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Mann berichtet, wie er am Stachus vor einfahrende S-Bahn geschubst wurde: „Mein Leben ist zerstört“

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Von: Andreas Thieme

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Amahdi S. (38) wurde von der einfahrenden S-Bahn überfahren. Er verlor seinen Unterschenkel und trägt heute eine Prothese
Amahdi S. (38) wurde von der einfahrenden S-Bahn überfahren. Er verlor seinen Unterschenkel und trägt heute eine Prothese © SIGI JANTZ

Er überlebte knapp - doch sein Bein musste amputiert werden. Das ist die bittere Bilanz von Amahdi N.: Der 38-Jährige war im November 2021 am Stachus vor die einfahrende S-Bahn geschubst worden. Als Zeuge musste er nun vor Gericht gegen seinen Peiniger aussagen.

München - Mit Tränen in den Augen hält Amahdi N. (38) sein linkes Knie. Der Unterschenkel darunter fehlt - er musste amputiert werden, nachdem N. im November 2021 ins Bahngleis am Stachus gefallen war. Die S-Bahn überfuhr den 38-Jährigen, er hatte den schrecklichen Unfall nur mit Glück überlebt. Jetzt ist der Unfall ein Fall für die Justiz! 

Denn ein Fremder hatte Amahdi N. attackiert und scheinbar grundlos ins Gleis gestoßen. Passanten hatten die Tat beobachtet und den Täter überwältigt, seit Montag (21. November) wird Abdalla E. (42) der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm sogar versuchten Mord vor.

„Ich habe in ihm dem Teufel gesehen“, sagt Abdalla E. - er gilt als psychisch krank. Laut Staatsanwaltschaft leidet der 42-Jährige Pizzabäcker an paranoider Schizophrenie. Im Wahn war er am 28. November 2021 am S-Bahnhof am Stachus unterwegs gewesen und fühlte sich nach eigener Aussage „in Gefahr“. Doch Tatsache ist: Er hatte seine Medikamente nicht genommen und war im Wahn.

München: 38-Jähriger wurde von psychisch Krankem ins Gleis gestoßen - S-Bahn überrollte ihn

Gegen 15.20 Uhr sprach er den späteren Geschädigten an. Erst ging es nur im eine Zigarette, dann kam es zum Streit. Unfassbar: Mit seinen mehr als 100 Kilo umklammerte Abdalla E. sein schmächtiges Opfer - Amahdi N. wog damals nur rund 50 Kilo - und zog ihn von der Rolltreppe in Richtung Bahngleis. Dann stieß er in vor die einfahrende S8, die in Richtung Flughafen einfuhr. Amahdi N. wurde von dem Zug erfasst und überfahren. Auf der Intensivstation des Klinikum rechts der Isar retteten Notfallmediziner dann sein Leben.

„Es tut mir wirklich leid. Ich möchte mich bei dem Mann entschuldigen“, sagte Abdalla E. vor Gericht. „Ich wollte ihn nicht umbringen“, behauptet er. Und: „Ich war verrückt. Was ich angestellt habe, kann nur ein Verrückter machen. Heute bin ich geheilt.“ Eine medikamentöse Therapie habe ihm geholfen.

Dem Geschädigten bringt das wenig. Amahdi N. sagt: „Er hat mein Leben zerstört. Was ist das für ein Mensch?“ Seinen Peiniger habe er zuvor nicht gekannt. „Er sprach mich am Bahnhof an. Ich dachte, er braucht Hilfe.“ Den Streit kann er sich im Nachhinein nicht mehr erklären. „Aber ich hätte niemals gedacht, dass er so endet.“ Aus den Fängen von Abdalla E. konnte sich die Reinigungskraft nicht befreien. „Er hatte unfassbare Kräfte entwickelt“, wahrscheinlich durch den Wahn.

Prozess in München: S-Bahn-Schubser wegen versuchten Mordes am Landgericht angeklagt

„Erst war ich verwirrt durch die Situation“, sagt Amahdi N. „Doch ich merkte, dass es gefährlich wird, als wir Richtung Bahnsteig taumelten. Dass er mich ins Gleis schubsen will, hätte ich aber nie vermutet. Ich finde keine Erklärung, warum er das tun wollte. Als ich an der Kante stand und die Bahn einfahren sah, schrie ich laut Nein. Aber niemand half mir.“

Vor Gericht bricht Amahdi N. in Tränen aus, als er über denVorfall vor knapp einem Jahr berichten muss. Der 38-Jährige ist seither traumatisiert. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt er. „Meinen Job kann ich nicht mehr ausüben. Jetzt habe ich einen Betreuer und bin auf Spenden angewiesen.“

Alleine aufstehen oder sich anziehen: Dafür ist Amahdi N. jetzt auch Hilfe angewiesen. Wie ernst die Justiz den Fall nimmt, zeigt, dass der Strafprozess vor der Schwurgerichtskammer verhandelt wird - noch bis zum 9. Dezember. S-Bahn-Schubser Abdalla E. droht der dauerhafte Aufenthalt in der Psychiatrie.

Hilfe für den Geschädigten: Liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie Amahdi N. unterstützen möchten, können Sie auf der folgenden vertrauenswürdigen Seite für ihn spenden: Hilfe für Amahdi (bitte auf den Link klicken)

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