Vor dem Supermarkt angeleint - und geklaut

Die Kehrseite des Hunde-Booms in der Pandemie: Immer mehr Hunde-Diebstähle in München

Während Corona sind Hunde immer beliebter geworden - so sehr, dass einige auch vor Hundediebstahl nicht zurückschrecken.
+
Während Corona sind Hunde immer beliebter geworden - so sehr, dass einige auch vor Hundediebstahl nicht zurückschrecken.

Haustier-Boom: Immer mehr Menschen haben sich während der Corona-Pandemie einen pelzigen Gefährten angeschafft. Doch auch die Zahl der Hunde-Diebstähle nimmt zu.

München - Was Nilay G. in den vergangenen Tagen erlebt hat, war Albtraum und Krimi zugleich. Eine dramatische Geschichte, die noch einmal gut ausgegangen ist. Heute kann die Münchnerin* ihren Hund Schoki wieder fest in den Arm nehmen. Beinahe wäre er für immer verschwunden gewesen. Ein Schicksal, das derzeit immer mehr Hunde ereilt: Sie werden gestohlen, um verkauft zu werden.

Gerade in der Corona-Krise floriert dieses Geschäft. Die Tierschutz-Organisation Vier Pfoten warnt und sagt: „Schätzungen zufolge werden in Deutschland tagtäglich Hunde in Großstädten gestohlen.“

Hunde-Klau in München-Forstenried - der Täter gesteht

Der Schock war riesig, als Schoki am Freitag plötzlich weg war. Die Familie hatte den Zwergpudel mit dem flauschigen Fell nur wenige Augenblicke unbeobachtet gelassen – vorm Rewe-Markt an der Züricher Straße (Forstenried). Der Laden liegt in ihrer Nachbarschaft. Schoki ist ein braver Hund, der nicht wegläuft. „Wir haben uns deshalb nie Gedanken gemacht“, sagt Nilay G. – vor allem auch, weil der Bürgersteig vom Bäckereibereich gut einsehbar ist. Doch schon ein paar Sekunden haben gereicht uns von Schoki fehlte jede Spur.

Nilay G. wurde sofort aktiv. Sie schaltete eine Suchanzeige beim Tiersuchdienst Tasso und startete die Recherche. Auf einer Plattform im Internet wurde sie dann tatsächlich fündig. „Ich dachte nur: Da ist mein Hund“, erinnert sich Nilay G., die Anzeige bei der Polizei erstattete. Wie sie schalteten Freunde zudem Fake-Anfragen auf der Plattform – um Kontakt mit der Frau aufzunehmen, die den Hund zum Verkauf angeboten hatte. „1300 Euro wollte sie für Schoki“, sagt Nilay G. Ihr Glück: Ein guter Bekannter ist selbst Polizist und half mit. Auf seine Anfrage reagierte die Frau – und gab schließlich zu, dass sie Schoki tatsächlich geklaut hat. „Sie hat wohl gesagt: ,Das war meine Gelegenheit…‘“

Aus Angst vor Diebstahl: „Wir werden ihn jetzt nicht mehr zum Einkaufen mitnehmen“

Diese kriminelle „Gelegenheit“ hat sich für die Hunde-Diebin als Pleite herausgestellt. Sie musste Schoki zurückgeben – und Nilay G. ist jetzt einfach nur glücklich, dass der geliebte Vierbeiner alles unbeschadet überstanden hat. „Wir werden ihn jetzt nicht mehr zum Einkaufen mitnehmen“, hat die Familie beschlossen. Und macht damit alles richtig.

Kristina Berchtold vom Tierheim in Riem sagt: „Hunde sollten niemals vor einem Supermarkt alleingelassen werden.“ In den sozialen Medien haben sich schon Tierfreunde darüber aufgeregt, dass Schoki unangeleint vorm Rewe saß. Wegen der verbalen Angriffe möchte die Familie deshalb lieber anonym bleiben. Dabei bietet eine Leine nicht unbedingt mehr Schutz, so Berchtold. „Einen fremden Hund ohne Halsband zu packen, ist viel schwieriger“, erklärt sie. Wenn ihn jemand an der Leine zieht, „kann er sich nicht so gut wehren“. Lieber solle der Hund daheim bleiben. Und: Zamperl unbedingt chippen lassen!

Tierdiebe können ein richtig gutes Geschäft machen

Schon vor drei Jahren hat das Tierheim Alarm geschlagen. „Es werden immer mehr Hunde gestohlen“, sagte die damalige Leiterin der Vermisstenstelle, Eveline Kosenbach. Sie rechnete vor: Von den rund 2000 jährlich als vermisst gemeldeten Hunden und Katzen seien zehn Prozent gestohlen. Und: Die Tierschützer gehen davon aus, dass Corona diesen Trend noch deutlich verschärft hat. Offizielle Zahlen gibt’s allerdings nicht, weil nicht jeder Fall gemeldet oder angezeigt wird – und weil bei der Polizei Tierklau nur als allgemeiner Diebstahl läuft. Konkrete Hunde-Fälle, so teilte ein Sprecher auf Anfrage mit, bringe die Statistik nicht hervor.

Fest steht aber: Tierdiebe können ein richtig gutes Geschäft machen. Eine Französische Bulldoge als Welpe kostet zum Beispiel 1800 Euro, ein kleiner Pomeranian-Zwergspitz bringt 2300 Euro ein. Und: Die Anzahl der Hunde-Neuanmeldungen hat sich während des Lockdowns verdreifacht, weil viele ein Viecherl gegen die Einsamkeit wollen. Die meisten Züchter haben viel mehr Anfragen als Welpen. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare