Schreckenswort Gentrifizierung

„Psychischer Druck“ - In München herrscht große Angst, wegsaniert zu werden

In der Türkenstraße 50-54 werden Häuser abgerissen beziehungsweise luxussaniert. Sehr zum Unmut der Bewohner
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In der Türkenstraße 50-54 werden Häuser abgerissen beziehungsweise luxussaniert. Sehr zum Unmut der Bewohner.

Abgerissene Nachbarhäuser, Baulärm, leer stehende Wohnungen und die Angst, aus den eigenen vier Wänden ausziehen zu müssen – das alles plagt die Maxvorstädter an der Türkenstraße. Diese gilt als Paradebeispiel für die Gentrifizierung in der Maxvorstadt und beschäftigt regelmäßig den Bezirksausschuss (BA) des Viertels.

  • Die Gentrifizierung in München* schreitet voran und die Preise der Immobilien sind ins Unermessliche gestiegen.
  • Wirkungsvolle Instrumente scheinen weiter zu fehlen - Ein erschreckendes Beispiel gibt es aus der Maxvorstadt.
  • Historische Gebäude werden abgerissen und weichen Neubauten. Die Begleiterscheinungen sind ärgerlich.

München - Die Lage an der Türkenstraße allein auf dem Straßenzug zwischen der Theresien- und Schellingstraße ist unübersichtlich: Vergangenes Jahr wurde das historische Gebäude Türkenstraße 52 abgerissen. Ebenso das Rückgebäude des Nachbarhauses mit der Nummer 54 (wir berichteten).

Zwei Häuser weiter droht der Türkenstraße 50 nun ein ähnliches Schicksal: Nachdem das Anwesen im Frühjahr dieses Jahres verkauft wurde, ist derzeit geplant, das Vordergebäude zu sanieren – das gesamte Rückgebäude hingegen soll abgerissen werden. Das teilte das Sozialreferat auf eine Anfrage der Linken mit. Das heißt also, aus diesem Wohnkomplex müssen die Mieter nach und nach weichen. Für was genau sie weichen müssen, steht zwar noch nicht endgültig fest, jedoch ist klar, dass der neue Investor Legat Living heißt. Ein Unternehmen, das bereits für Luxusobjekte in der Maxvorstadt bekannt ist: die Barer Höfe.

München Türkenstraße: Haus soll Neubau weichen - Einige Wohnungen schon länger leer

Ein Anwohner des Hauses, das für einen Neubau weichen soll, ist Stefan Sasse. Seit 25 Jahren hat er an der Türkenstraße seinen Lebensmittelpunkt. Nun soll das Mietverhältnis bis März kommenden Jahres einvernehmlich beendet werden – so der Plan der Investoren. „Das ist ein psychischer Druck, dem man da als Mieter ausgesetzt ist“, sagt die Vorsitzende des BA Maxvorstadt Svenja Jarchow-Pongratz (Grüne). Bereits jetzt sollen 25 Prozent der Wohnungen im Haus leer stehen, schätzt Sasse, der sich wundert, warum das genehmigt wird. „Es gibt Wohnungen, die seit anderthalb Jahren nicht vermietet sind.“ Neue Mieter erhalten seit einiger Zeit zudem nur noch befristete Verträge.

Früher Erhaltungssatzungsgebiet - heute erheblich im Wert verteuert: Das Viertel rund um die Türkenstraße.

Derweil wächst auch in der Nachbarschaft der Frust der verbliebenen Mieter. Das Vordergebäude der Türkenstraße 54 steht zwar aus Gründen des Denkmalschutzes noch, dort wird aber nutzbarer Wohnraum zurückgehalten. Wie aus einer Antwort der Stadt München, ebenfalls auf Anfrage der Linksfraktion, hervorgeht, stehen vier bereits renovierte Wohnungen leer. Dieser Wohnraum soll nicht etwa bald neu vermietet werden, sondern während des gesamten Umbaus im Areal unbewohnt bleiben. Andernfalls „würde man die potenziellen Mieter den Lärmbelastungen aussetzen, die von dem geplanten Neubau ausgehen“, begründete die neue Bauherrin den Leerstand gegenüber der Stadt.

