine bayerische Kultureinrichtung zu sichern. Enwezor ist für die Münchner Kunstfreunde natürlich kein Unbekannter. 2001 gestaltete er auf Einladung von Jo-Anne Birnie Danzker in der Villa Stuck die Ausstellung The Short Century. Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen in Afrika 1945-1994. Für Enwezor war diese Münchner Erfahrung „wichtig für meine intellektuelle DNA.“

Heubisch pries vor allem Enwezors „fulminante“ Leitung der documenta 11 im Jahr 2002. Bei einem launigen Gespräch, erzählte Heubisch, habe sein Auserwählter am Dienstagabend auch die Herzen von Ministerpräsident Horst Seehofer und Vize Martin Zeil gewonnen. Dass sich das Haus der Kunst auch nach dem Weggang des beliebten und international anerkannten Chris Dercon im Wettbewerb mit der Pinakothek der Moderne und der Hypo-Kunsthalle behaupten kann, war Heubischs Ziel. Acht Monate lang dauerte die Ungewissheit, bis gestern der Neue an der Prinzregentenstraße vorgestellt wurde. „Auch künftig müssen von hier richtungsweisende Akzente gesetzt werden.“ Über seine Pläne in München will sich Enwezor erst bei seinem Amtsantritt äußern. Er fühle sich sehr geehrt, in die Fußstapfen einer legendären Figur wie Chris Dercon treten zu dürfen. „Ich kenne ihn schon lange und bin ständig mit ihm im Gespräch – es ist auch manchmal ein verbaler Boxkampf.“

Haus der Kunst:

Das Haus der Kunst gilt über die Grenzen Deutschlands hinaus als eine der wichtigsten Ausstellungsstätten für Moderne Kunst. Es ist ein Ausstellungshaus ohne eigene Sammlung, mit der Sammlung Goetz bekommt es in diesem Jahr eine neue Dauerausstellung. Das Haus, das heute in seinem Keller auch den Nobelclub P1 beherbergt, hat eine dunkle Geschichte. Der monumentale Bau an der Südseite des Englischen Gartens entstand unter Adolf Hitler. Der Architekt Paul L. Troost entwarf das Gebäude 1932, 1937 wurde es eröffnet. In den Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fand dort die alljährliche Große Deutsche Kunstausstellung statt, die das nationalsozialistische Kunstverständnis propagierte. Im Jahr 1937 wurde parallel dazu in München die von Joseph Goebbels initiierte Propaganda-Ausstellung Entartete Kunst gezeigt mit Werken von Künstlern wie Ernst Barlach oder Paul Klee, die von den Nazis diffamiert wurden. Das Haus der Kunst wurde so zum Sinnbild für die Gleichschaltung der Kunst und Verfolgung von Künstlern während der Nazi-Zeit.

Weiterhin werde er auf die Weisheit und den Rat seines Vorgängers vertrauen, der im April zur Tate Modern in London wechselt. „Im letzten Jahrzehnt war das Haus der Kunst ein sehr lebendiger Ort und hat mit kraftvoller Stimme das Schlüsselargument vorangebracht, dass seriöse und zeitgenössische Kunst so vielfältig ist wie die Künstler, deren Praktiken es in seinen Ausstellungen gezeigt hat.“ Auch in seinen Projekten werden „nicht Nationalitäten im Vordergrund stehen, sondern Ideen.“ Die Person Enwezors wie auch solche Aussagen sind eine späte Rache am Erbauer des Hauses, dessen „dunkle Vergangenheit“ (siehe links) auch der künftige Leiter nicht unerwähnt ließ. Heutzutage sei die Frage der Hautfarbe glücklicherweise unerheblich. Enwezor kennt nicht nur Münchens Galerien und Mu-seen. Bei seinen Aufenthalten in der Vergangenheit hatte er zum Teil auch seine Familie dabei, mit der er die Attraktionen der Stadt und den Sommer im Englischen Garten genoss. Dass der gleich hinter dem Haus der Kunst beginnt, ist für ihn ein weiteres Plus seiner Münchner Mission. Nun überlegt er, ob es für sein elfjähriges Töchterchen gut ist, sie aus ihrer gewohnten Schule nach München umzupflanzen. Wenn der 47-Jährige umsiedelt, steht in München die Wiesn an. Wie steht Enwezor zu Hopfen und Malz? „Ich trinke im Jahr etwa viermal Bier, aber wer weiß, vielleicht ändert sich das auf dem Oktoberfest?“

Barbara Wimmer

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