Der große tz-Report

München - Hochburg der Ein-Personen-Haushalte

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Daniel Blossey.

München - München gilt als Single-Hochburg - zurecht. Allein leben und wohnen viele, aber einsam sind sie deswegen noch lange nicht! Das zeigt unser neuer tz-Report.

Es heißt ja oft: In der Großstadt lebt ein jeder so vor sich hin – einsam und allein. Das stimmt aber nur halb: Allein leben und wohnen viele, aber einsam sind sie deswegen noch lange nicht! Das zeigt unser neuer tz-Report.

München bleibt die Hochburg der Singles und der Alleinstehenden: Jeder dritte Münchner lebt in einem Einpersonen-Haushalt – genau 436 696 von fast 1,5 Millionen! Das entspricht einen Solo-Anteil von 54,4 Prozent an allen Haushalten, hat das Statistische Amt der Stadt jetzt ausgerechnet.

Die meisten männlichen Singles sind 30 bis 39 Jahre alt

Wobei damit nicht jeder dritte Münchner gleich ein Single, Mitglied im Club der einsamen Herzen und ständig auf Partnersuche ist. Das sieht man schon an einer einzigen Zahl: Unter den 224 164 weiblichen Alleinlebenden stammen die meisten aus der Altersgruppe 60 plus, nämlich 82 856 oder 37 Prozent. Da mögen Damen darunter sein, die noch oder wieder auf der Suche nach dem Mann fürs Leben sind, aber sicher auch viele freiwillige Singles. Die zweitgrößte Gruppe stellen die 18- bis 29-Jährigen: 48 814 junge Frauen leben allein. Männer, zeigt euch von eurer besten Seite! Denn in den folgenden Altersklassen finden sich dann nur noch wenige Solo-Münchnerinnen …

Bei den Herren ist es fast umgekehrt: Da stellen die 30- bis 39-Jährigen die größte Gruppe, gefolgt von unter 30-Jährigen. Wie leben sie? Wie lieben sie? Wir haben uns unter Singles, Solisten und Alleinwohnern umgehört:

„Nie wieder Auto-Poster!“

Eine kleine Wohnung in München zu einem vertretbaren Preis? „Der Markt ist eine Katastrophe. Was da verlangt wird, ist eine Frechheit“, sagt Iris Zahoranski (45) – und lässt ihren Blick durch ihr 26-Quadratmeter-Wohnzimmer streifen. Seit zehn Jahren wohnt sie in dem Reihenhaus in Puchheim, seit zwei Jahren allein.

„Ich liebe mein Haus. Ich bin total zufrieden.“ Zwar sei es nicht einfach, den Haushalt allein zu schmeißen, „aber das schaff ich schon“, sagt die 45-Jährige. Einsam sei sie nie. „Oft lade ich abends Freunde ein, schmeiße eine Grillparty oder organisiere einen Spieleabend. Wenn nichts ansteht, setzt sich die Chefassistentin auf ihr Sofa und strickt – und guckt nebenbei einen Horrorfilm. „Nur stricken oder fernsehen wäre mir zu langweilig – die Kombination macht’s!“ Im Keller hat sie sich ein kleines Kino eingerichtet, „alles ist genau so, wie es mir gefällt“.

Und auch München ist nicht weit weg. „Ich liebe München. Das ist meine Stadt!“ Sie geht dann gern zum Frühstücken auf den Viktualienmarkt oder trinkt abends einen guten Cocktail in einer der unzähligen Bars. „Natürlich würde ich mein Glück auch gerne mit jemandem teilen – aber eben nicht mehr um jeden Preis.“ Sie war lange Zeit verheiratet, mit dem falschen Mann, wie sie sagt. Zahoranski aber sieht das mittlerweile positiv: „Jetzt muss ich mir wenigstens keine schnittigen Autos mehr an die Wände hängen.“

"Alleine wohnen ist viel spannender"

Zwei Jahre hat Sarah Müller (24) mit ihrem Freund zusammengewohnt, vor drei Monaten war Schluss. Trennung? Keineswegs! Die beiden hätten einfach gemerkt, dass „das ständige Aufeinandersitzen langweilig“ wurde.

