tz-Aktion: Umfrage & Gewinnspiel

Typisch München: Horror-Preise in alten Sozialwohnungen

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Früher Sozialwohnung – jetzt zahlt Marjeta Merdzo (77) die normale Horror-Miete.

München - Was macht unsere Stadt so stark und unverwechselbar? Die tz will es genau wissen. Da­rum fragen wir in unserer neuen Serie die größten München-Kenner – nämlich Sie, liebe tz-Leser! Thema heute: Wohn-Wahnsinn und Horror-Mieten!

Was macht unsere Stadt so stark und unverwechselbar? Die tz will es genau wissen. Darum fragen wir in unserer Serie die größten München-Kenner – nämlich Sie, liebe tz-Leser! Machen Sie bei unserer Umfrage mit und gewinnen Sie tolle Preise! Die Agentur-Gruppe Serviceplan und die Münchner Markenberatung Biesalski & Company betreuen die Serie. In dieser Woche beleuchten wir die wichtigsten Aspekte der Stadt – auch die Schattenseiten. Thema heute: Wohn-Wahnsinn und Horror-Mieten!

Wohnen

  • Wohnungen: 768.686
  • darunter Miete: rund 550.000
  • Neuvermietung pro qm kalt: Neubau 16 €, Bestand 14,10 €, Altbau 15,10 € (IVD-Report)
  • Bestandsmiete pro qm kalt: 10,13 € (Mietspiegel 2013)

Schnee lag in der Luft, als Marjeta Merdzo mit ihrem Mann und den beiden Buben in die neue Heimat im Hasenbergl zog. Drei Zimmer, 65 Quadratmeter, alles frisch. Es war der 1. März 1965, und die Miete in der Sozialwohnung kostete 250 Mark warm. Heute – fast 50 Jahre später – liegt der Preis bei 744 Euro warm. Sechsmal mehr! Die 77-Jährige sagt: „Die Miete macht uns arm.“

Marjeta Merdzo teilt ihr Schicksal mit Tausenden älteren Münchnern, die aus kleinen Verhältnissen stammen, die Kinder großzogen, ihr Leben lang schufteten und nicht sofort nach Stütze schreien. Das Schicksal überkommt diese Münchner nicht urplötzlich, sondern in kleinen Schritten, am Anfang merken sie es selbst kaum. Darum wird diese Seite des Wohnwahnsinns selten erzählt – neben Luxussanierung, Umwandlung und Preisexplosion. Der Chef der Serviceplan-Schwesteragentur Mediaplus, Jochen Lenhard, fürchtet: „Wir sind lange nicht am Ende …“

Bei den Merdzos zog das Schicksal vor zehn Jahren ein: Da war die Sozialwohnung über Nacht keine mehr. Vier Jahrzehnte lang war der Preis kaum gestiegen, dann kam 2004 die erste Mietsteigerung um 20 Prozent! Aber das blieb nicht die letzte: Die nächste kam 2007, dann 2010 – immer wieder 20 Prozent mehr! Ende 2013 stand die nächste an, diesmal gab es nur 14 Prozent Aufschlag – weil der Preis an der gesetzlichen Grenze des Mietspiegels angekommen war. Nach nicht einmal zehn Jahren waren die einst streng geschützten vier Wände in der freien Wildbahn der Marktwirtschaft angekommen. Das betraf nicht nur Marjeta Merdzo und ihre Familie, sondern zeitgleich alle 300 Bewohner in den fünf Wohnblöcken in der Dülferstraße.

Umfrage über München: Gewinnen Sie tolle Preise

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Merdzo versteht das nicht: „Wir sind in dieser Zeit doch keine Millionäre geworden. Ich war arm, und ich bin arm.“ Die Rente ist kaum gestiegen in der Zeit. 977 Euro bekommen sie und ihre Mann – bleiben nach der Miete 233 Euro. Ihre Söhne halten sie über Wasser.

Sie hat ihr Hasenbergl sogar gemalt.

Dass es so weit kommen musste, liegt an jahrzehntealten Gesetzen: Sozialwohnungen bauen nur selten der Staat oder die Stadt, sondern meist private Firmen. Sie holen sich vom Staat billigste ­Kredite, bauen und verlangen zunächst die vereinbarte Sozialmiete. Aber wenn die Schulden meist nach rund 40 Jahren abbezahlt sind, gelten keine Billig-Konditionen mehr. So gab es 1980 noch 120 000 solcher Sozialwohnungen in München, zuletzt waren es nur noch 77.000 – jährlich fallen fast 7000 günstige Wohnungen weg.

Marjeta Merdzo hat Angst, dass sie die Miete bald nicht mehr überweisen kann. „Aber wo sollen wir hin?“ Sie liebt das Hasenbergl, sie braucht ihre Nachbarn, von denen viele mit ihr am 1. März 1965 eingezogen sind. „Leider Gottes sind wir immer weniger.“ Wie es das Schicksal will, ist ihr Vermieter die GBW, die an ein Patrizia-Konsortium verhökert wurde. Post hat die arme Mieterin schon bekommen. Darin stand sinngemäß: Können Sie sich vorstellen, ihre Wohnung zu kaufen?

David Costanzo

Auch OB Dieter Reiter macht mit

Wie bewerten die Münchner ihre Stadt? Das will auch OB Dieter Reiter (56, SPD) wissen! Darum macht er bei unserer tz-Umfrage „Typisch München!“ mit – wie bislang schon mehr als 2000 Menschen! „Ich finde die Aktion richtig gut“, sagt Reiter. „Für einen OB ist es immer hilfreich, eine Einschätzung zu bekommen, wie die Menschen ihre Stadt sehen.“ Natürlich kreuzt der OB an, dass München „voll und ganz“ seine Heimat ist und dass er die Stadt mag. Abstriche macht er aber bei der Aussage, dass München seinen hohen Preis noch wert ist – da stimmt er nur noch „etwas“ zu. Der Grund folgt kurz darauf: Horror-Mieten und Wohnungsnot. In seiner Haushaltsrede im Rathaus betonte er: „Die Stadt bleibt nur dann auf Dauer lebens- und liebenswert, wenn wir niemanden ausgrenzen und möglichst am besten alle in dieser Stadtgesellschaft mithalten können.“ Er versprach, mehr für Wohnungsbau durch Stadt und Private zu tun, und dass die Schere zwischen Arm und Reich zumindest nicht weiter aufgeht.

Lesen Sie auch Teil I, II und III der tz-Serie "Typisch München"

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