München Maxvorstadt: Investor kauft Areal - Absurde Wertsteigerung wirkt sich auf Mieter aus

Doch auch die Bestandsmieter sind dem Baulärm ausgesetzt. Marianne Ott-Meimberg von der Mietergemeinschaft Türkenstraße 54 wertet die Aussage des Investors als „eine von mehreren etwas zynischen Antworten“. Zwar wird das Vorderhaus der Türkenstraße 54 nicht abgerissen, doch gibt es die Angst, dass die Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Laut Auskunft der Stadt ist der Wert des gesamten Grundstücks seit dem Verkauf des Gebäudes im Jahr 2007 um 370 Prozent gestiegen. Ein Sprecher der österreichischen Raiffeisenbank (der Mutter des Investors Real-Treuhand), sagte bezüglich der Befürchtungen im vergangenen Jahr gegenüber unserer Zeitung, ein einzelner Verkauf der Mietwohnungen sei derzeit nicht geplant.

Besonders folgenschwer für das Viertel: Das Gebiet um die Türkenstraße war bis in die 90er-Jahre Teil des Erhaltungssatzungsgebietes Amalienstraße, wodurch preiswerter Wohnraum erhalten bleiben sollte. Doch das Gebiet „wies Mitte der 90er-Jahre insbesondere kein ausreichendes Verdrängungspotenzial mehr auf“, weswegen das Gebiet nicht mehr unter die Satzung fiel, so die Landeshauptstadt. Die kommende Prüfung erfolgt zwar nächstes Jahr wieder – bis dahin sind die Abrissarbeiten für die Nummer 50 aber vermutlich schon im vollen Gange. Sasse: „Es ist erschreckend, wie schnell Leute ihre Heimat verlieren können.“

In Anbetracht des Wohnungsdrucks in der Maxvorstadt sieht der Bezirksausschuss einen dringenden Handlungsbedarf was den Leerstand und die damit verbundene Zweckentfremdung betrifft. „Das Problem brennt hier wirklich“, unterstreicht Ruth Gehling von den Grünen. Deswegen plant der BA einen gebündelten Antrag zum Thema Leerstand und Zweckentfremdung in der Maxvorstadt. Denn Leerstand sei nur dann in Ordnung, wenn zügig neuer Wohnraum geschaffen werde. Davon könne in diesem Fall aber keine Rede sein, sagt Jarchow-Pongratz. Schließlich bestehe beispielsweise die „Baulücke in der Türkenstraße 52/54 nicht erst seit gestern“.

München und seine Viertel: Gentrifizierung macht einst liebenswerte Stadt kaputt

„Meistens fängt es damit an, dass ein Dachgeschoss zur schicken Penthousewohnung ausgebaut wird“, erklärt Anja Franz, Pressesprecherin vom Mieterverein München die Gentrifizierung. Das Phänomen ist leichter erklärt, als es der Name zunächst suggeriert: Steigende Nachfrage und höhere Kaufpreise werten ein Viertel allmählich auf. Und das geht so: Tante-Emma-Läden werden durch hippe Designer-Shops und Architektenbüros verdrängt. Immer mehr reiche Leute ziehen her. „Dann steht in einem ehemals ärmeren Stadtteil plötzlich der Porsche Cayenne vor der Haustür“, so Franz.

Die Folge: Alteingesessene Haushalte können sich das Leben nicht mehr leisten. Seit den 80er-Jahren wurden vor allem die innenstadtnahen Viertel dem Strukturwandel unterzogen: im Glockenbach, dem Drei-Mühlen oder beim Schlachthof. Franz: „Jetzt schwappt die Gentrifizierung langsam über in die Au - ganz extrem ist es in Untergiesing.“ Eher unberührt sind noch Milbertshofen, Neuperlach oder Allach.

Vor Corona erklärte uns Markus Söder im Interview, „München darf kein Metropolis der Besserverdiener“ werden. Doch obwohl es längst Wachstumsschmerzen gibt, geht der Zuzug in die Stadt munter weiter. (Leonie Hudelmaier) *tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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