Jetzt habe jeder seine eigene Wohnung, erzählt Sarah, „und das ist gut so! Man sieht sich nicht mehr jeden Tag – das macht die Beziehung spannender!“

Die junge Frau schätzt es, frei zu sein: „Ich kann kommen und gehen, wann ich will. Ich muss nicht mehr ständig pünktlich sein, niemand sitzt zu Hause und wartet auf mich!“ Für viele Menschen klingt genau das nach Einsamkeit. Nicht für Sarah: „Mein Mops-Chihuahua lastet mich voll aus.“

Wenn zwischen Job und Hund Zeit bleibt, besucht die Einzelhandelskauffrau Freunde. „Manchmal frühstücken wir zusammen oder gehen abends ins Kino. Und am Wochenende treffen wir uns oft in meiner Wohnung.“ Außerdem kocht die 24-Jährige sehr gerne. Dass sich Kochen für eine Person nicht rentiere, ist für Müller nur eine Ausrede. „Ich bin Vegetarierin und koche sehr oft allein.“ Jetzt hat sie alleine 50 Quadratmeter.

Wenn die Sehnsucht Sarah Müller überkommt, fährt sie einfach zu ihrem Freund. Oder der kommt zu ihr. Und am nächsten Tag kann jeder wieder auf seine eigene Couch.

Die Wohnung ist für Daniel nur ein Schlafplatz

Daniel Blossey.

Daniel Blossey (37) hat lange Zeit mit anderen Menschen zusammengewohnt. Heute sagt er: „WG? Nein, danke!“ Während seines Studiums in Magdeburg teilte er sich über fünf Jahre lang die Wohnung mit einem afrikanischen Freund. Als der eine Freundin fand, packte Daniel die Koffer: „Ehrensache!“ Auch für die folgenden Praktika quartierte sich der Wirtschaftsinformatiker zur Zwischenmiete in WGs ein. „Ich möchte diese Zeit nicht missen. Aber heute bin ich froh, wenn nicht andauernd das Bad blockiert ist“, sagt Blossey und lacht: „Außerdem wird man nicht nach jedem Frauenbesuch von den Mitbewohnern gelöchert.“

In seiner 43-Quadratmeter-Wohnung in Pasing fühlt er sich pudelwohl. Er achtet auf seine Gesundheit und kocht oft selbst. „Ich muss ja fit bleiben!“ Denn: Auch wenn Blossey seinen Single-Haushalt liebt, sein Single-Leben würde er sofort gegen eine Beziehung tauschen: „Klar: Ich wünsche mir eine Frau an meiner Seite.“ Blossey ist viel unterwegs: „Sport, Freunde treffen, Spanisch lernen, Ausgehen – ich will Action!“ Vielleicht stört ihn das Allein­ewohnen deshalb nicht: „Meine Wohnung ist für mich nicht mehr als ein Schlafplatz – ich bin eh meistens unterwegs.“

Dann sagt Blossey, er könne sich doch vorstellen, irgendwann wieder mit Menschen zusammenzuwohnen: im Alter nämlich.

Abends auf der Couch …

15 Jahre lang war sie verheiratet, lebte gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Katzen in einem kleinen Häuschen. Dann kam die Scheidung. Heike Basitta (49) zog in eine kleine Wohnung: Küche, Bad, ein Schlaf-und Wohnzimmer, Wintergarten und ein kleiner Garten. Die Katzen nahm sie mit. „Es ist einfach schön, die Couch abends mit zwei schnurrenden Fellnasen zu teilen“, sagt Basitta.

Natürlich sei das kein Ersatz für einen Partner. Wieder einen Lebensgefährten finden: ein großer Traum. Denn: „Die Abende allein zu Hause – das ist der große Nachteil eines Single-Haushaltes!“ Darum lädt Basitta oft Freunde ein: Sie kochen, trinken ein Glas Wein oder grillen im Garten. Ein Single-Haushalt bringt aber auch Vorteile: „Ich bin mein eigener Herr, kann meine Tage gestalten, wie ich es will und muss mich mit niemandem absprechen.“ Außerdem gebe es Rezepte gegen Einsamkeit: Basitta ist Regionalleiterin des Freizeit-Clubs München. Hier trifft sie andere Singles, man geht gemeinsam essen oder wandern. Nahezu alle ihrer Freunde wohnen in Single-Haushalten. Kommt einem da nicht der Gedanke, gemeinsam eine WG zu gründen? Basitta sagt: „Je länger man allein lebt, desto schwieriger fällt es, seine gewonnenen Freiheiten wieder aufzugeben.“

Gino: „Ich will mich nicht mehr umerziehen lassen“

Single-Haushalte in München – da reden wir nicht nur von Studenten und Pendlern, sondern auch von Rentnern. Gino Fuschi (78) ist einer davon.

Der Italiener lebt seit 55 Jahren in Deutschland, hat sein Chemie-Studium in seiner Heimatstadt Rom begonnen und in München beendet. Nach zwei gescheiterten Ehen (zwei Söhne) lebt er mittlerweile seit zwölf Jahren allein in einer gemütlichen Zwei-Zimmer-Wohnung in Schwabing und führt ein rundum glückliches Single-Leben.

„Ich habe in meinen zwei Ehen auch viele unangenehme Erfahrungen gemacht“, sagt Gino Fuschi. „Ich genieße meine Freiheit und habe keine Probleme damit, alleine zu leben.“ Das Wort Langeweile kommt in seinem Wortschatz nicht vor. Gino Fuschi liebt es, seine sozialen Kontakte zu pflegen – und davon hat er einige. So informiert er regelmäßig Gleichaltrige in der Senioren-Börse in der Rumfordstraße über die Kultur, Geschichte und Sprache seines Heimatlandes. Er sagt: „Das Wichtigste ist, dass man seinen Mitmenschen etwas geben kann. Dann bekommt man nämlich auch etwas zurück.“ Wenn Fuschi nicht gerade unterhaltsame Abende im Theater verbringt oder sich mit Freunden zum Essen verabredet, zieht er sich am liebsten in seine „Wohlfühloase“ zurück. „In meiner Wohnung gibt es immer etwas zu tun. Ich koche, wasche und putze, lade mir Freunde ein oder telefoniere mit meinen Schwestern in Italien“, sagt der einstige Auswanderer. Irgendwann wieder einmal mit einem Menschen zusammenleben? „Das würde ich nicht ausschließen. Aber im Alter wird es schwieriger, sich noch einmal auf jemanden einzulassen“, meint Fuschi. „Man hat seine Gewohnheiten und ist nicht mehr bereit, sich umerziehen zu lassen.“

Über die Zukunft macht sich Gino Fuschi wenig Gedanken. „Sollte ich einmal auf Hilfe angewiesen sein, habe ich meine Kontakte“, schmunzelt er. Denn Gino Fuschi lebt nicht einsam, sondern nur allein.

Tipps für Singles und Entdecker

Für Singles gibt es in München mittlerweile ein großes Angebot – auch abseits von Flirtbörsen, Speed-Dating & Co. Ein paar Vorschläge für Alleinstehende, die nicht einfach nur auf Partnersuche sind:

Single-Tanzkurse: z.B. in der Tanzschule am Deutschen Theater (www.tanztipp.de)

Single-Aktivitäten: Auf www.muenchnersingles.de verabreden sich Alleinstehende zu Kochabenden oder Kinobesuchen.

Sportpartner: Lust auf Sport, aber niemanden, der mitgeht? Partner im Netz etwa unter www.easysport.de

Single-Hotels: Das Hotel Aviva in Österreich zum Beispiel spricht speziell Singles und Alleinreisende an. Infos: www.hotel-aviva.at

Neu in der Stadt: Die VHS München-Nord bietet Kurse wie „Singles entdecken München“ an. Gerade für Neu-Münchner eine gute Gelegenheit, Leute und Stadt kennenzulernen. Infos im Netz: www.vhs-nord.de

Dinner for One: Nicht nur Supermärkte verkaufen immer mehr Single-Portionen (z.B. Dosen-Ravioli), auch Single-Kochbücher gibt’s zuhauf.

T. Scharnagl, J. Heininger, D. Costanzo

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